: Im Lichte der Ahnen
■ Barocke Pracht und Weihrauchgeruch im Gerhard-Marcks-Haus: Radierungen von Rainer Mordmüller
Wer heutzutage die Kunst z.B. Caravaggios aus dem Dunkel der Kunstgeschichte ans Licht befördert, um diese zum Gegenstand des eigenen Kunstschaffens zu machen — der findet sich unversehens auf einem Defensiv-Posten wieder: Nein, es handele sich nicht um Paraphrasen auf altbekannte Barockmotive; nein, auch nicht um Eklektizismus uswusf. So rufen die Apologeten. Nur der Künstler selbst schweigt vornehm und zeigt seine Kunst, in all ihrem barocken Überschwang. 131 seiner Radierungen, häufig an Motive älterer Meister erinnernd, stellt Rainer Mordmüller derzeit im Gerhard-Marcks-Haus aus.
Vielleicht ist es tatsächlich etwas aus der Mode geraten, den eigenen Blick an den Bildern der Meister zu schulen. Nun, den Mordmüller stört's nicht: Er sucht die Nähe der Größten, zum Zwecke der Inspiration vor allem; er studiert sie auch genau und nennt sie freimütig im Titel: „Grablegung nach Carvaggio“, „Tischszene nach Jordaens“, „Tondo nach Ingres“ und wer sonst noch Brauchbares in unseren Museen herumhängt.
Mordmüller aber ist kein braver Kopist, der andächtig aufschaut zu den Meistern. Quasi mit Röntgenaugen durchschaut er deren vornehmste Werke, analysiert Körper und Räume und Bewegungen, um diese - bar ihrer Bedeutungslast — als reine Lichtspur auf die Platte zu ätzen. Mordmüller destilliert so eine Art Essenz künstlerischer Idee, die sich freilich stets mit seiner eigenen mischt und verbindt.
Als Licht- und Schattenwesen taumeln die Heiligen also durch Mordmüllers Radierungen, schemenhaft, kaum, daß sie sich überhaupt materialisieren. Ihr religiöses Pathos bleibt dabei auf der Strecke — Mordmüller interessiert sich, wie er sagt, ohnedies mehr z. B. für die Hell-Dunkel-Malerei Caravaggios als für die ikonografischen Feinheiten in dessen „Kreuzabnahme“-Interpretation.
Was bei dieser Transformation aber ebenso unter den Tisch fällt, ist das pralle Leben und die Leiblichkeit, wie sie ein Jakob Jordaens pries. Wenn Mordmüller dessen feiste Faune und lüsterne Bauerntölpel nun in ätherische Energiebündel umsetzt — dann bleibt kaum die Spur dessen übrig, was die Faszination an Jordaens' barocker Pracht ausmachte.
In manchen Bildern aber treffen sich Mordmüllers Lichtgestalten mit dem Geist ihrer Vorfahren. Vielleicht ist es bezeichnend, daß gerade diese nach Szenen der Grablegung und Auferstehung entstanden sind. Hier setzen Mordmüllers durchdringender Blick und sein dramatischer Gestus etwas von jener Ekstase frei, welche die Maler des Barock, ihre Auftraggeber und ihre Betrachter bewegt haben mag. Da wirken die Figuren sinnlich und entkörperlicht zugleich, wie in einem Schwebezustand zwischen Diesseits und Jenseits.
So schwelgt Mordmüller zwar nicht in der Exegese altmeisterlicher Motive. Aber ein Hauch von Fest- und Feierlichkeit, ein Schleier von barockem Weihrauch, der weht doch noch herüber aus der Lazarus-Grube. Thomas Wolff
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