Interview Welke und Kalkofe: "Ich suche mir meine Opfer selber"

Anlässlich der Verleihung des Deutschen Comedypreise beklagen Oliver Welke und Oliver Kalkofe dessen Niveau und pochen auf ihr Recht, auch mal Scheiße bauen zu dürfen.

Immer ein Brüller im deutschen Fernsehen: Frauen und Schuhe. Bild: ap

taz: Herr Welke, Herr Kalkhofe, heute Abend bekommt Mario Barth in Köln den Deutschen Comedypreis für den "erfolgreichsten Live Act". Es ist sein vierter Comedypreis in Folge. Wie macht der Mann das?

Oliver Welke: Man darf nicht vergessen, dass der Comedypreis eine RTL-Veranstaltung ist, von Brainpool produziert.

Oliver Kalkofe: Das ist wie Weihnachten bei den "Sopranos". Jeder weiß, was er kriegt. Entweder man gehört zur Familie und hat dem Paten den Ring geküsst oder man hat sowieso keine Chance. Aber was die auswählen, dürfte zu zwei Dritteln gar nicht nominiert werden. Da verzichtest du lieber auf eine Nominierung.

Welke: Du musst aber leider drei Nominierungen pro Kategorie aussprechen. Was sollst du denn machen?

Kalkofe: Du kannst doch nicht ernsthaft "Achtung Hartwich" auch nur in einem Atemzug mit Comedy nennen!

Oliver Welke, 42, und Oliver Kalkofe, 43, sind Proto-Dinos des TV, selbst mehrfach dekoriert - auch mit dem Deutschen Comedypreis (Kalkofe 1998, Welke 2007).

Kalkofe könnte Marcel Reich-Ranickis Liebling sein: Er versteht und verdingt sich seit Jahren mit seinem Satireformat "Kalkofes Mattscheibe" als Fachkraft für "konstruktive Medienkritik". Welke moderierte Fußballformate wie "ran", Champions-League-Übertragungen, "7 Tage, 7 Köpfe" und "Frei Schnauze XXL".

Gemeinsame Projekte der zwei Ollis sind die Edgar-Wallace-Film-Parodien "Der Wixxer" (2004) und "Neues vom Wixxer" (2007).

Daniel Hartwich, der für die beste Moderation einer Unterhaltungssendung nominiert ist, ist der große Hoffnungsträger von RTL.

Kalkofe: Gewesen.

Welke: Nein. Der tritt jetzt bald in gefühlten 700 RTL-Sendungen auf. Wirklich. Ich glaube ja, dass das gar kein schlechter Moderator ist, aber ein Comedian ist er mal ganz sicher nicht.

Kalkofe: Die Sendung war eine Katastrophe, eine RTL-Verkaufsveranstaltung, in der zwischendurch eine Band gespielt hat, damit auch jeder wusste, dass es eine Late-Night-Show sein soll.

Der Name Mario Barth fiel bereits. Barth fällt ja besonders wegen seiner geistlosen Witze auf. Warum ist er, in Zeiten, in denen die angeblich so niedrige Qualität des Fernsehprogramms angeprangert wird, so erfolgreich?

Welke: Sein Geheimnis ist, dass er es geschafft hat, sein Publikum - und das meine ich durchaus respektvoll - dazu zu bringen, dass es ihn für einen Kumpel hält, dass es denkt: Das ist einer von uns und mit dem könnte ich ein Bier trinken. Ob das stimmt, lassen wir mal dahingestellt sein, aber seine Fans glauben das. Mir geht das Barth-Bashing in den letzten Wochen und Monaten ehrlich gesagt ein bisschen auf die Nerven, weil es so billig ist und weil bei vielen Kollegen natürlich auch Neid dabei ist.

Kalkofe: Und inhaltlich ist der Erfolg ganz einfach erklärt: Mario Barth widmet sich voll und ganz dem ältesten Thema der Menschheit. Nur kaum ein anderer Comedian hat das Verhältnis der Geschlechter so auf den Punkt gebracht wie Barth, so verdichtet und in ein anderthalbstündiges Programm gegossen. Frauen und Männer - das ist humormäßig der kleinste gemeinsame Nenner.

Welke: Das Lustige daran ist, dass jede Generation dieses Thema neu für sich entdeckt. Der 15-Jährige von heute denkt ja, dass vor Barth noch niemand über Frauen geredet hat, die immer Schuhe kaufen müssen.

Kalkofe: Die wissen ja auch nicht, dass es Frauen schon ganz lange gibt, schon viel länger als Mario Barth.

Wer hat denn in Ihrer Jugend Männer-und-Frauen-Witze gemacht?

Welke: Fips Asmussen zum Beispiel.

Kalkofe: Wir hatten nicht so viel zu lachen damals. Humormäßig sind wir in der Wüste Gobi aufgewachsen.

Fühlen Sie sich manchmal alt und verbittert?

Welke: Alt schon, verbittert noch nicht. Man darf ja auch nicht so tun, als wüsste man immer, wie alles bessergeht. Das ist eine ganz fatale Haltung. Wir beide gucken eigentlich privat kaum noch Fernsehen, sondern zu 80 Prozent DVDs, die wir uns aus England oder Amerika bestellen.

Ein Armutszeugnis fürs deutsche Fernsehen, oder?

Kalkofe: Stimmt. Im Zusammenhang mit "Kalkofes Mattscheibe" kriege ich so viele hasserfüllte Mails von Zuschauern, die stinksauer sind auf das Fernsehen, sich beschissen behandelt und verblödet fühlen - absolut nachvollziehbar. Wenn sie mir allerdings den Umgang mit einzelnen Kollegen verbieten oder mich auffordern, diesen oder jenen noch mehr fertigzumachen, muss ich sagen: Ich suche mir meine Opfer prinzipiell selber aus und wehre mich dagegen, nur die ausgelebte Gewaltfantasie vieler Zuschauer gegen das Fernsehen zu sein.

Welke: Wer den Fernseher anschaltet, um sich aufzuregen, ist selber Schuld. Bevor ich zu Hause sitze und mir die Aorta platzt vor Wut über eine Sendung, mache ich sie doch einfach spaßeshalber mal aus, nur so als Idee.

Herr Kalkofe, haben Sie schon mal das Bedürfnis verspürt, den Kollegen Welke zu parodieren?

Kalkofe: Nein, das ist von der Maske her viel zu schwierig. Dann müsste ich mir wieder ne Glatze kleben lassen. Das dauert ewig. Und dann tritt der Welke auch immer in so langweiligen Sendungen auf. Aber mal im Ernst: Lustig wäre das schon, aber es gab noch keine Gelegenheit, zu der es sich aufgedrängt hätte.

Welke: Ich hatte zwar schon spektakuläre Pannen, aber die waren alle nicht "Mattscheiben"-tauglich.

Kalkofe: Die "Mattscheibe" ist ja auch keine Pannenshow.

Wie, Sie sind nicht Max Schautzer?

Kalkofe: In der "Mattscheibe" würdigen wir eher das Gesamtwerk eines Künstlers, brauchen dafür im Gegensatz zu den Kollegen von "Switch Reloaded" aber einen etwa dreißigsekündigen Ausschnitt, aus dem man noch etwas Lustiges entwickeln kann. Da hat sich bei Olli noch nichts wirklich aufgedrängt.

Wie wäre es mit der schrecklich unlustigen ZDF-Fußballcomedy "Nachgetreten"?

Kalkofe: Jeder, der gute Sachen macht, hat auch das Recht, mal Scheiße zu bauen. Wenn ich mir unsere "Frühstyxradio"-Sketche angucke, ist da ein riesiger Prozentsatz von absolutem Müll dabei, aber auch viele Sachen, die richtig geil waren und für ihre Zeit neu.

Was haben Sie zu Ihrer Verteidigung zu sagen, Herr Welke?

Welke: "Nachgetreten" ist in der Tat ein schwieriges Format - auch wenn die zweite Staffel zur Fußball-EM schon wesentlich besser war als die zur WM, weil wir darauf geachtet haben, dass die eingeladenen Comedians zumindest einen gewissen Bezug zu Fußball haben. Denn Comedy ohne Haltung ist immer eine Katastrophe.

Eine weitere Gruppenleistung wird in diesen Tagen 20 Jahre alt: die Radiocomedy "Frühstyxradio" des niedersächsischen Privatsenders FFN, zu deren Ensemble Sie beide gehörten. Zum Jubiläum haben Sie sich einmalig wieder zusammengetan, Sketche aufgenommen und auf Tour gehen Sie auch. Was ist das für ein Gefühl?

Welke: Wie eine Zeitreise - nicht nur, weil wir die Kollegen zum Teil nach Jahren mal wiedergetroffen haben, sondern auch, weil wir gemerkt haben, was diese Mischung von Autoren und Sprechern ausgemacht hat, dass gerade im Zusammentreffen dieser sehr, sehr unterschiedlichen Menschen der Reiz der Sendung gelegen hat. Es hat Spaß gemacht, da noch mal einzutauchen, aber auch wehgetan, weil man genau weiß, dass es für eine solche Sendung heute keinen Platz und kein Geld mehr gibt. Wir waren damals ja fünf festangestellte Comedyredakteure bei FFN - heute undenkbar.

Kalkofe: Die Zusammenarbeit hatte den Zauber einer Band-Reunion. Was mich besonders gefreut hat, ist, dass wir nicht milder geworden sind.

Welke: Es hat vor allem Spaß gemacht, Gemeinheiten über das Radio von heute einzubauen. Ich habe eine Nummer gemacht über diese Scheißverarschungsanrufe, die heute als Radio-Comedy gelten.

Kalkofe: Und ich habe drei Szenen über Drehbuchkonferenzen geschrieben: Ein Unterhaltungschef und sein Vertreter empfangen einen Autor. Es geht einmal um einen Film, dann um eine Fernsehshow und dann um ein Radioformat. Das sind Herr Schawanz, Herr Piemell und Herr Peniss. Die Szenen mag ich sehr.

Von den Hörern wurden Sie kultisch verehrt, von der Senderleitung nicht gerade.

Kalkofe: Die älteren Herrschaften, die ganz oben das Sagen hatten, haben uns abgrundtief gehasst. Und die Programmdirektoren hatten das Problem, dass es die größten Quotenbringer waren, von denen sich die Bosse gestört fühlten.

Sie haben einen Programmdirektor auf dem Gewissen. Was ist das für ein Gefühl?

Welke: Abgeschossen haben ihn die Hörer. Als das "Frühstyxradio" 1992 abgesetzt wurde, sind die Hörer auf die Straße gegangen und haben so die Absetzung des Programmchefs und die Fortsetzung des "Frühstyxradio" bewirkt. Heute würde doch keiner mehr für eine Radiosendung auf die Straße gehen.

Haben Sie ein schlechtes Gewissen, wenn Sie hören, was sich im Radio heute "Comedy" schimpft?

Kalkofe: Sie meinen, dass man dem Praktikanten, über den bei der Weihnachtsfeier alle gelacht haben, weil er in die Bowle gefallen ist, gleich eine eigene Serie gibt?

Ja, genau.

Kalkofe: Nein, ein schlechtes Gewissen haben wir nicht. Genauso könntest du David Lettermann und Jay Leno die vielen furchtbaren Late-Night-Formate auf der Welt vorwerfen.

Welke: David, was hast du dir bloß bei "Schmidt & Pocher" gedacht! Bei aller Larmoyanz glaube ich aber, dass viele Senderfürsten mittlerweile erkannt haben, dass Nichtunterscheidbarkeit der Sender in vielen Sendegebieten nicht die Lösung, sondern das Problem ist. Deswegen hege ich die naive Hoffnung, dass man die Bedeutung des Wortes irgendwann mal wieder erkennen wird.

Kalkofe: Das kommt zurück - auch beim Fernsehen -, allerdings in ganz kleinen Schritten. Es ging schneller, das kaputt zu machen, als es wieder aufzubauen.

INTERVIEW: DANIEL DENK

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