Kolumne Besser

Wählen Sie grün ohne Kindersex!

Sie wollen wählen, aber fürchten sich, hinterher enttäuscht zu werden? Davor können Sie sich wappnen. Zweiter Teil des großen Kleinparteien-Checks.

Können diese Münder lügen? Auch nicht mehr als die der Kleinparteien. Bild: dpa

Die kleinen Parteien haben ein großes Problem: die Fünfprozenthürde, welche, man weiß es aus dem Geschichtsunterricht, irgendwas mit den Nazis zu tun hat. (Die NSDAP bekam nur 3,3 Prozent, konnte sich aber, weil die anderen keine Lust hatten und es keine Fünfprozenthürde gab, die Macht erschleichen.)

Und weil alle glauben, dass niemand eine Kleinpartei wählt, wählt niemand eine Kleinpartei. Das aber ist erstens falsch und zweitens egal. Denn die geringen Erfolgsaussichten bieten auch Vorteile: Wenn die Partei Ihrer Gunst nicht in den Bundestag einzieht, kann sie Sie nicht enttäuschen. Zudem betont das Kreuz an vergeblicher Stelle Ihren Individualismus (Das Ich entscheidet, Depp!)

Je kleiner Ihre Kleinpartei, umso größer die Wahrscheinlichkeit, dass Sie allein in Ihrem Wahlbezirk deren Ergebnis um 100 Prozent steigern. Sollen doch die anderen hinterher fragen, wo ihre Stimme geblieben ist, Sie können lässig sagen: Genau da is my vote. Nach den ersten acht putzigen Mikroparteien hier die Gründe für die übrigen 21 Alternativen:

8. MLPD: Seit 1982 ist Stefan Engel Vorsitzender der MLPD, zwei Jahre trennen ihn von Helmut Kohl. Streichen Sie Kohl aus den Geschichtsbüchern, wählen Sie MLPD!

9. Die Partei: Bei einer „Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative“ ist für jeden was dabei. Ebenso universal das Wahlkampfmotto „Inhalte überwinden“. Da schmunzelt der verbitterte Oberstudienrat („Ha, die Etablierten haben die Inhalte doch längst überwunden!“), da grinst der RTL-II-Zuschauer („Geil, Titten!“). Wählen Sie die Partei Die Partei!

10. Partei Bibeltreuer Christen: „Die PBC tritt dafür ein, dass scheidungswilligen Ehepaaren oder Ehepartnern, deren Verantwortung vor Gott und den Menschen überzeugend und einfühlsam vor Augen geführt wird und Alternativen und Hilfen angeboten werden.“ Wählen Sie Mama, Papa, Kind; wählen Sie PBC!

11. Die Republikaner: Wie die Nazis, nur ohne Nazis. Wählen Sie republikanisch!

12. ÖDP: Wie die Grünen, nur ohne Kindersex. Wählen Sie ökologisch-demokratisch!

13. Partei für Soziale Gleichheit: „Unser Wahlkampf ist Teil einer weltweiten Kampagne des Internationalen Komitees der Vierten Internationale, revolutionäre sozialistische Arbeiterparteien aufzubauen.“ Super! Wählen Sie PSG!

14. Bündnis für Innovation & Gerechtigkeit: Die Muslimpartei, die bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus plakatierte: „Ja zu ein respektvolles Miteinander.“ Wählst du BIG komplett mit scharf!

15. Pro Deutschland: Kann auch kein Deutsch, ist aber schwer dafür: „Mangelnde deutsche Sprachkenntnisse insbesondere eines erheblichen Teils der Grund- und Hauptschüler behindern heute an vielen Schulen den Unterricht.“ Versuchen Sie erst gar nicht, antideutsch zu sein, aus der Nummer

16.-28. Sonstige: Sie mögen es extravagant? Bitte, dann wählen Sie die Violetten, die Piraten oder die Gedönsparteien (Frauenrentnerfamilien).

Besser: Es gibt Alternativen.

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Von Juli 2007 bis April 2015 bei der taz. Autor und Besonderer Redakteur für Aufgaben (Sonderprojekte, Seite Eins u.a.). Kurt-Tucholsky-Preis für literarische Publizistik 2011. „Journalist des Jahres“ (Sonderpreis) 2014 mit „Hate Poetry“. Autor des Buches „Taksim ist überall“ (Edition Nautilus, 2014). Wechselte danach zur Tageszeitung Die Welt.

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