Heidenreichs Musikbücher-Edition: Rettung ohne Not

Elke Heidenreich gibt für den Bertelsmann-Verlag eine Musikbücher-Edition heraus. Klassik spielt eine größere Rolle als Pop, zu kompliziert solls aber nicht sein.

Vor allem ein Opern-Fan: Elke Heidenreich. Bild: dpa

Sie sehen gut aus, diese Bücher. Ein transparenter Schutzumschlag in immer wieder anderen Pastelltönen über soliden Buchrücken, hindurch scheinen schemenhaft Fotos. Nebeneinandergestellt wirken sie, pünktlich zum grassierenden Revival der Achtzigerjahre, wie der Kleiderschrank von Sonny Crockett und Ricardo Tubbs in der "Miami Vice"-WG. Macht sich gut im Regal, diese Edition Elke Heidenreich.

Mit einer Medienoffensive sondergleichen hat der C. Bertelsmann-Verlag das neue Projekt von Deutschlands ehemals liebster TV-Literaturkritikerin am Markt platziert. Auch nach Heidenreichs spektakulärem Abgang vom Fernsehschirm bleibt ihre mediale Reichweite erstaunlich: Von der Bunten bis zur Frankfurter Rundschau, kaum ein Organ ließ es sich nehmen, die Möglichkeit zur Verfügung zu stellen, ihre Leidenschaft für die Musik zu verkünden. Die soll nun mit ihrer bereits bekannten Passion, der für das gedruckte Wort, eine fruchtbare Verbindung eingehen.

Im Monatsrhythmus erscheint jeweils ein Buch der von Heidenreich kuratierten Reihe, für die sie den Swinger-Wahlspruch adaptierte, nach dem alles kann, aber nichts muss. Belletristik oder Sachbuch sind ebenso möglich wie bereits erschienene oder neu geschriebene Bücher. Da steht eine Neuauflage von Franz Werfels schon länger nicht mehr lieferbarem Roman über "Verdi" friedlich neben "Die Kraft der Musik", dem Bericht der Cellistin Elena Cheah über ihre Zeit mit dem von Daniel Barenboim initiierten West-Eastern Divan Orchestra. "Wie viel Musik braucht der Mensch?" versammelt Essays des Opernregisseurs Hans Neuenfels, und eine ausdrücklich für die Edition verfasste Erstausgabe ist "Brendels Fantasie", ein Roman von Günther Freitag.

Aber es muss nicht immer Klassik sein: Barbara Halls Roman "Die Geigenlehrerin" ist ein "High Fidelity" aus weiblicher Sicht, und in der Geschichtsstunde "Lili Marleen" erzählen Liel Leibovitz und Matthew Miller die seltsame Kriegskarriere eines Liedes. Demnächst erscheinen dann eine Chopin-Biografie, ein Unterhaltungsroman über einen Querflötisten, der Musik hasst, und nicht zuletzt eine Biografie über Nicky Hopkins, einen der meistbeschäftigsten Studiomusiker der Rockgeschichte. Das Leben des Pianisten, der in den Sechziger- und Siebzigerjahren für alle Größen, von den Rolling Stones über die Beatles, Kinks, The Who bis zu Neil Young arbeitete, hat Julian Dawson aufgeschrieben, selbst ein bekannter Musiker.

Aber trotz der vermutlich ziemlich spannenden Hopkins-Huldigung hat die Edition Schlagseite. Kein Wunder. Heidenreich ist selbst vor allem Opern-Fan, sie hat in einem Bach-Chor gesungen, bereits Libretti geschrieben für Kinderopern und arbeitet mit ihrem Lebensgefährten, dem Komponisten Marc-Aurel Floros, an einer Kammeroper über Salvador Dalís Frau Gala. Die Popmusik allerdings, das ist offensichtlich, ist ihr nur Unterhaltung und bestenfalls von historischem Interesse. Andererseits aber soll die klassische Musik, die vor ihren Ohren Gnade findet, ausreichend populistische Qualität aufweisen. "Ich gehe nicht in die Oper, um mich belehren zu lassen", ließ die 67-Jährige wissen. Schönberg, Adorno und Stockhausen schmähte sie im FR-Interview als "die großen Zerhacker" und forderte "endlich wieder sinnliche, opulente Musik".

Darüber muss man gar nicht meckern. Die Reihe war von vornherein angelegt als Pseudoprivatangelegenheit Heidenreichs: streng allein ihrem Geschmack folgend, aber von denkbar großer Öffentlichkeitswirkung. Und allen potenziellen Kritikern nimmt sie, wie schon bei ihrer radikal antiintellektuellen ZDF-Sendung "Lesen!", die nicht umsonst ein befehlendes Ausrufezeichen im Titel trug, vorsorglich den Wind aus den Segeln mit einem simplen Trick. Mit ihrer Edition gehe es ihr, so Heidenreich im Magazin "Bücher", vor allem um eins: "Vielleicht bekomme ich auch hier wieder die einfacheren Leser." Sie wolle doch nur mehr Menschen zum Lesen bringen, "Lust aufs Lesen machen", was solle daran denn schlecht sein.

Nichts natürlich, aber Heidenreich verhindert nicht nur Kritik an ihrem Konzept, sondern diskreditiert gleich jede halbwegs ernsthafte Auseinandersetzung mit den doch von ihr so wahnsinnig geliebten Büchern. "Nichts Musikwissenschaftliches, nichts Kompliziertes" solle sich in ihre Edition verirren, versichert sie. Veröffentlicht dann aber die bisweilen arg verquasten Gedankenspiele eines Hans Neuenfels, um dann wiederum aus deren Lektüre eine Weisheit auf Frauenzeitschriftenniveau zu ziehen: "Musik rettet uns".

Befehlen nützt nichts

Wer möchte nicht gerettet werden? Aber hier liegt der grundsätzliche Konstruktionsfehler in Heidenreichs Haltung. Der Mensch, gern aus den berühmten bildungsfernen Schichten, den sie zum Lesen bekehren möchte, den gibt es nicht. Wer nicht gelernt hat, mit Büchern zu leben, der fängt nicht damit an, weil ihm das jemand befiehlt. Diese Erziehung beginnt nicht im Fernsehprogramm, sondern scheitert bereits in Elternhäusern und Schulen. Der Mythos vom potenziellen Leser, den man nur erwecken müsse, damit er sich die Edition Elke Heidenreich in allen Farben des Regenbogens ins Regal stellt, dient einem einzigen Zweck: Heidenreich alle potenziellen Kritiker vom Leibe zu halten.

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