Kolumne Nullen und Einsen

Mach es wie die Armbanduhr …

In der Evolution der Dinge sind mechanische Uhren wie Dinosaurier. Doch anstatt auszusterben, zählen sie als Luxusgüter. Was lernen wir daraus?

Ein junger Mann mit Stirnlampe repariert eine Uhr

Uhrmacher, ein Beruf mit Zukunft! Foto: ap

Wer hat’s erfunden? Die Schweizer. Dort wurde im Herbst eine neue mechanische Armbanduhr vorgestellt. Sie gilt als revolutionär, denn sie zeigt 25 Stunden … nee, Scherz. Aber das mit der neuen Uhr, das stimmt wirklich. Die „Defy Lab“ von Zenith soll das genaueste Uhrwerk aller Zeiten haben und rühmt sich mit der ersten grundlegenden Überarbeitung des Inneren einer mechanischen Uhr seit 375 Jahren.

Die Defy Lab hat nämlich keine Unruh mehr. Dafür [Technik-Babbel: on] einen Gangregler aus monokristallinem Silizium, der unempfindlich gegenüber Temperaturschwankungen und Magnetfeldern ist, ihr Gehäuse besteht aus dem superleichten Aluminium-Composite Aeronith [/Technik-Babbel: off]. Nur zehn Exemplare wurden bisher gefertigt, für jeweils knapp 30.000 Franken. Sie wurden alle verkauft.

Nun fragt man sich: Was soll der Quatsch? Dass es mechanische Uhren überhaupt noch gibt, scheint wie ein Ding-evolutorisches Missverständnis. Uhren haben nur eine Aufgabe: Sie sollen zuverlässig die Zeit anzeigen. Daran kann man rumoptimieren, klar. Aber seit dem Durchbruch der Quarzuhren machen sie ihren Job gut genug, um 99,9 Prozent aller Konsumenten zu befriedigen. Und das nicht für 30.000 Franken, sondern für eine Handvoll.

Was damals passierte, heißt je nach Perspektive „Quarzrevolution“ oder „Quarzkrise“. Ende der 1960er-Jahre konnten, dank verbesserter Halbleitertechnologie, erstmals Quarz­oszillatoren in handelsüblichen Uhren verbaut werden. Deren Preise sanken innerhalb eines Jahrzehnts von „der Preis eines Kleinwagens-über „so teuer wie 25 Liter Milch“- auf „Werbegeschenk bei der Sparkasse“-Niveau.

Die Dummen waren die Hersteller, die nicht auf diesen Wandel vorbereitet waren. Und das waren fast alle europäischen. In Asien erblühte die Uhrenproduktion, im Schwarzwald brach sie zusammen. Von 32.000 Arbeitsplätzen im Jahr 1970 sind heute noch rund 1.000 übrig. In der Schweiz sanken die Beschäftigtenzahlen von 90.000 (1970) auf 28.000 (1988).

Ein Modell für die taz?

Seitdem bräuchte die Welt keine mechanischen Uhren mehr, aber, von wegen: Es gibt nicht nur welche, sie sind auch noch richtig teuer. Warum? Weil sie überflüssig und selten geworden sind. Und Überflüssiges ist zwar meistens Müll, kann aber auch Luxus sein. Man muss es nur richtig vermarkten.

Davon können sich auch für die Betroffenen anderer digitaler Revolutionen eine Scheibe abschneiden. Verstanden hat die Sache mit der Verknappung der Wu-Tang Clan, der 2014 sein Album „Once Upon a Time in Shaolin“ genau einmal herstellte und dann an den Meistbietenden verkaufte. Erlös: zwei Millionen Dollar.

Vielleicht ist das ja auch ein Modell für die taz. Statt dauernd neue Abonnenten zu werben, sollten wir lieber welche rausschmeißen. Statt 50.000 Zeitungen für 1,60 Euro sollten wir lieber 50 Zeitungen für 3.000 Euro verkaufen, mit handgeschriebenen Artikeln, vom Boten direkt überbracht.

Von der Uhrenindustrie lernen heißt verlieren lernen. Doch von ihren Resten lernen heißt siegen lernen!

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Jahrgang 1980, lebt in Berlin und arbeitet als freier Journalist, Redakteur und Lektor, unter anderem für die taz, zeit.de und fluter.de. Schreibt Kolumnen, Rezensionen und Alltagsbeobachtungen im Feld zwischen Popkultur, Medien, Internet, Berlin, Sport und Tieren.

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