Jörn Kabisch Der Wirt: Das Wanderhuhn macht, was es will
Hatte der Fuchs uns etwa Zuwachs verschafft? Zwei Hühner genommen, aber ein neues gebracht? Ich traute meinen Augen kaum.
Doch der Reihe nach: Vor ein paar Wochen, die Schneedecke war gerade geschmolzen, tauchte der Räuber wieder auf. Es war wie immer. Man betrat das Hühnergatter, traf auf eine aufgeregt gackernde Schar, stutzte, schritt den Zaun ab – und fand: Federhaufen, zwei an der Zahl.
Damit nicht weiter dezimiert werden konnte, was der Fuchs von seiner Nachtaktion übrig gelassen hatte (vier weiße und eine braune Henne), ergriff ich sofort Maßnahmen. Check eins: Ist noch Ladung auf dem elektrischen Zaun? Nein, die Klemme war abgerutscht. Check zwei: Ist der Zaun noch richtig im Boden verankert? Nein, zwei Heringe sind locker. Check drei: Schließt die Stalltür noch automatisch mit der Dämmerung? Dafür musste ich die mit einem Lichtsensor ausgestattete Falltür kurz nach Sonnenuntergang inspizieren.
Als ich im kargen Restlicht das matschige Gehege betrat, hörte ich ein unterdrücktes Gackern. Keine zehn Zentimeter vor mir duckte sich ein Huhn auf einem Ast. Ich packte es schnell entschlossen, drückte es zu den anderen Hühnern auf die Sitzstange und machte Feierabend – froh darüber, noch einen Vogel gerettet zu haben.
Am nächsten Morgen hatten wir ein Huhn zu viel, eine braune Henne. Ich versuchte mir zwar das Gegenteil einzureden, aber die zwei Federhaufen konnten nicht von einem einzigen Huhn stammen, zudem verhielt sich diese Henne doch sehr auffällig einzelgängerisch. Und auch ihr Federkleid: Bei genauerer Betrachtung war es an der Brust viel heller, als ich es von den Braunhühnern kannte.
Zwei Tage später machte ich mich auf die Suche nach ihrer alten Heimat. Ich klapperte die Nachbarschaft ab, die ebenfalls Hühner hält. Auf die Erzählung, dass uns ein Huhn zugeflogen war, erntete ich nur unverständige Reaktionen. „Wir haben einen zwei Meter hohen Zaun, da kommt nichts rein und nichts raus“, erklärte mir Nachbar A. Nachbarin B hält Zwerghühner, alle viel kleiner als unsere Zuzüglerin. Nachbarin C lachte, als ich mein Anliegen vortrug. „Ich habe nur weiße Hühner“, sagte sie. „Aber letztes Jahr, da hatte ich auch so ein Wanderhuhn.“ Das sei von Stall zu Stall gestreunt – wie eine Katze.
Jörn Kabisch hat einen Gasthof in Franken gepachtet. Über seine Erfahrungen schreibt er alle vier Wochen an dieser Stelle.
Also behielten wir das Huhn. Es bekam einen festen Platz auf der hinteren Sitzstange außen rechts – bis gestern. Da war der Platz leer und nirgendwo lag ein Federhaufen. Falls Ihnen die nächsten Tage also ein braunes Huhn mit heller Brust begegnet: Es ist ein Wanderhuhn, und das macht sein eigenes Ding.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen