Kolumne Fernsehen: Macht und Marktgesetze

Vier Sender und eine Quote: Beim Fernsehduell mit Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier bleibt das Radio aus. Leider.

Es gibt einen richtig fetten Streit - und das mitten im Wahlkampf! Erstaunlich. Zwar sind die Wahlkämpfer selbst nicht daran beteiligt, und es geht auch nicht nicht um eine im engeren Sinne politische Frage, aber immerhin. Man ist ja inzwischen dankbar, wenn Leute überhaupt eine Meinung haben. Gestritten wird allerdings nicht über die Linie der nächsten Regierung, sondern nur über die Frage, auf welchem Weg die Informationen darüber an die Wählerinnen und Wähler gelangen dürfen. Der Zankapfel ist also die Kontrolle über die Kommunikationswege. Aber ist das nicht sowieso das Wichtigste, immer und überall?

Die Zeiten sind hart, die Bandagen werden härter. Deshalb darf das Deutschlandradio - anders als vor vier Jahren - die Sendung nicht live übertragen, die gemeinhin als Fernsehduell bezeichnet wird. Nun ist das mit dem Duell so eine Sache. Angesichts der Lustlosigkeit der bisherigen Auseinandersetzung kann man vermuten, dass auch das Gespräch zwischen Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier am 13. September eher eine gepflegt-gelangweilte Abendunterhaltung sein wird als ein Kampf mit Feuer und Schwert. Aber es wird schon jemanden geben, der so etwas mag. Sogar die schönsten Eisenbahnstrecken Europas, die nachts in der ARD laufen, haben ja eine irgendwie messbare Quote.

Allerdings müssen sich für das sogenannte Duell der Bewerber ums Kanzleramt gleich vier Sender die Quote teilen: ARD, ZDF, RTL und Sat.1. Das ist bitter - da bleibt für den Einzelnen nicht viel übrig vom Kuchen. Nun soll wenigstens niemand anders mehr Schnitte machen, obwohl auch die Ministerpräsidenten Kurt Beck und Günther Oettinger energisch Einspruch dagegen erhoben haben, dass der Hörfunk draußen bleiben muss. Peter Limbourg, Sat.1-Moderator und Chefredakteur des Schwestersenders N24, beschied sie kühl: "Es handelt sich um ein originäres TV-Duell, das die Sender ausgerichtet und bezahlt haben."

Was "ausrichten" in diesem Zusammenhang bedeutet, weiß man nicht so genau. Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier wollen schließlich nicht heiraten. Was "bezahlen" bedeutet, weiß man hingegen ganz genau: Wer zahlt, schafft an. Jedenfalls dann, wenn es sich um privatwirtschaftlich organisierte Unternehmen handelt. Die öffentlich-rechtlichen Sender bekommen ihr Geld allerdings nicht von Aktionären und auch nicht überwiegend von Werbekunden. Sondern von der Allgemeinheit.

Wer Limbourg ernst nimmt, ahnt, wie Sat.1 den Slogan für eine Wahlkampf-Talkshow gemeint haben könnte, den man - wohlwollend - bisher nur als vollmundig und anmaßend eingestuft hatte: "Wer an die Macht will, muss hier durch", verkünden die Moderatoren Sabine Christiansen und Stefan Aust im Trailer. Stimmt ja. Es ist der vermutlich ehrlichste Satz des ganzen Wahlkampfs. Wer an die Macht will, muss sich den Marktgesetzen unterwerfen. Obwohl es ja erlaubt ist, einen Augenblick zu träumen: Wie wäre es, wenn alle eingeladenen Gäste sagten: Nee, nee, nehmt euch mal nicht so wichtig. Der Weg an die Macht führt durch die Wahlkabine, nicht durch euer Studio. Wir kommen einfach nicht … wie wäre das? Wunderbar wäre das. Aber völlig unrealistisch. Ich schweife ab.

Zurück zum sogenannten Duell. Auch ein Behindertenverband protestiert inzwischen dagegen, dass die Fernsehsender mauern. "Die vielen Menschen mit Handicaps, die nur den Hörfunk nutzen können, dürfen nicht von der einzigen Livediskussion der Kanzlerin mit ihrem Herausforderer ausgeschlossen werden", sagt Barbara Vieweg, Geschäftsführerin der "Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben". Recht hat sie. Aber für Fernsehleute kommt es auf ein paar Blinde offenbar nicht an.

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Jahrgang 1956, ist politische Korrespondentin der taz. Von 1996 bis 1999 leitete sie das Parlamentsbüro der Zeitung, vorher war sie sechs Jahre lang deren Korrespondentin für Ost-und Zentralafrika mit Sitz in Nairobi. Bettina Gaus hat mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt 2011 „Der unterschätzte Kontinent – Reise zur Mittelschicht Afrikas“ (Eichborn).

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