Kinostart „Höhere Gewalt“: Wenn eine Lawine losrollt

Ruben Östlunds Film erzählt vordergründig von einer Ehekrise und hintergründig von der existenziellen Verunsicherung des Mannes.

Familienvater Tomas (Johannes Bah Kuhnke, l) mit Ehefrau Ebba (Lisa Loven Kongsli) und den beiden Kindern. Bild: AlamodeFilm/dpa

Helden mögen auf der Leinwand neuerdings öfters weinen, ernsthaft in Frage gestellt wird ihre Durchsetzungskraft damit jedoch nicht. Männer, die an ihrer Maskulinität zweifeln; Männer, die gerne echte Kerle wären, aber nur postheroische Systemerhalter sind: Im Kino sind die gezähmten Exemplare immer noch in der Minderheit.

David Finchers Filme beweisen immerhin Sensibilität für ihre Probleme. Schon in „Fight Club“ malte er sich Anzugträger aus, die sich endlich wieder spüren wollten. „Gone Girl“ erzählte zuletzt von einem verlotterten Ehemann, der in die Rolle eines gewalttätigen Mannsbilds gedrängt wird, mit dem er gar nicht so viel gemeinsam hat.

Ruben Östlund, der ein wenig der David Fincher Schwedens ist, erzählt nun von einem Mann, der bei Gefahr beide Beine in die Hände nimmt. „Höhere Gewalt“ („Turist“) ist ein beklemmender, bis ins Detail durchdachter Film, der danach fragt, unter welchen Bedingungen Heroismus überhaupt noch möglich ist.

Eine schwedische Familie befindet sich auf Skiurlaub in einem Nobelressort in den französischen Alpen. Das winterliche Setting ist spektakulär, wie ein Vogelnest liegt das Hotel in den schneeweißen Höhen. Nichts wird dort dem Zufall überlassen. Östlund malt das Bild eines „safe environment“ , einer abgesicherten Oase der Freizeitkultur, in der die Gefahren der Bergwelt auf ein Minimum beschränkt werden.

„Höhere Gewalt“. Regie: Ruben Östlund. Mit Johannes Bah Kuhnke, Lisa Loven Kongsli, Schweden 2014, 118 Min.

Alles ist automatisiert, eine Serie von mechanischen Abläufen, von den Pistenraupen und Schneemaschinen über die Skilifte und Förderbänder in den Skistall bis zu den elektrischen Zahnbürsten, mit denen die Kleinfamilie abends wie auf Kommando gemeinsam vor dem Spiegel steht.

In dieses Umfeld der Kontrolle dringt in einer fantastischen Szene einen Moment lang eine reale Bedrohung ein. Die Familie sitzt im Aussichtsrestaurant auf der Terrasse, als sich mit einem Knall eine Lawine am Hang löst. Eine per Fernauslöser in Gang gebrachte, versichert Tomas (Johannes Kuhnke), der Vater, doch je näher das Ungetüm rückt, desto größer wird auch die Panik in den Gesichtern.

Tomas läuft davon

Schließlich verschwinden alle im Schneestaub der Lawine. Dann wird allerdings klar, dass nichts geschehen ist – und doch hat sich innerhalb des Familiengefüges alles verschoben. Tomas ist (mit Smartphone in der Hand) davongelaufen, während Ebba (Lisa Loven Kongsli) alles getan hat, ihre beiden Kinder zu beschützen.

Die Nachwirkungen dieses Schocks veranschaulicht Östlund in einer Reihe von Konfrontationen der Ehepartner. Die massive Vertrauenskrise, die sich innerhalb der Familie ausbreitet, hängt mittelbar mit Rollenbildern und Projektionen zusammen: mit der Idealvorstellung, wie man sich angesichts einer Gefahr zu verhalten hat; mit der Unfähigkeit, zu einem Selbstbild zu stehen, das der tradierten Rolle des männlichen Beschützers nicht mehr entspricht.

Offene Auseinandersetzung

Östlund ist akkurat darin, Verhaltensstudien zu zeichnen, in denen sich Unstimmigkeiten zwischen Menschen zuerst nur in Nuancen zeigen, ehe sie größere Folgen nach sich ziehen. Zwei Szenen zeigen dies beispielhaft: Die erste spielt im Hotelrestaurant, wo sich sich Ebba und Tomas vor einer Freundin über ihre unterschiedliche Auslegung der Lawinensituation in die Haare geraten. Eine spätere Szene wiederholt diese in intimerer Atmosphäre, wieder ist das Paar dabei nicht allein. Ebbas Zustand hat sich verschlechtert, sie weint und gesteht, wie unglücklich sie mit dieser Erfahrung ist. Tomas’ unrühmliches Verhalten gerät zur offenen Auseinandersetzung.

Da sich beide Situationen vor „Publikum“ abspielen, sind auch die Zuschauer stärker einbezogen – die innere Dynamik verlagert sich, weil der Selbstentblößung eines Paares vor Zuhörern ein Moment von Peinlichkeit innewohnt. Auch als Betrachter ist man verunsichert: Man ist komisch berührt, zugleich ehrlich ergriffen.

Ruben Östlund hat schon in früheren Filmen Risse in sozialen Gruppen aufscheinen lassen. In „Involuntary“ („De ovrivilliga“, 2008) verknüpft er Episoden, in denen Menschen aus einem Ensemble herausfallen, Opfer von Missachtung, Übergriffen oder falschen Mutmaßungen werden.

Symptom einer umfassenderen Verunsicherung

Es geht ihm dabei weniger um eine moralische Lesart, als um die Kräfteverhältnisse und Verhaltensweisen innerhalb der Gruppen. „Play“ (2011) ging noch einen Schritt weiter, mit einem strengen formalen Konzept erzählt der Film die Arbeit von schwarzen Jugendlichen, die weiße Mittelschichtsjungen schikanieren. Ein Film, der in Schweden heftige Debatten ausgelöst hat.

Auch in „Höhere Gewalt“ ist die Krise von Tomas nur das Symptom einer umfassenderen Verunsicherung zwischen Ehepartnern, der Film offenbart die Schwachstellen moderner Lebensführung, die kleinen Lügen, das unterdrückte Begehren, die Scheinheiligkeiten. Östlund zeigt, wie schnell die Auseinandersetzung des Paares sich auch auf andere übertragen kann.

Bezeichnend sind die Abschweifungen, die sich der Film erlaubt: Wenn sich Tomas mit seinem Freund Mats (Kristofer Hivju) auf die Piste schmeißt, dann führt das „male bonding“ zu keiner Reparatur des beschädigten Selbstbilds. Traumartig findet Tomas sich in einer tobenden Männerrunde wieder – es wirkt wie ein archaisches Ritual. Es ist das wohl stärkste Gegenbild zu dem Vater, der irgendwann wimmernd vor seinen Kindern im Appartement liegt, weil er sich selbst nicht mehr erträgt.

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