Kolumne Männer: Der Date Doktor

Sind sie eine Mann mit einem Durchschnittsgesicht und suchen eine Frau? Dann stehen Sie vor einer schrecklichen Entscheidung.

Es war einer dieser Abende, wie sie jetzt wieder häufiger werden. Die Sonne hatte noch keine Lust zu gehen, mein guter Freund und ich hingegen waren schon da. Wir wurden von zwei Bieren am Leben er-, von Gartenstühlen ge- und von Passanten unterhalten, deren dünne Kleidung anscheinend den Frühling herbeizwingen sollte. Der perfekte Abend also, um über Grundsätzliches zu reden. Über Männer, Frauen und das Gesundheitssystem.

"Britische Wissenschaftler haben herausgefunden", dozierte ich, "dass Frauen in Ländern mit schlechter Gesundheitsversorgung Machos bevorzugen." Ich nahm einen Schluck Bier, um meinem Freund Zeit zu geben, diesen Satz sacken zu lassen. Er schüttelte langsam den Kopf und sagte enttäuscht wie ein evangelischer Pfarrer: "Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, das bescheuert zu finden."

"Wieso?", frage ich. Er: "Na, wie misst man denn Machotum?" Ich legte dem erzürnten Freund einen Artikel hin. Darin stand sinngemäß: Bei einer Befragung mussten sich mehr als 4.500 weiße Frauen aus 30 Ländern zwischen zwei Bildern entscheiden. Auf dem einen war die kantigere Version eines Männergesichts zu sehen, auf dem anderen war dasselbe Antlitz runder dargestellt. Arnold Schwarzenegger gegen Oliver Pocher sozusagen. Das Ergebnis: "Je niedriger der von den Vereinten Nationen angelegte Gesundheitsindex NHI eines Landes war, desto mehr zogen die Frauen einen kantigen Kerl einem eher weiblich aussehenden Mann vor."

Die nun eintretende Stille müssen Sie, lieber Leser und liebe Leserin, sich als möglichst unangenehm vorstellen. Mein Freund und ich hätten einander in dieser schweren Stunde versichern können, dass diese Befragung der Universität Aberdeen gar nichts beweist. Wir hätten das Testverfahren kritisieren können und die Gleichsetzung von kantigem Schädel und Machotum. Stattdessen kraulten wir uns prüfend das Kinn.

Um der Antwort zu entgehen, taten wir, was immer hilft: Wir redeten uns die Sache schön. "Wir haben ja ein sehr gutes Gesundheitssystem in Deutschland", sagte mein Freund. Er sah besorgt aus: "Haben wir doch, oder?"

"Joooh, klar", sagte ich eilig. Meine Stimme war die eines Erwachsenen, der einem verängstigten Kind auf die Frage nach dem Tod antwortet: "Bis dahin dauert es noch gaaaaanz lange."

"Allerdings", fügte ich hinzu, "sieht es für die Zukunft des Gesundheitssystems ja nicht so dolle aus. Immer mehr Alte, steigende Kosten für Pflege und Apparatemedizin und so." Mein Freund guckte wie das bereits erwähnte Kind, dem ein Erwachsener gerade gesagt hat: "Schreckliche Sache, dieser Tod. Deine Eltern könnten die Nächsten sein. Willst du ein Eis?"

"Das heißt", sagte mein Freund irritiert, "wir müssen hoffen, dass Philipp Rösler es tatsächlich schafft, die Kosten im Gesundheitswesen zu drücken?" Er stockte: "Damit wir Milchgesichter noch Erfolg bei Frauen haben, müssen wir FDP wählen?" Beziehungselend oder FDP wählen: So also fühlte sich Meryl Streep in "Sophies Choice". Was solls. Lebensglück wird eh überschätzt.

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Journalist & Buchautor. Von 2005 bis 2014 war er Politik-Redakteur und Kolumnist der taz. Sein autobiographisches Sachbuch "Das Erbe der Kriegsenkel - Was das Schweigen der Eltern mit uns macht" wurde 2016 zum Bestseller. Ende 2019 veröffentlichte er den Nachfolger "Das Opfer ist der neue Held - Warum es heute Macht verleiht, sich machtlos zu geben".

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