piwik no script img

berliner szenenIst es der Schnitt oder die Socke

Ich bin mir nicht immer ganz sicher, warum ich angestarrt werde, wenn ich angestarrt werde. Heut gäbe es zu den üblichen Möglichkeiten zwei neu hinzugekommene: Ich hab mich vorhin beim Rasieren geschnitten und ich trag ’nen Packy in der Hose.

Wegen dem Rasieren bin ich mir aber doch fast sicher, dass es das nicht ist, denn die, die da starren, stehen vor mir an der Bushaltestelle. Die sehen mich von vorne, und das mit dem Rasur-Schnitt ist am Hinterkopf. Klebt das Pflaster da noch, oder ist es schon weg? Ich bin mir nicht sicher, aber beides wär Grund zum Starren: Pflaster oder Blutgerinnsel hinten am Schädel.

Aber die beiden, die da jetzt starren, stehen ja vor mir. Und jetzt starren sie auch nicht mehr, und fast denk ich, ich hab mir das nur eingebildet. Nur dann beugen sie sich zueinander und flüstern und dann schaut die Frau wieder zu mir und kurz später auch der Mann und ich denke: Mist! Ist die blöde Socke doch zu groß! Mit Socke in Hose übertreib ich’s nämlich gern mal – wenn schon Beule, dann richtig. Gigantisch!

Zu gigantisch? frag ich mich, als wir in den Bus einsteigen. Die Fahrt dauert voll lange, gefühlte drei Stunden pro Station. Denn, das starrende Paar hat sich so gesetzt, dass es mich weiter anstarren kann. Sie flüstern auch wieder, lachen sogar.

Ich steig aus, nehm lieber die Bahn, fahr nach Hause, stell mich da vor den Spiegel, mustere mich. Zu gigantisch? Nee, denke ich, und dann seh ich es: ’n ziemliches gigantisches Stück Käse klebt mir vorne am Shirt, vom Pizza-Essen vor der Busfahrt. Krass! Deshalb haben die gestarrt!

Oder doch wegen der Socke? Weil, mal ganz ehrlich: So ’ne große Beule hatte der Mann vom Paar nicht! Da bin ich mir sicher, auch wenn es das einzige heut ist, wo ich mir sicher bin – ganz, ganz sicher dafür aber. Fast schon gigantisch sicher sogar.

Joey Juschka

Unser Mittel gegen Antifeminismus

Wir machen linken Journalismus aus Überzeugung: kritisch, unabhängig und frei zugänglich für alle. Es gibt keinen Bezahlzwang, keine Paywall. Das geht nur, weil sich viele freiwillig beteiligen und unsere Arbeit unterstützen. Auch im Digitalen muss Journalismus, der für mehr Gleichberechtigung eintritt, finanziert werden. Unsere Leser:innen wissen: Journalismus entsteht nicht aus dem Nichts. Damit wir auch morgen noch unsere Arbeit machen können, brauchen wir Ihre Unterstützung. Schon über 48.000 Menschen machen mit und finanzieren damit die taz im Netz - kostenlos für alle. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5 Euro sind Sie dabei. Jetzt unterstützen