: Internationale Provinz Berlin e.V.
Digitale Städte im Internet sind wie Spiegel: Man kann sie mit den realen Pendants vergleichen. Amsterdam zum Beispiel zeigt sich offen und freundlich; man hat das Gefühl, als Besucher und Tourist willkommen zu sein. Wie in der realen Stadt gibt es Straßen und Plätze, und wer sich nicht zurechtfindet, klickt auf einen der übersichtlichen Pläne. Sogar einen digitalen Fahrradweg gibt es, und im „het DigiStad cafe“ wird per Internet Relay Chat mit Bewohnern und Touristen geplaudert.
In der „Internationalen Stadt Berlin e. V.“ ist das anders. Schon das Intro wirkt wenig einladend, und die grafische Darstellung der Knoten und Verbindungen scheint eher das durchgestylte Organigramm eines Wasserwerks zu sein als der Plan einer urbanen Internet-Gemeinde. Wer die langen und mitunter komplizierten Erläuterungen nicht lesen mag, findet sich nie zurecht. Rot kennzeichnet den Kulturbereich, Blau den Service, und Grün verweist auf alles Stadtinterne, auf das virtuelle Touristen keinen Zugriff haben. So weit ist das noch recht einfach, aber es gibt auch Mischfarben und einen Navigator, dessen Funktion sich nicht gleich erschließt. Wenn ich hierhin und dorthin klicke, entdecke ich zwar viel Interessantes, aber ich werde den Eindruck nicht los, daß ich
nicht so recht willkommen bin und daß man lieber unter sich ist. Vieles ist nur den „Bewohnern“ vorbehalten, und das Ganze wirkt wie eine Mischung aus den Überresten von Kreuzberger Subkultur und elitärem FU-Gehabe.
„Die ,Internationale Stadt‘ wird unter Berücksichtigung früherer sozialutopischer Stadtentwürfe ein funktionales Modell für Stadtstruktur darstellen“, heißt es in einem Text zu den Zielen. Er liest sich wie die (Erst-)Semesterarbeit eines Medienwissenschaftlers: aufgeblasen und weit weg von jeder Realität. Da wird die „bidirektionale Interaktion zwischen den BetreiberInnen und NutzerInnen des Systems“ propagiert und anderer Verbalquark verzapft. Jeder Verleger würde einen solchen Text im großen Rundordner ablegen. „Besucher aus dem Internet bekommen einen authentischen Einblick in die lokalen Befindlichkeiten“ – wenn das stimmt, scheint es den BewohnerInnen nicht sehr gutzugehen. Aber das glaube ich nicht, und vielleicht reicht es ja, wenn sie die „Internationale Stadt“ ein wenig offener und freundlicher gestalten, so daß auch virtuelle Berlin- Besucher öfter mal hinklicken und nicht das Gefühl haben, daß es sich hier um eine geschlossene Gesellschaft handelt und das Internet ganz woanders liegen muß.
Unser Mittel gegen Antifeminismus
Wir machen linken Journalismus aus Überzeugung: kritisch, unabhängig und frei zugänglich für alle. Es gibt keinen Bezahlzwang, keine Paywall. Das geht nur, weil sich viele freiwillig beteiligen und unsere Arbeit unterstützen. Auch im Digitalen muss Journalismus, der für mehr Gleichberechtigung eintritt, finanziert werden. Unsere Leser:innen wissen: Journalismus entsteht nicht aus dem Nichts. Damit wir auch morgen noch unsere Arbeit machen können, brauchen wir Ihre Unterstützung. Schon über 48.000 Menschen machen mit und finanzieren damit die taz im Netz - kostenlos für alle. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5 Euro sind Sie dabei. Jetzt unterstützen