piwik no script img

berliner szenenIch habe einen Vogel gesehen

Ich bin auf der Sonnen­allee. Dort sitze ich auf dem Balkon meiner Freundin und lese. Es flattert über mir – den Satz beende ich noch, dann schaue ich auf. Ich rechne mit einer Taube und ich bin angehalten, die Tauben zu verscheuchen. Sie sollen machen dürfen, was sie wollen, nur nicht hier, wo sie alles vollkacken. Aber es ist keine Taube. Und keine Krähe, und keine Elster. Diesen Vogel habe ich hier noch nie gesehen. Sein Schnabel ist kurz, kräftig und hakenförmig. Braun-graues Gefieder, aber eine helle, weißliche Brust mit dunklen Querstreifen präsentieren sich mir. Seine gelben Augen sind wachsam, durchdringen mich förmlich. Mein Blick wandert hinunter. Seine Krallen sind lang, scharf und schwarz, sind an gelben schuppigen Füßen befestigt, eine ergreift fest das Balkongeländer, die andere eine tote Maus. Ich kann nicht glauben, was ich sehe. Mitten in Berlin, ein so mächtiger Raubvogel! Und dann hat er noch Beute dabei! Ihm genügt die kurze Rast. So schnell wie er auftauchte, ist er auch wieder verschwunden. Ich recherchiere. Auf der Seite des Nabu halte ich ihn erst für einen Mäusebussard, aber dann für einen Sperber. Sperber klingt nicht ganz so cool, aber ich freue mich, die sensationelle Geschichte gleich erzählen zu können. Im Café treffe ich zwei Freunde aus der Schulzeit. Schnell wird die Arbeit zum Gesprächsthema. Sie reden von Lean Management, Painpoints, Key Performance Indicators und von noch mehr Begriffen, die mir nichts sagen. Einer erzählt, er hätte innerhalb von vier Wochen das Initial Investment vervierfacht, der andere berichtet von einem Notartermin, bei dem er „mit Sand in den Schuhen und zehn Minuten Verspätung“ erschienen sei – und trotzdem sei das Ding unterschrieben worden. Nach einer halben Stunde werde ich endlich gefragt: „Und was hast du die Woche so erlebt?“

Lars Widmann

taz lesen kann jede:r

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Texte, die es nicht allen recht machen und Stimmen, die man woanders nicht hört – immer aus Überzeugung und hier auf taz.de ohne Paywall. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter, kritischer Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen