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Kolumne Oettle über allesSo wie Sie sind, sind Sie nicht gut

Die Adventszeit zwischen Massenhaltungswurst und Monokulturtanne ist der alljährliche Gipfel der Scheinheiligkeit. Gegen selbstgerechte Schwaben helfen EU-Zölle oder das neue Buch „Moralische Ambition“ von Rutger Bregman, meint unser Kolumnist.

Spieglein, Spieglein am Weihnachtsbaum? Mancher mag sich die Kugel geben. Foto: Joachim E. Röttgers

Von Cornelius W. M. OettleDie Zeichen sind eindeutig: Es geht aufs Ende zu. Aus dem Papiercontainer um die Ecke quillen die Amazon-Kartons. Bei meinem Foodsave-Laden, der Lebensmittel rettet, die Supermärkte sonst wegwürfen, stapeln sich die Mandarinen bis unters Dach. Ebenso die Adventskalender und Schokoladennikoläuse. Wobei letztere dort ohnehin das ganze Jahr lang erhältlich sind. Überproduktion sei Dank. Es geht aufs Ende zu. Zumindest aufs Jahresende.

Ich bin leider kein Weihnachtsfan. Drum kann ich Ihnen auch keine nach Zimt und Zirbe duftende Weihnachtskolumne bieten. Alle Jahre wieder gelingt es mir nicht, in der Adventszeit zwischen Massenhaltungswurst, Monokulturtanne und energieintensivem Lichterschmuck etwas anderes zu sehen als den Gipfel unserer Scheinheiligkeit, die ja in den restlichen Monaten schon kaum zu ertragen ist. Meine liebste Bibelgeschichte war immer die Tempelreinigung.

In Glaubensfragen stehe ich den Ietsern nahe. Bevor Sie jetzt Ihre Tochter oder so fragen, die es auch nicht weiß, und die dann ihre gegenwärtige Tätigkeit unterbrechen und enerviert für Sie googlen muss: Der Ietsismus leitet sich ab vom niederländischen Wort „iets“. Zu Deutsch: „etwas“.

Die Ietser glauben, dass da ein Etwas zwischen Himmel und Erde existiert, halten aber die Erklärungen gängiger Religionen für wenig überzeugend. Sie ahnen, dass dieses Etwas wohl nicht hundertpro dem entspricht, was sich ein Oblaten- und Rotweinenthusiast vor 2000 Jahren ausgedacht hat. Respektive was sich die Armut predigenden Männer im goldenen Palast bei Rom daraus zurechtpervertiert haben.

Jauchze und frohlocke, aber bitte leise

Wer etwa aus der Kirche ausgetreten ist, weil er Netzwerke für sexuelle Kindesnötigung nicht so dolle findet und unter Umständen sogar Frauen für vollwertige Menschen hält, ist womöglich Ietser, ohne es zu wissen. Für Details lassen Sie aber vielleicht doch besser Ihre Tochter googeln.

So richtig in Weihnachtsstimmung kam ich jüngst dennoch. Als bei Instagram ein Video jubelnder Syrer zu sehen war, die auf dem Stuttgarter Schlossplatz den Sturz jenes Diktators feierten, dessentwegen sie aus ihrem Land geflüchtet waren. Wohlig wärmten mir da die unzähligen Kommentare der Stuttgarter Bürger das Herz: „Gute Heimreise!“, schrieben die Kesselbewohner. „Schön, dass die jetzt wieder in ihren Kulturkreis zurück können!“ Und besonders christlich: „Also dass die sich freuen is ja okay und schön, aber wir feiern hier 2. Advent und muss man da lautstark über den Schlossplatz marschieren? Hier leben auch andere und Familien wollen vielleicht gerne besinnlich den Weihnachtsmarkt genießen!“

Schwabengeheul wegen Kommunistenkarren

So sind wir Schwaben. Die Weihnachtsbotschaft im heiligen Länd: Jauchze und frohlocke, aber bitte leise, ich will ungestört neben dem Coca-Cola-Weihnachtsmann meinen Hot Aperol bechern wie‘s im Matthäus-Evangelium steht.

Als ich mich im Netz darüber lustig machte, dass Stuttgarter ihre Besinnlichkeitsbesoffenheit über den Jubel ob des Tyrannenfalls stellen, hielt man mir von rechts die Frage entgegen, was denn wohl los wäre, wenn geflüchtete Deutsche im arabischen Ausland zu Ramadan einen Regierungssturz feierten. Guter Gott! Allein die Vorstellung, welch exercitium mentale: geflüchtete Deutsche, die vor dem Gebäudeenergiegesetz davongelaufen sind und in Riad mit wehenden Fahnen beim Zuckerfest wärmepumpenverbrennend das Ampel-Aus zelebrieren.Derlei Schwabengeheul wird in Zukunft nicht weniger: Wenn im Südwesten nach und nach die Automobilindustrie flöten geht, weil die Branche jahrzehntelang geschlafen hat, wacht Stuttgart als neues Detroit auf. Die chinesischen Kommunistenkarren, von der Zentralregierung mit klarem Plan gefördert, drohen unsere westliche Kein-Plan-Wirtschaft zu überrollen.

Hoffentlich rettet uns die EU, indem sie den Niedergang der Metropolregion Stuttgart mit grotesken Brutalozöllen verhindert. Lieber eine gescheiterte Mobilitätswende als das unerträgliche Jammern verarmender Schwaben. Denn unsere Vermögen sind doch unser Persönlichkeitsersatz. Ohne Besitz sind wir einfach nur anstrengende Deutsche mit ulkigem Dialekt, also Sachsen.

Mut für die Zukunft machen folglich weder Christen noch Schwaben. Wohl aber ein bekannter Ietser: Rutger Bregman. Der niederländische Historiker hat ein herausragendes neues Werk namens „Moralische Ambition“ geschrieben. Einem „Hauck & Bauer“-Witz zufolge trägt das schlechtestverkaufte Buch der Welt den Titel „Sie sind selbst schuld!“ Ganz so weit geht Bregman nicht, aber schon die Überschrift des ersten Kapitels lautet: „Nein, so wie Sie sind, sind Sie nicht gut“.

Socken und Burger statt Problemlösung

Seine These: Viel zu viele Menschen vergeuden ihr Talent. Und das bisweilen sehr erfolgreich. Sie richten sich bestens ein in der Kein-Plan-Wirtschaft: Sie entwickeln noch eine Dating-App, starten noch einen Lieferdienst, eröffnen noch eine Weinhandlung und noch einen Burgerladen. Oder gründen ein Start-up, das Sockenautomaten an Flughäfen aufstellt. Sicher praktisch, wenn man auf Reisen seine Reservestrümpfe versehentlich vollgewichst hat oder so – aber was hätten all diese engagierten Menschen erreichen können, wenn sie sich nicht der flächendeckenden Socken- und Burgerversorgung, sondern einem gravierenden Problem verschrieben hätten? „Die hellsten Köpfe meiner Generation denken darüber nach, wie man Leute dazu bringt, auf Anzeigen zu klicken“, klagte Facebook-Programmierer Jeff Hammerbacher schon vor mehr als zehn Jahren.

Um seine Leser zu inspirieren, derartig ziellose Karrierewege zu verlassen, erzählt Bregman Geschichten von moralisch ambitionierten Leuten. Unter anderem vom Unternehmensberater Rob Mather, der anno 2003 sein Leben von einem auf den anderen Tag änderte, die „Against Malaria Foundation“ gründete und damit bis heute locker 100.000 Leben rettete.

Und vom niederländischen Eigenbrötler Arnold Douwes, der 1942 damit begann, verfolgten Juden beim Untertauchen zu helfen. Und dabei unverhofft ein beachtliches Netzwerk an Unterstützern aufbauen konnte. Die Erkenntnis daraus ist so bedeutsam wie simpel und womöglich die wichtigste Passage des ganzen Buchs: All diese Menschen, die sich Douwes anschlossen, hatten nicht viel gemeinsam. Manche waren vermögend, manche nicht, manche religiös, manche kommunistisch. Es zeigte sich aber, „dass fast alle Menschen sich in Bewegung setzten, wenn diese eine Bedingung erfüllt war – um genau zu sein: 96 Prozent. Und diese Bedingung war? Ganz einfach: Man musste gefragt werden“. Mein Gefühl ist: Auch heute warten etliche Menschen jeden Tag darauf, dass jemand sie endlich fragt.

Viel aufklären, wenig handeln

Ich fürchte, dass Bregman recht hat, wenn er sagt: Viele von uns haben es sich zu bequem gemacht. Wir schaffen Bewusstsein für Missstände, aber Missstände nicht ab. Wir klären auf mittels Instagram-Story, Twitter-Thread und Whatsapp-Status. Empfehlen einander Netflix-Dokus über Konsumwahn, beklatschen kritische Theaterstücke über Umweltverschmutzung. Schreiben schlaue Bücher wie Herr Bregman oder blöde Kolumnen wie Herr Oettle. Aber tun wir gegen all die Übel, auf die wir täglich aufmerksam machen, irgendwann auch mal was? Nö. Uns fragt ja keiner.

Bregman will das ändern. Er hat jetzt eine „Schule der moralischen Ambition“ gegründet, um talentierte Köpfe zu rekrutieren, die die großen Probleme unserer Zeit lösen sollen. Mit ihrer Ambition meinen sie‘s ernst: Zum Auftakt wollen sie gleich mal die Massentierhaltung abschaffen. Die Kommentare aus Stuttgart seh‘ ich schon vor mir: „Denken diese Weltverbesserer auch mal daran, was wir dann auf dem Weihnachtsmarkt mampfen sollen?!“

Und ja, liebe Linke: Selbstredend begradigen individuelle Anstrengungen keine systemische Schieflage. Selbstredend müssen gesellschaftliche Strukturen dahingehend geändert werden, dass Menschen- und Umweltfreundlichkeit nicht nur was fürs Ehrenamt ist, sondern dass wir alle gut davon leben können, Gutes zu tun. Trotzdem ist Kapitalismus ohne Malaria besser als Kapitalismus mit Malaria. Auch wenn der uns zweifellos die nächste Seuche bringen wird – mit diesem hoffnungsfrohen Schlusswort verabschiede ich mich für dieses Jahr. Gute Feiertage und frohen Rutsch!

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