Ilan Volkov über zeitgenössische Musik

„Dem Lauf der Welt entkommen“

Der israelische Dirigent Ilan Volkov gastiert mit Stockhausens „Michaels Reise um die Erde“ am Freitag und am Samstag im Haus der Berliner Festspiele.

Ilan Volkov mit Dirigentenstab

Lässt sich von Avantgarde-Rock inspirieren: Ilan Volkov Foto: Simon Butterworth

taz: Ilan Volkov, Sie werden „Michaels Reise um die Erde“ von Karlheinz Stockhausen dirigieren, ein Teil seiner Oper „Licht“. Momentan reisen viele Menschen auf der Welt umher, weil sie auf der Flucht sind. Lässt sich das Stück dazu in Beziehung setzen?

Ilan Volkov: „Michaels Reise“ handelt von einer Person, die um die Welt reist. Als Utopie verweist es auf eine bessere Welt. Deswegen auch der Titel „Licht“, weil es grandiose und hoffnungsvolle Musik ist.

Können Sie etwas zur Figur des Michael sagen, im Alten Testament ist er ja der Schutzengel Israels?

Stockhausen stellt sich den Engel in Gestalt der Trompete vor. Diese spielt eine lange , komplizierte Melodie. Diese Idee dreht Stockhausen weiter, so dass man glaubt, der Trompeter sei ein Sänger. Die Trompete als Sänger zu besetzen fasziniert mich.

Warum?

Sie spielt eine Rolle und tut es, weil sie auf die sie umgebende Welt reagiert, so wie Mahler in seiner Musik auf die Welt reagierte. Das Orchester gerät in Bewegung, wenn die Erde sich dreht, wenn die Reise weitergeht, von einer der sieben Stationen zur nächsten.

Ilan Volkov, geboren 1976, wurde mit 19 zum Dirigenten der Northern Sinfonia berufen. 2003- 2009 leitete er das BBC Scottish-Symphony Orchestra. 2001-12 war er musikalischer Leiter des isländischen Sinfonie-Orchesters.

Am Freitag, 18. September und am Samstag, 19. September wird Volkov Stockhausens "Michaels Reise um die Erde" im Haus der Berliner Festspiele dirigieren

Können Sie die sieben Stationen der Reise näher beschreiben, etwa Köln, Bali, Afrika?

Stockhausen beginnt in Köln, wo er herkam. Bali war wichtig für die Musik von Debussy. Balinesische Musik wurde Ende des 19. Jahrhunderts oft in Paris aufgeführt. In Afrika zählten für Stockhausen Rhythmus und Energie, und er orientierte sich an Aufnahmen von Ethnomusikologen. Und dann entstehen diese Kontraste von Klängen, und Stockhausen instrumentierte jede Station unterschiedlich.

Wie eine Klangreise …

Ja, er benutzte in jeder Szene andere Farben, er wollte dem Lauf der Welt entkommen, daher die Bezugnahme auf Engel.

Sie sind in Ihrer Karriere als Dirigent oft unterwegs, um mit Orchestern zu arbeiten. Was bedeutet es Ihnen, zu reisen?

Es ist Teil meiner privilegierten Existenz. Es ermöglicht mir, dass ich mit unterschiedlichen Musikern in verschiedenen Kontexten arbeiten kann. Ich lerne unheimlich viel dazu, weil es keine Grenzen zwischen den Genres gibt, gleich ob ich im Kontext neuer Musik unterwegs bin oder Kollaborationen mache.

Unterscheidet sich Dirigieren von Ihrer Kollaboration etwa mit Stephen O’Malley von der Dronemetalband Sunno)))?

Komposition ist nur ein Anfang für das, was Improvisation leisten soll. Meine Rolle als Dirigent sehe ich nicht in der Weitergabe von Details aus der Partitur. Ich habe mehr Entscheidungsfreiheit, was zurückweist ins 17. Jahrhundert, als weniger Anweisungen in den Partituren standen. Einige Kompositionen nutzen mich als eine Art Improvisator, der entscheidet, wo und wie das Klangmaterial des Orchesters in Bewegung kommt. Menschen zusammenzuführen, finde ich spannend: Also, ich habe etwa Stephen O’Malley eine neue Welt eröffnet, als ich ihn mit dem rumänischen Komponisten Iancu Dumitrescu in Verbindung gebracht habe. Orchester sind eigentlich für solche Begegnungen prädestiniert. Sie sollten durchlässiger sein, auch für spannende Musik, wie sie „Michaels Reise“ darstellt. Das Problem mit konzertanter Musik ist heute doch, dass es eine Arroganz des Kanons gibt, was wirklich problematisch ist, denn sie verhindert, dass wir nach neuen Ideen suchen. Wir führen nur noch Klassiker auf, die akzeptiert sind. Klar, der Unterhalt eines Orchesters ist kostspielig, und es geht darum, ein möglichst breites Publikum anzusprechen, aber eigentlich sollte das, was ich zuvor gesagt habe, kein Widerspruch dazu sein.

Woher haben Sie das?

Das ist etwas, was ich von Avantgarde-Rock gelernt habe, von Musikern wie David Grubbs, durch Offenheit für Einflüsse von außen, entsteht neue Energie, die wichtiger als technische Raffinesse ist. Andererseits liebe ich es, Werke von Mahler zu dirigieren, und ich sehe dabei gar keinen Gegensatz mehr zur improvisierten Musik.

„Michaels Reise“ war ursprünglich als Komposition von Recha Freier in Auftrag gegeben. Sie hat viele Kinder vor dem Holocaust gerettet.

Recha Freier ist eine legendäre Figur der israelischen Musiklandschaft, einflussreich zur Zeit des Holocaust, aber auch danach. Was man heute eine Kuratorin nennen würde, das hat sie schon vor 50 Jahren gemacht.

Wie gefällt es Ihnen in Deutschland?

Deutschland bedeutet mir etwas, nicht nur, weil ich hier geboren bin, als Kind habe ich eine Weile mit meiner Mutter in Berlin gelebt. Für einen Israeli habe ich ungewöhnlich viel mit Deutschland zu tun. Ohnehin gehört das Land zu meiner DNA, es ist Teil meines Lebens. Nach Israel bin ich vor acht Jahren gezogen bin, als meine Tochter geboren ist. Es ist ein verrücktes Land, ein konfliktreicher Ort. Er macht ganz schön depressiv, ich bin erst 39, aber dieses Gefühl, dass es kein Entrinnen gibt, lässt mich schneller altern.

Hilft Ihnen Musik dabei, die Depression zu lindern?

Das Problem ist, dass Kultur in Israel wenig Ansehen hat. Kein Wunder, wenn ständig Bomben explodieren, aber wenigstens stärkt das die Musik, denn man muss selbstständig arbeiten, und man kreiert etwas aus Nichts, speziell, was zeitgenössische Musik angeht, die taucht so gut wie gar nicht auf dem Radar auf. Nur weil wir eine dämliche Regierung haben, bedeutet das noch lange nicht, dass keine gute Kunst entsteht. Außerdem gibt es ein dankbares Publikum, dem ich sehr verbunden bin. In diesem Sinne bin ich doch optimistisch, dass sich etwas im ändert. Aber nicht auf politischer Ebene, sondern weil es die Menschen so wollen.

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