Kolumne Fernsehen: Badewannenblues

Welches Bild haben wir automatisch vor Augen, wenn wir an Uwe Barschel erinnert werden?

Wer ist die prominenteste Leiche in Deutschland? Uwe Barschel. Gewiss nicht der bedeutendste Tote, wohl aber die bekannteste Leiche. Der ehemalige Ministerpräsident von Schleswig-Holstein wurde 1987 tot im Bad seines Hotelzimmers aufgefunden, wenige Wochen nach aufsehenerregenden Enthüllungen und Behauptungen im Zusammenhang mit einem damals erst kurz zurückliegenden Landtagswahlkampf.

Hat der CDU-Politiker doch Selbstmord begangen? Oder wurde er ermordet, wie seine Witwe Freya von Anfang an behauptet hatte?

Keine Ahnung. Manches spricht dafür, dass die Behörden es sich allzu leicht gemacht haben, als sie sich dafür entschieden, die Akten zu schließen.

Vielleicht haben sie es sich auch nicht nur einfach leicht gemacht. Vielleicht war die Einstellung der Ermittlungen ein veritabler Skandal. Ich weiß es nicht. Aber ich bin sicher, dass wir - also die Öffentlichkeit - das bald erfahren werden. Schließlich gibt es einige Leute, die sich mit der Frage intensiv befasst haben, und sie werden wohl nicht mehr locker lassen.

Etwas allerdings steht schon jetzt fest, ganz egal, wie Uwe Barschel zu Tode gekommen ist: Er ist zu einem Symbol für den Verfall der Sitten geworden. Und zwar nicht, wie ursprünglich angenommen, wegen seines Verhaltens.

Gut möglich, dass er völlig zu Recht im Mittelpunkt einer Affäre gestanden hat. Unabhängig davon, ob er sich das Leben genommen hat oder nicht. Vielleicht war er ein zutiefst unmoralischer Mensch. Vielleicht auch nicht.

Aber die Art und Weise, wie über seinen Fall berichtet wird, ist in jedem Falle skandalös. Die Älteren werden sich erinnern: Die Tatsache, dass ein Reporter in das Hotelzimmer von Barschel eingedrungen war, den Toten im Badezimmer vorgefunden und dann Fotos von der Leiche in der Wanne geschossen hatte, sorgte seinerzeit für eine erregte ethische Diskussion. Eine der wenigen medienpolitischen Debatten übrigens, für die sich auch breite Teile der Öffentlichkeit interessierten - vergleichbar denen über die Spiegel-Affäre und die gefälschten Hitler-Tagebücher.

Durfte der Reporter in das Zimmer von Barschel eindringen? Durfte er diese Fotos machen? Und: Durfte er sie veröffentlichen? Fragen, die damals - mehrheitlich - erstaunlich klar beantwortet wurden. Nämlich verneint. Dem Reporter, der eigentlich wenig später zu der Wochenzeitung hätte wechseln sollen, die sich als intellektuelle Avantgarde der Bundesrepublik verstand, wurde von eben jener Zeitung bedeutet, er sei unerwünscht.

Mit der Entscheidung, den Reporter nicht beschäftigen zu wollen, hatte die Zeit recht. Das war nicht nur moralisch geboten, sondern entsprach damals - was für ein glücklicher Zufall - auch noch dem Zeitgeist.

Der ist bekanntlich wankelmütig. Heute taucht im Fernsehen - nicht nur bei den Privatsendern - in Tageszeitungen und in Wochenmagazinen immer ein und dasselbe Bild auf, wenn von Uwe Barschel die Rede ist: seine Leiche in der Badewanne. Wie hoch ist der Informationswert dieses Bildes? Null. Warum also wird es gezeigt? Weil Leichenbilder irgendwie cool sind. Also die Quote heben.

Die Witwe von Uwe Barschel lebt noch. Seine Kinder auch. Man mag sich gar nicht ausmalen, was in der Familie vorgeht, wenn sie wieder und wieder den Ehemann und Vater tot in der Badewanne liegen sieht. Gerne auch überraschend, weil ein Sender wieder eine Nano-Nachricht gefunden hat, die der Erwähnung wert ist. Wäre jede Nano-Nachricht ohne das wohlig gruselige Bild auch der Erwähnung wert? Zweifel sind angebracht.

Es gibt viele Fotos vom lebenden Uwe Barschel. Wenn es inzwischen für selbstverständlich gehalten wird, dennoch das Bild des toten Uwe Barschel zu zeigen, dann zeugt das von einer Verrohung der Medien. Aber die Medien zeigen nur, wonach öffentliche Nachfrage besteht. So ist das im Kapitalismus. Er bietet keine Entschuldigung für Voyeurismus.

Fragen zum Foto? kolumne@taz.de Morgen: Martin Reichert über LANDMÄNNER

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