Internetanbieter schnüffeln für Musikindustrie: Raubkopierer fliegen aus dem Netz

Die amerikanischen Internet-Riesen Comcast und AT&T wollen die Plattenindustrie im Kampf gegen Tauschbörsen unterstützen. In Europa wird das auch diskutiert.

Elvis' Platten verkauften sich schon als es noch gar keine Online-Piraten gab. Bild: ap

In den USA soll der Kampf gegen Online-Piraten verschärft werden. Wie der amerikanische IT-Nachrichtendienst "CNET" unter Berufung auf informierte Kreise meldet, wollen AT&T und Comcast, zwei der größten Internet-Anbieter des Landes, künftig mit der Musikindustrie beim Vorgehen gegen illegalen Dateitausch direkt zusammenarbeiten. Das Vorhaben ist Teil einer neuen Strategie, die die bisherige Klagekampagne des Musikindustrieverbandes RIAA gegen Online-Raubkopierer ersetzen soll. Dabei wurden Tausende Amerikaner vor Zivilgerichte gebracht, die dann entweder zu Schadenersatz verurteilt wurden oder sich für mittlere vierstellige Geldbeträge außergerichtlich mit der RIAA einigten. Geholfen hat das jedoch wenig: Das Abschreckungspotenzial reichte nicht aus, den Boom bei den Tauschbörsen zu stoppen. Zudem ruinierte die Kampagne das Image der RIAA; der Musikindustrie wurde regelmäßig vorgeworfen, ihre eigenen Kunden zu verklagen. Zudem traf die Klagewelle mehrfach auch Unschuldige, weil die Internet-Adresse der Betroffenen falsch zugeordnet wurde.

Klagen will die RIAA nun nicht mehr. Stattdessen ist geplant, dass erwischte Dateitauscher über ihre Provider identifiziert werden. Kunden von Comcast und AT&T würden dann zunächst einen "blauen Brief" erhalten, wenn sie zu den Betroffenen gehören. Anschließend können die Internet-Anbieter verschiedene weitere Maßnahmen einleiten, bis hin zur Abschaltung der Breitband-Anbindung. Die US-Provider wollten sich zunächst nicht äußern, ob sie an dem RIAA-Vorhaben teilnehmen wollen oder nicht. "Wir glauben aber, dass die Kunden aufgeklärt werden müssen, wie sie legale Inhalte im Internet auffinden und auf sie zugreifen können", sagte ein AT&T-Sprecher. Intern scheint es derzeit noch harte Verhandlungen zu geben: So fürchten die Provider, Umsätze zu verlieren, wenn sie Raubkopierer dann tatsächlich aus ihren Netzen ausschließen. Tatsächlich nutzt ein erstaunlich hoher Anteil ihrer Kunden Dateitauschnetze. Unklar ist außerdem, wie die Raubkopierer identifiziert werden sollen. So könnte die RIAA den Detektiv spielen, aber auch die Provider selbst, die dann mit entsprechenden Filtern nach illegalen Inhalten suchen.

In Europa werden verschärfte Maßnahmen gegen Online-Piraten derzeit einmal mehr heftig diskutiert. Während Frankreich kurz vor der Einführung der so genannten "Three Strikes"-Regel steht, laut der beim Übertragen geschützter Inhalte erwischte Dateitauschbörsennutzer nach dreimaliger Verwarnung ihren Internet-Anschluss komplett verlieren könnten, gibt sich die Politik in anderen Ländern durchaus milder. David Lammy, für das geistige Eigentum zuständiger Minister in Großbritannien, lehnte es kürzlich im Gespräch mit der Londoner "Times" ab, neue radikale Instrumente gegen Gelegenheitsraubkopierer einzuführen. "Wir können kein System haben, in dem wir darüber reden, Teenager in ihrem Schlafzimmer zu verhaften." Er wolle auch die Provider nicht dazu zwingen, als Copyright-Polizisten zu agieren und Dateitauscher zu verfolgen.

Auf EU-Ebene wird unterdessen über ein mehrstufiges System verhandelt. In einem Report des spanischen Sozialisten Manuel Medina, der dem EU-Parlament vorliegt, wird ein breites neues Instrumentarium empfohlen. Das Papier entstand in Zusammenarbeit mit Janelly Fourtou, der Frau des Ex-Chefs des franzöischen Medienkonzerns Vivendi, und sieht unter anderem Bedarf an einer EU-weiten "Three Strikes"-Regel sowie dem Einsatz neuartiger Netzfilter, die den Austausch geschützter Dateien nahezu unmöglich macht. Der Netzbürgerrechtsverein "La Quadrature du Net" hält die Vorschläge für "lächerlich repressiv". Außerdem widerspreche der Report den bisherigen Ansichten des EU-Parlamentes, das entsprechende harsche Regelungen mehrfach abgelehnt habe. Der Kultur und der Öffentlichkeit nütze dies hingegen überhaupt nicht. Auch der Medina-Report fordert eine enge Zusammenarbeit zwischen Internet-Providern und Copyright-Inhabern, wie sie derzeit in den USA beginnt. So dürften die dann womöglich die eigentlich aus sicherheitspolitischen Motiven vorgehalten Vorratsdaten nutzen, um auch noch Monate später herauszufinden, wer wann welche Internet-Adresse besaß, um Dateitauschern auf die Schliche zu kommen und sie zu belangen.

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