Interview mit Diana Kinnert: Die Einsamkeit der Jugend

Die Unternehmerin und Politikerin Diana Kinnert sagt, dass die jungen Leute am stärksten unter der Pandemie leiden. Wirklich? Und warum?

Diana Kinnert Foto: Anja Weber

taz FUTURZWEI: Die Hauptbenachteiligten der Coronakrise sind die Jungen, ist Ihre These, liebe Frau Kinnert. Ältere sagen: Was soll das Problem sein, wenn man mal keinen Sex und keine Partys hat und nicht um die Welt reisen kann? Dann bleibt ihr halt mal mit eurem Arsch ein Jahr zu Hause. Wir haben damals aus Trümmern Deutschland wiederaufgebaut!

Die Frau: Unternehmerin, Politikerin, Publizistin, Beraterin, Gründerin, Geschäftsführerin Newsgreen GmbH

Denksendung bei phoenix: Denken mit Kinnert und Welzer

Jahrgang 1991, geboren und aufgewachsen in Wuppertal (Elberfeld). Trat mit 17 in die CDU ein.

Das Buch: Diana Kinnert und Marc Bielefeld: Die neue Einsamkeit. Und wie wir sie als Gesellschaft überwinden können. Hoffmann und Campe 2021 – 448 Seiten, 22 Euro

Das Gespräch mit Kinnert fand per Zoom statt.

Diana Kinnert: Darauf antworte ich mit Erhebungen. Nach aktuellen Studien fühlen sich nun nach einem Jahr Lockdown über 60 Prozent der Jugendlichen einsam. Dieses subjektive Gefühl reicht aus, um Depressionen, Angstzustände, Schizophrenie und abseits davon auch physische Erkrankungen auszulösen. Das Sterberisiko erhöht sich um 30 Prozent. Jedes fünfte Kind neigt zu selbstverletzendem Verhalten. Ich habe Briefe gelesen, in denen Kinder zugeben, sich für ihr prekäres Zuhause zu schämen, wenn im Online-Hintergrund eine viel zu kleine, nicht reinliche Wohnung zu sehen ist. Aggressives Gebrüll, verzweifeltes Geschrei inklusive. Wie sollen Kinder lernen, wenn der heimische Computer zu sechst geteilt werden soll? Die Server einer Plattform für Notfallseelsorge sind abgestürzt, als die Plattform auf TikTok warb. Die Nachfrage ist zu hoch. In Chats wird über Selbstmord fantasiert. Diese Lage hat sich verschärft. Klar muss man weiter erforschen, ob das vom verpassten Komasaufen, der Kündigung im Kellnerjob oder vom Wiedereinzug im Elternhaus kommt. Aber der Befund ist erst einmal eindeutig.

Auch Sie sind jung, inwiefern gehören Sie auch zu den Benachteiligten?

Meine Lebenssituation ist privilegierter als die von vielen jungen Menschen in Schule, Ausbildung, Studium oder Berufseinstieg. Ich bin ökonomisch gefestigt, habe ausreichend Wohnraum und bin weitestgehend unabhängig. Aber bei vielen anderen fällt der Job in Einzelhandel und Gastronomie weg. Die Mieten können nicht bezahlt werden. Die Ausgangssperre lässt junge Menschen auf zehn Quadratmetern monatelang bei Isolation und Perspektivlosigkeit ausharren. Ich erfahre von Drogenabhängigkeit und Schuldenbergen aus dem Bekanntenkreis. Kunst und Kultur, Fitness und Sexualität annulliert. Junge Menschen sind per se Superspreader. Ihr Dasein – annulliert.

Dass auch daraus massive Probleme folgen, wird bislang unzureichend anerkannt.

Ja. Vor einem halben Jahr ging ein Schnipsel rum. In einem Nachrichtenbeitrag des ZDF war eine junge Frau gefragt worden, was sie im Lockdown vermisse. Mit weinerlicher Stimme beklagte sie ihre Partyabstinenz. Es folgten Spott und Häme. Twitter war sich einig: »First World Problem«. Mir ist so etwas schon vor der Pandemie aufgefallen: Diese seltsame Mixtur von Wohlstandsarroganz, Moralkonformismus und Paternalismus. Jungen Menschen werden Gefühle pauschal abgesprochen. Das Negativgefühl ist nicht erlaubt. Warum sollte man sich in dieser modernen, freien Welt ohne Krieg und Hunger auch schlecht fühlen? Die Folge ist: Die Jugend zieht sich zurück. In meinem Einsamkeitsbuch heißt die These: Einsamkeit ist nicht immer von außen auferlegt, manchmal vermeidet und scheut man Kontakt und Beziehung von sich aus. Die Jugend tut das. Denn was sie bewegt, natürliche Gefühle und substanzielle Bedürfnisse, der Wunsch nach Rausch, Grenzübertritt, Abrieb, Provokation, das alles scheint zu privilegiert, sorgt eh nur für Spott und Häme.

In Ihrem Buch sagen Sie, die Erwachsenen und Eltern sind zwar Stimmen für die Jungen, aber ihre Ratschläge sind sinnloses Flüstern, wirken dumpf, verhallen allmählich. Warum ist das so, dass man nicht mehr helfend miteinander sprechen kann?

Ich denke, es liegt vor allem an sehr unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten. Die Lebensqualität eines ökonomisch gefestigten Boomers mit Kind und Kegel auf abbezahltem eigenem Grund und Boden ist weit weg von der Lebenssituation der Jungen. Der Junge erfährt einen drastischen Einschnitt zu seinem vorherigen Superspreader-Alltag mit Fitnesscenter, Musikfestival und LAN-Party. Dazu kommen oft finanzielle Unsicherheit, fehlende Zukunftsperspektive und eine noch nicht ausgeprägte Widerstandsfähigkeit. Letztere hat vor allem der Alte. Der lebt nach Rheinischem Grundgesetz: Et kütt wie et kütt. Es ist bisher noch immer gut gegangen. Diese Haltung basiert auf Erfahrungen. Die Alten sind krisenerprobt, die Jungen wie aus dem Paradies vertrieben, einmal durchgeschüttelt. Mir fällt auf: Meine Eltern haben über Sparkonten, Beförderungen, Lohnsteigerungen gesprochen. Linearität war eine Komponente, die Orientierung und Verlässlichkeit stiften konnte.

Perdu?

Ja. Linearität ist meiner Generation ein Fremdwort. Wir sprechen über Flexibilität, Agilität, Disruption. Also: Brüche, Brüche, Brüche, unsere neuen Kardinaltugenden. Wenn der Alte dem Jungen Ratschläge aus der linearen Welt erteilt, haben diese in der disruptiven Welt leider nur einen geringen Wert. Das hat dann nichts mit Misstrauen oder Geringschätzung zu tun. Richard Sennett beschreibt in Der flexible Mensch bereits Mitte der 90er den Wandel von linearer zu disruptiver Wirtschaft. Das spiegelt sich auch in Kinderfantasien. 14-Jährige wollen nicht mehr Chef werden wie früher, sondern YouTuber oder Twitch Streamer. Freizeitvideos drehen und damit Millionen machen. Influencer über Nacht. Das ist ein Wunsch, der von Leistung und Aufstieg entkoppelt ist. Das ist neu.

Wir sind in den 2020er-Jahren und stellen fest: Die große generationelle Erfahrung der 1920er war strukturell nicht unähnlich. Die damaligen jungen Menschen waren nach dem ersten Weltkrieg und der Zerstörung der Großmacht-Fantasien ebenfalls »lost«, sie konnten auch keine Lehren mehr aus den Erfahrungen ihrer Elterngeneration ziehen und die konnten kaum noch taugliche Rezepte für die Kinder liefern.

»Auf TikTok zieht sich eine junge Generation in die Verherrlichung von Landleben zurück.«

Diana Kinnert

Da stimme ich zu, aber ich glaube, dass es heute noch gravierender ist als damals, weil man sich heute nicht einmal mehr auf kollektive Erfahrung stützen kann. In der jungen Bundesrepublik gab es zwei Fernsehsender, die wurden geguckt. Am nächsten Tag ist im Betrieb, in der Kantine besprochen worden, was gestern geguckt wurde, und zwar von allen. So entstehen Werte, Gemeinsinn, Orientierung. Ich habe dieses Einsamkeitsbuch auch deshalb geschrieben, weil ich denke, dass Digitalisierung, Individualisierung und eine Verherrlichung von Bindungslosigkeit dieses demokratische Fundament auflösen. Kollektive Erfahrung bricht weg, Vertrauen und Solidarität werden zerschlagen. Zersplitterung statt Gemeinwohl. Auf ökonomischer Ebene führt das in die totale Selbstausbeutung. Ich bin dankbar für jedes unbezahlte Praktikum, jedes befristete Jobverhältnis. Projektbasiertes Arbeiten finden wir modern, dabei merken wir nicht, weniger Arbeitnehmerrechte zu haben als jede ehemalige Schlecker-Frau. Im politischen Diskurs führt das zu moralischer Erhebung und zu Rückzug in Telegram-Gruppen. Auf TikTok zieht sich eine junge Generation in die Verherrlichung von Landleben als unverletzte Idylle zurück. Die kollektive Aufgabe wird nicht angegangen, weil man sich nicht als Teil eines Kollektivs fühlt.

Eine Nachfrage, die sich beim Nachdenken über die eigene Jugend ergibt: Erfindet nicht jede Generation aufs Neue ihre eigene Benachteiligung?

Foto: Anja Weber

Vielleicht. Aber wir haben Erhebungen statt eingebildete Befindlichkeiten. Die relative Kaufkraft der Jungen ist gesunken, zum Beispiel wenn wir uns Immobilienpreise im Verhältnis zu Jahresnettoeinkommen ansehen. Die Linearität des Industriesystems, der Beförderung und des Sparens sind aufgehoben und keine gültigen Werte mehr. Politik traut sich nicht zu sagen, dass Vollautomatisierung auch unser Ziel der Vollbeschäftigung in Zweifel zieht. Es gibt kaum Vorsorge für ein neues digitales Prekariat. Banklehrlinge sagen mir: Ich lerne hier etwas, obwohl ich weiß, dass mich bald eine App ersetzt. Das alte Benjamin-Franklin-Zitat: Nichts ist sicher außer der Tod und die Steuer. Ich habe meinen Konservatismus niemals als programmatisches Bewahren, sondern als Verlässlichkeitsstiftung in ein Morgen verstanden.

Kommt der Klimawandel als Druckfaktor noch dazu?

Er ist ein enormer Druckfaktor. Er wurde immer externalisiert und ist jetzt in einer Abstraktion da, die einem Angst macht. Die entsteht auch, weil unklar ist, mit welchen globalisierten Maßnahmen man da jetzt vorgehen kann. Und wie ist es, wenn wir uns zusammenreißen, aber die Nachbarländer nicht? Die Gelbwesten in Frankreich zeigen, zu welchen sozialen Verwerfungen es führen kann, wenn man nicht moderativ genug vorgeht und dann gezwungen ist, wieder Rückschritte zu machen. Das kommt noch zusammen mit einem erstarkenden Rechtspopulismus, der aggressiv entgegenwirkt. In meinem Einsamkeitsbuch stelle ich aber auch die These auf, dass nicht jedes moderne Engagement auch wirklich politisch ist. In dieser zersplitterten Gegenwart sind Klima- und Pegida-Bewegung auch neue soziale Horte. Das hat etwas Kompensatorisches.

Was meinen Sie damit?

Früher konnte man mit einer Eigentumswohnung und einem Sportwagen zeigen, zu welcher sozialen Gruppe man gehört, das war eine kollektive Erfahrung. Dann kam die Zeit, in der jeder Gründer in Berlin so aussah wie Mark Zuckerberg, und der sah aus wie ein Obdachloser. Heute fahren Millionäre im geteilten Mietfahrzeug. Und alle anderen auch. Diese augenscheinlichen Nicht-Zugehörigkeiten führen dazu, dass man über eine Politisierung des Privaten neue Kompensations-Kollektive gründet. Ich habe zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass das Klimathema unterschätzt ist, ich glaube aber schon, dass manche Aktivisten ihr Engagement eher als Kollektiverfahrung wahrnehmen, als dass es wirklich um das eigentliche Thema geht.

Das ist bei sozialen Bewegungen grundsätzlich so.

Das ist für mich ein Indiz dafür, dass wir eine vereinzelte Gesellschaft sind, in der die Sehnsucht nach Kollektiv-Erfahrung groß ist.

Unsere These ist, dass es bei Fridays for Future funktioniert, weil der gemeinsame Nenner Gerechtigkeit ist, die gemeinsam erfahrene Benachteiligung. Der Protest gegen eine fehlende Klimapolitik ist ja ein Gerechtigkeitsproblem. Das hat mit CO2 nichts zu tun, es muss eine gemeinsame Erfahrungskategorie geben, sonst funktioniert wahrscheinlich nichts.

Und ich glaube aber auf einer anderen inhaltlichen Ebene, dass das bei diesen Donald-Trump-Wilden so ähnlich ist. Die denken nicht, Donald Trump kämpft nur für mich, sondern sie werden alle gemeinsam von dieser Welt benachteiligt und auch das ist eine Kollektiverfahrung.

Genau. Und die Trump-Kirche, die dadurch entsteht, ist die Antwort auf diese Formulierung des gemeinsamen Anliegens. Die Populisten bilden Gemeinden. Hannah Arendt hat das als gefährlichsten Moment der Moderne beschrieben, die verlassenen Menschen. Sie nennt es »Verlassenheit« und nicht »Einsamkeit«. Das verlassene Massenindividuum braucht etwas.

Es entsteht ein Vakuum, in das andere hineinstechen können. Und es reicht eben nicht, auf einer Clinton- oder SPD-Ebene nur von Gerechtigkeit zu sprechen, wenn kein programmatisches Angebot da ist.

Wie schätzen Sie die politische Sprengkraft ein, wenn die Jungen nun von einer Krisen-Kumulation betroffen sind?

Zunächst mal wird das Leben für alle Generationen disruptiver und unsicherer, aber die junge Generation ist stärker betroffen. Das Entscheidende ist, dass im derzeitigen Diskurs der jungen Generation nicht zugestanden wird, dass sie benachteiligt ist. Diese fehlende Erlaubnis zum negativen Gefühl führt zum totalen Rückzug. Sie ziehen sich nicht nur aus Kirchen, Parteien und Gewerkschaften zurück, sondern fühlen sich dadurch in ihrer ganzen Existenz nicht legitimiert. Das ist ein großes Problem für die Demokratie. Die Diskurse laufen weiter ohne sie, sind verselbstständigt und von der Gegenwart entkoppelt.

Kinnert in ihrer Charlottenburger Wohnung mit ihrem Kajak und Deutschlandfahne Foto: Anja Weber

Woran machen Sie das fest?

Ich merke das nicht so sehr, wenn ich Jugendstudien lese, weil das Erhebungen von Leuten sind, die selbst noch ein Festnetztelefon haben. Ich nehme das aber sehr krass wahr, wenn ich auf TikTok unterwegs bin. Eine Plattform mit über 800 Millionen Nutzern. In Stiftungs- und Verbandskreisen freut man sich über eine Rückmeldung von drei Likes auf Facebook. Man hält sowas für aussagekräftig. Auf TikTok werden Statements und Memes 3,5 Millionen Mal geliked. Und hunderttausendfach kommentiert und debattiert. Das steht für eine komplett andere globale Sprechfähigkeit.

Welche Memes sind das?

Da sind zum Beispiel Memes von jungen Menschen, die sich selbst schlafend stellen und dann grafisch um sich herum Kreuze und Rosen anordnen; eine Visualität für das eigene Begräbnis. Im nächsten Schnitt kommt eine Figur, klopft an den vermeintlichen Sarg und fragt, ob man es denn auch pünktlich um 8:15 Uhr zur Arbeit schaffe.

Was sagt uns das?

Das ist ein humoristisches Symbol dafür, dass der junge Mensch fühlt, er könne sich nicht einmal mehr krankschreiben lassen. Die Anforderungen der Arbeitgeberseite sind derart hoch, sie würden einen noch im Grab heimsuchen. Der Humor ist zugleich das Eingeständnis der Ohnmacht: Was bleibt uns anderes übrig als darüber zu lachen? Die 3,5 Millionen Likes zeigen aber, dass es sich um eine kollektive Erfahrung handelt. Und im Kreisverband einer Partei sitzen 20 Leute, die denken, ihre Lebenswirklichkeit sei aussagekräftiger als die 3,5 Millionen Meme-Kultur-Likes.

Reden Sie jetzt von Ihrer Partei?

Was ich bei der Jungen Union bespreche, ist gut, aber da merke ich, dass es eine andere junge Bedürfniswelt eben nicht mitspiegelt. In der US-amerikanischen Popkultur geht es viel um Mental Health und Cybermobbing, darum geht es hier bisher kaum. Die Digitalisierung ist noch immer Neuland für uns. Wir sprechen über Flugtaxen, aber nicht über algorithmische Voreinstellungen auf infrastrukturell genutzten Plattformen. Wir versäumen, Beschäftigungsperspektiven für eine Zeit der Vollautomatisierung zu entwickeln. In der Summe entsteht ein paternalistischer, zukunftsfeindlicher Diskurs, der die Jungen fernhält.

Wer sind die Jungen genau? Da sagen Sie, die Trennlinie ist 40 Jahre. Warum?

Die Forschung sagt, dass man bis 40 Jahre in einem deutlich stärkeren Transitivitätsmodus ist. Bis 40 ist heutzutage das Eigenheim und der Lebenspartner noch nicht fest, der Arbeitgeber wird gewechselt. Auf TikTok ist die Nutzergruppe natürlich deutlich jünger, hauptsächlich die Generation Z. Ich bin Millennial, eigentlich zu alt für TikTok. Es gibt bei sämtlichen jungen Kohorten unter 40 Jahren graduelle Unterschiede, das ist klar. Kinder tragen von sozialer Isolation beispielsweise einen höheren emotionalen Schaden davon als ich mit meinen 30 Jahren. Trotzdem sind alle unter 40-Jährigen eben sehr stark von Transitivität geprägt und darum anders vulnerabel. Der Veränderungs- und Anpassungsmodus ist Status quo in dieser Lebensphase. Kräftezehrend. Und sinnlos, wenn die Perspektive fehlt.

Sie machen im Buch noch eine Aufteilung, und zwar die »Twentysomethings«, die besonders angefressen sind, weil sie die Jugend nicht mehr haben, aber auch keine Verbindung zu den Älteren, niemand sieht sie als Einzelgeneration, und sie begreifen sich selbst nicht als Kollektiv.

Ich bin jetzt 30; als ich 14 Jahre alt war, habe ich das erste Telefon bekommen, wo man noch Jamba-Klingeltöne bei VIVA herunterladen musste. Die Menschen, die ein paar Jahre jünger sind als ich, die erste Digital-Natives-Generation, die haben wirklich angefangen, bei Wikipedia ihre Referate abzuschreiben und bei WhatsApp ihre Gruppenreferate zu regeln. Das permanente Chatten hat bei mir auch schon angefangen, aber sich erst etwas später voll durchgesetzt. Die digitale Welt der Dauererreichbarkeit und Inszenierung hat großen Einfluss. Ich kriege die ganze Zeit Menschen mit Filtern auf Snapchat gespiegelt. Das wirkt, als wären alle fitter, schöner und glücklicher als ich. Wenn ich als junger Mensch allein vor dem Bildschirm sitze, im permanenten Digitalisierungskonsum, nackt und defizitär mit meinen Fehlern und Makeln, merke ich, dass ich da eigentlich nicht mithalten kann, dass ich scheinbar nicht genüge. Dass Beziehungen zu Konsumgütern degradiert werden, dass ich meine eigene Visitenkarte über mein Sozialleben im Netz austeile.

Was ist die Folge?

Kinnerts Lesetisch mit Fotografie ihrer verstorbenen Mutter Foto: Anja Weber

Ich kehre mich nach innen, ziehe mich emotional zurück, weil ich mich ansonsten ausgeliefert fühle. Die Kulturwissenschaftlerin Olivia Laing nennt das einen Zustand permanenter Übergriffigkeit, ausbeuterisch, weil jeder immerzu auf mich zugreifen kann. Ich schlafe, ich bin offline, aber jeder kann auf mich zugreifen. Das ist die Potenzierung des Ausgeliefertseins in der alten Großstadt, wie man im Expressionismus gedacht hat. Laboratorium sozialer Verwerfung, pervers, entgrenzt. Das World Wide Web ist die Potenzierung.

Ich gehe wahnsinnig gerne ins Café und dachte, ich bin da, um unter Leuten zu sein und jetzt erfahre ich aus Ihrem Buch, das Gegenteil ist der Fall, Cafés und andere urbane Orte sind »Inseln zwischenmenschlicher Begegnungslosigkeit«. Richtiger Schock.

Ich will Ihnen das als Individualerfahrung nicht aufdiktieren, aber Studien sagen, dass Städter einsamer sind als Menschen auf dem Land. Das ist zunächst erstmal ein ähnlicher scheinbarer Widerspruch wie bei der jungen Generation, die im Internet vernetzt und verbunden ist, aber sich dennoch verlassen fühlt. Natürlich bin auch ich zunächst vom Stereotyp ausgegangen: Die verwitwete Dame ohne Internet, die keiner auf dem Land besucht, die ist einsam. Studien zeigen das Gegenteil: Junge Städter in modernen Jobs sind Hochrisikogruppe für Einsamkeit. Schock auch für mich. Es gibt doch Angebote ohne Ende. Aber Anti-Einsamkeit ist eben nicht nur loser, flüchtiger Kontakt. Einsamkeit meint einen Mangel an sozialer Intimität, an Vertrauen, Verlässlichkeit und Orientierung. Beziehungswelten online oder in der Großstadt können dennoch defizitär sein.

Aber wir sind doch aus den Dörfern geflohen, weil die Nähe uns keine Fürsorge und Solidarität zu sein schien, sondern Überwachung und Kontrolle.

Deswegen glaube ich, dass der nächste Schritt ist, über gesunde Beziehungsgestaltung zu reden. Ein alter autoritärer Erziehungsstil und ein eingeforderter Sittengehorsam sind kein Paradies. Die Flucht in den postsozialen Zustand ist es aber eben auch nicht. Wir verkümmern auf dem Weg in eine pervertierte Individualitäts-Gesellschaft. Unsere Biologie reagiert, Einsamkeit macht uns wahnsinnig krank. Die Frage ist also: Wie kann die beziehungsfähige Gesellschaft gelingen? Was braucht gesunde Beziehungsgestaltung?

Schuld ist bei Ihnen und das ist jetzt etwas konventionell: der Kapitalismus. Really?

Junge Einsamkeit hat nichts mit der Anwesenheit oder Abwesenheit anderer zu tun, sondern gerade mit einer Unfähigkeit zur Intimität – einem sehr selbstbestimmten Rückzug vor Überforderung und dem Gefühl des Ausgeliefertseins. Das hat viele Gründe, das hat etwas mit abstrakteren Bedrohungen wie dem Klimawandel und Ungewissheiten zu tun. Es hat aber definitiv auch etwas mit ganz konkreter Lebenssituation zu tun. Natürlich muss ich da mein Konzept sozialer Marktwirtschaft reflektieren. Richard Sennett spricht von einem heutigen Flexibilitätsregime, Anpassung bis zur eigenen Unkenntlichkeit. Mir fällt Einsamkeit als zerschlagene, zersplitterte Solidarität in Betrieben auf. Um die Lebenssituation der Jungen zu verbessern, sie in die Lage zu versetzen, Beziehungen führen zu können, braucht es keinen Kicker oder kostenloses Obst im Start-up, sondern neue Chancen für Arbeitnehmerrechteverhandlung. Der Trend ist anders: Gläserne Meetingpoints statt kolossale Eichenschreibtische, den Chef gerne duzen, aber bitte keinen Betriebsrat gründen. Dadurch wird aber die klassische ökonomische Abhängigkeit verschleiert.

Für eine CDU-Politikerin hören Sie sich gerade verdächtig links an.

Ja, an dieser Stelle muss ich immer versichern, dass ich nicht links bin. Ich wünsche mir nicht, dass Sozialpopulisten von außen um den immer höheren Mindestlohn wetteifern. Mein christdemokratischer Gedanke will, dass Vertrauensverhältnisse innerhalb der Unternehmen gestärkt werden. Wie können wir zeitgemäße, faire Partizipationsprozesse auch innerhalb von jungen Unternehmen installieren? Davon würden beide Seiten profitieren. Auch Arbeitgeber wüssten um Loyalität, Verbindlichkeit und Philosophie ihrer Arbeitnehmer. Eine neue Verlässliche würde beidseitig Einzug halten. Das würde unsere Wirtschaft resilienter und kräftiger zugleich machen.

Die interessante Beobachtung wäre ja, dass permanent das Gegenteil der Fall ist von dem, was Ihnen vorschwebt. Es gibt jetzt eine Reihe Großunternehmen, in denen man den CEO duzt, ohne wirklich etwas mit ihm zu tun zu haben. Also vorgetäuschte Intimität. Wo ist denn der Return zur sozialen Marktwirtschaft?

In der Pandemie habe ich eine E-Mail vom AirBnB-CEO bekommen, der schrieb: »We are one community of hosts.« Bitte was? Ich kenne den nicht, wir sind weder community noch family. Das ist bewusste Verschleierung ökonomischer Abhängigkeit. Wichtig wäre jetzt, so etwas transparent werden zu lassen. Die größte Erkenntnis beim Schreiben dieses Buches ist tatsächlich gewesen, dass der Vereinzelungsprozess eben kein Zufallsprodukt der Moderne ist. Profiteure wollen Solidarität und Gemeinsinn bewusst zerschlagen. Alles unter dem Deckmantel der Individualität.

»Der Vereinzelungsprozess ist eben kein Zufallsprodukt der Moderne«: Kinnert in der Nähe ihrer Wohnung mit Bauschutt-Säcken Foto: Anja Weber

Ist Ihnen die soziale Frage wichtiger geworden?

Bei meinem ersten Buch über Konservatismus hatte ich diese ganz große Kapitalismusfrage ausgeblendet. Das habe ich nun versucht, anders zu machen. Deswegen habe ich auch die oberflächlichen Lösungen wie das Mehrfamilienhaus gegen Einsamkeit weggelassen. Wir brauchen keine dekorativen Maßnahmen. Wir brauchen Ursachenbekämpfung in den Strukturen. Eben zum Beispiel durch eine neue Emanzipation ausgebeuteter Arbeitnehmerschaft. Neue Gewerkschaften für digitale Berufe? Verbände für projektbasiertes Arbeiten? Verantwortungseigentum, Mitarbeiterbeteiligungen? Wir haben viel Gesprächsbedarf.

»An dieser Stelle muss ich immer versichern, dass ich nicht links bin. In meinem ersten Buch habe ich die große Kapitalismusfrage ausgeblendet.«

Diana Kinnert

Historisch betrachtet war die große Stärke der Arbeiterbewegung, dass die Arbeiter den Betrieb lahmlegen konnten. Kollektiver Kampf braucht möglicherweise körperliche Präsenz. Das ist eine große Frage, wie sich das in den digitalen Arbeitswelten kompensieren lässt. Übrigens ist das auch die Tragik von Fridays for Future, dass sie von der Pandemie so erwischt worden sind. Die Power hat eben in der Präsenz auf der Straße bestanden und das lässt sich nicht wirklich durch andere Formen kompensieren.

Wenn wir das auf AirBnB beziehen oder ähnliche Unternehmen aus dem Silicon Valley, dann sind das keine überschaubaren Prozesse in meiner Stadt, sondern sie sind derart global, dass man beim Streik von fünf Millionen europäischen Arbeitnehmern immer noch fünf Millionen andere in Bangladesch, Indien oder Brasilien finden würde. Das macht den Kampf gegen Vereinzelung so perfide. Die Grundvoraussetzung ist die kollektive Erfahrung der Vereinzelten.

Würden Sie sagen, dass FFF ein unbewusster Versuch ist, aus der Vereinzelung herauszukommen und ein Kollektiv zu formen?

Ja. Die Leute schließen sich aus politischen oder aus sozialen Gründen an. Aber die Grundvoraussetzungen einer kollektiven Enttäuschung und einer kollektiven Furcht sind gegeben. Daraus ist in der Struktur ein globaler kollektiver Widerstand entstanden. Ich hätte das wohl nicht für möglich gehalten, wenn ich es nicht heute so erleben könnte. Fridays for Future zeigt, dass der Kampf gegen Zersplitterung als Machtkalkül gelingen kann.

Interview: PETER UNFRIED und HARALD WELZER

Dieser Beitrag ist in taz FUTURZWEI N°17 erschienen.