Kolumne Männer: Problem-Penis

Penisse haben einen schlechten Ruf. Kaum ein Mann scheint noch zufrieden mit ihm zu sein

Kind zu sein hat Vorteile. Zwar ist man klein und blickt daher in viele haarige Nasenlöcher, aber viele Fallstricke des Erwachsenenlebens müssen einen noch nicht scheren. Im Gegenteil: Wenn man über einen dieser unsichtbaren Stricke stolpert, finden die Menschen mit den Nasenhaaren es sogar süß. Ein Freund erzählte mir von einem Dialog seiner vierjährigen Tochter und einem Dreijährigen. Junge: "Hast Du auch einen Penis?" Mädchen: "Nee, ich hab' `ne Scheide." Darauf der Junge: "Und, bist Du traurig?"

Solche Anekdoten lassen sich übrigens auch prima nutzen, um über Heikles zu sprechen. Über Penisse zum Beispiel. Diese haben ja einen schlechten Leumund. Zeichen männlichen Dominanzstrebens soll er sein, irgendwie aggressiv, und das Denken jedes Mannes soll er ohnehin vernebeln. Wenn er öffentliche Erwähnung findet, dann selten ohne eines der negativ gemeinten Attribute -gesteuert oder -fixiert. Positiv über ihn reden dürfen eigentlich nur Frauen, die ihn in kaum verhüllten Worten ob seiner Größe loben. Der Penis, wenn ich das so sagen darf, steckt also in einem Dilemma: Er macht einerseits etwas falsch, indem er existiert oder angeblich zu Diktatorenallüren neigt. Oder aber er gilt als zu klein. Auf jeden Fall ist er nicht einfach da, wenn man morgens aufwacht. Er ist zum Problem geworden.

Deshalb passt der eingangs erwähnte Dialog so gut. Die Existenz und mögliche Folgen des Penisneids sind umstritten, seit ihn Sigmund Freud vor mehr als hundert Jahren beschrieb. Die Anekdote legt scheinbar nahe, den Komplex gebe es wirklich. Aber etwas stimmt nicht: Das Mädchen erwähnt ihn gar nicht. Der Junge unterstellt dem Mädchen, es sei auf sein noch ziemlich unnützes Beiwerk neidisch. Diese Selbstzufriedenheit büßen viele Männer ein.

Wie sonst ließe sich erklären, dass einige von ihnen ihren Penis fotografieren, das Bild ins Internet stellen und um Bewertungen bitten? Ich habe für Sie, liebe Leser, einen Abend meines begrenzten irdischen Lebens geopfert, um mir die Seite www.penis.de genauer anzuschauen. Viele Halter der dort versammelten Geschlechtsorgane versehen die leider sehr farbigen Abbildungen mit Hinweisen wie dem, das Foto sei "von oben links" aufgenommen oder, es sei "mein steifer penis" zu sehen. Die Besucher vergeben freigebig Lob für kleinere wie größere Ansichtsexemplare. Selbst jener bedauernswerte Mann mit Nutzernamen "bandit", der darauf hinweist, sein Penis "verschwinde" oftmals, erhält - hoffentlich mitfühlend gemeinte - Kommentare wie "war wohl sehr kalt an dem Tag". Etwas muss man Herren wie "Donald Dick" lassen: Sie scheinen einen Weg gefunden zu haben, es sich in der Hysterie über "maskulin erfreutes Außengedärm" (Max Goldt) gemütlich zu machen.

Und ist das nicht eine Aufgabe, die es auch sonst zu meistern gilt: über den Irrsinn des Menschseins nicht selbst irre zu werden? Vorbildlich schafft dies ein dreijähriges Mädchen, von dem mir eine Freundin berichtete. Gefragt, in welcher Kostümierung sie Karneval feiern wolle, antwortete die Kleine fröhlich: "Ich gehe als Penis!" Als ich das hörte, wurde ich sehr neidisch.

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Journalist & Buchautor. Von 2005 bis 2014 war er Politik-Redakteur und Kolumnist der taz. Sein autobiographisches Sachbuch "Das Erbe der Kriegsenkel - Was das Schweigen der Eltern mit uns macht" wurde 2016 zum Bestseller. Ende 2019 veröffentlichte er den Nachfolger "Das Opfer ist der neue Held - Warum es heute Macht verleiht, sich machtlos zu geben".

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