Kolumne Marx 2.0.: Mit AC/DC am Hindukusch

Wird der Verteidigungsminister und Baron zu Guttenberg uns darüber aufklären, was die Bundeswehr eigentlich genau in Afghanistan macht?

Die wichtigste Personalie im neuen Kabinett Merkel wird am wenigsten wahrgenommen: Zu Guttenberg (CSU) ist Verteidigungsminister. Was bedeutet das wirklich? Wurde der Mann tatsächlich, wie alle schadenfroh streuen, "nach Afghanistan abgeschoben"? Weil sein Stern den von Merkel und Seehofer überstrahlte?

Keineswegs. Für ihn - und das Thema Afghanistan - geht es jetzt erst los. Als Erstes wird der junge Baron das Alleinstellungsmerkmal "Endlich ein Politiker, der die Wahrheit sagt", in den Medien ausbauen. Diese "Wahrheit" hat natürlich nichts mit der Wirklichkeit am rauen Hindukusch zu tun, wo 98 Prozent der Menschen keinen Kontakt mit den paar verängstigten Bundeswehr-Desperados haben, die dort zwischen ihren drei Zeltlagern hin- und herfahren. Sie richten viel Schaden in den Köpfen von Milliarden Menschen an - nämlich den Moslems.

Nein, diese Wahrheit ist nicht gemeint, wenn Karl-Theodor zu Guttenberg von der Wahrheit sprechen wird, der man sich endlich stellen müsse. Sondern dass er das Wort Krieg mutig in den Mund nimmt. Dass er sich traut, Truppenverstärkungen zu verlangen und engagiert dafür einzutreten. Dass er ungeschminkt sagt, die Lage sei dramatisch und erfordere sozusagen Blut, Schweiß und Tränen. Und viel mehr Aufwendungen als bisher. An Menschen, Geld und Material. Und Durchhaltewillen. Den Willen, diesen Krieg auch zu wollen, sich nicht mehr länger für ihn zu schämen. Vorgänger Jung war doch jeder Tote fast peinlich. Aber zu Guttenberg hat selbst bei den Gebirgsjägern gedient. Der war freiwillig bei der Bundeswehr, trotz Abitur! So einen hat es noch in keinem Bundeskabinett gegeben.

Ja, endlich bekennt einer Farbe, werden die Medien jubeln. Kein verdruckstes Ausweichen mehr, sondern ein klares "Wenn schon, denn schon": Entweder man will den Krieg, dann aber bitte richtig, oder man lässt es. Die armen Teufel in den Bergen fahren weiter sinnlos auf Minen und man verzichtet nun auf die Lügen vom Brunnenbohren und Mädchen-in-die-Schule-Schicken. Krieg ist Krieg, heißt es nun.

Das aber ist auch eine Chance. Denn zu Guttenberg mag das Soldatenleben lieben (und bezeichnenderweise die schlechteste Musik, die je gemacht wurde, "AC/DC"), doch noch mehr liebt er seine Popularitätswerte. Jung war ein Büttel der Rüstungsindustrie, ein Mann mit Gewissen, der nachts nicht schlafen konnte, eine tragische Figur.

Der Baron ist da ein anderer Schnack. Ihm wäre es zuzutrauen, mitten im reißenden Fluss kehrtzumachen und den "Krieg" kurzerhand für beendet zu erklären. Schluss mit dem makabren Manöver, alle Jungs zurück in die Kaserne, basta. Und auch das dann wieder als besonders mutig zu verkaufen. Er könnte das in seinem zweiten Jahr tun. Wenn alles andere leergelaufen ist. Wenn er mit schneidigen Sprüchen in keine Talkshow mehr kommt. Wenn nicht einmal mehr seine fantastische Frau Stephanie zu Gottschalk darf.

Zwei Standardlügen der deutschen Politik, die sich wie Mantras ins öffentliche Bewusstsein gebrannt haben, müssten vorher liquidiert werden, nämlich "Man kann nicht von heute auf morgen einfach abhauen" (dieser Tag von heute auf morgen dauert rhetorisch schon mehrere Jahre) und "Gerade wenn es schwierig wird, müssen wir standhalten". Von Stalingrad bis Steinmeier war das der Zaubertrick, ein totales Versagen in Charakterstärke umzudeuten: Ich habe verloren, und gerade deswegen mache ich weiter. Zu Guttenberg müsste also sagen: Ich habe mich geirrt, die Truppenverstärkung hat nichts gebracht, deswegen machen wir nicht weiter.

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