Havanna Acht in Marburg

Kreditbetrug und Hausbesetzung

Das Havanna Acht war für die linke Szene in Marburg eine Institution. Im März musste es weichen, diese Woche wurde es kurz besetzt.

Schild Havanna Acht

Kneipenschild am Eingang zur Marburger Altstadt Foto: Havanna Acht

MARBURG taz | Marburg in Mittelhessen am Montagabend: Schulter an Schulter sitzen in lauwarmer Sommerluft zwischen 40 und 60 Menschen auf dem Kopfsteinpflaster vor einem Fachwerkhaus. Im Erdgeschoss des Hauses befindet sich die linke Szenekneipe Havanna Acht, vor zweieinhalb Monaten eigentlich geschlossen – an diesem Abend aber besetzt und wieder geöffnet.

Zur Feier des Tages gibt es auf dem Gehsteig Nudelsalat und vegane Leberwurst. Drinnen werden Getränke und Snacks gegen Spende angeboten. Später spielen in dem rauchverhängten Raum Kontrabass und Gitarre. Ein Sofa, Plastikstühle und eine Matratze im Kerzenschein erwecken den ansonsten leer geräumten Raum zum Leben. Erst gegen Mitternacht ist plötzlich Schluss: Die Polizei rückt an und räumt die friedliche Versammlung. Die Besucher*innen gehen.

Eine Erklärung veröffentlichen die Besetzer*innen, die anonym bleiben möchten, auf ihrem Internetblog. Mit der Aktion wollten sie demnach „einen Ort schaffen, der Treffen, Austausch und Organisation gegen die sich zuspitzenden menschenverachtenden Verhältnisse ermöglicht“. Einen Ort, den es eigentlich schon gab. Und der ihnen vor zehn Wochen genommen wurde.

Seit dem 31. März ist die Tür der Erdgeschosskneipe Havanna Acht geschlossen. Auch bekannt als „Lieblingskneipe für die linke Szene“, war das Haus in der Marburger Oberstadt zuvor jahrzehntelang Rückzugsort für viele Menschen.

Seit 34 Jahren haben hier insgesamt zwischen 80 und 100 Kollektivist*innen gearbeitet und organisiert. „Kollektiv bedeutet, dass es bei uns keine Chefin gibt und alle Kollektivist*innen das gleiche Entscheidungsrecht haben“ – so lautet das Selbstverständnis des Havanna-Kollektivs.

2.500 Euro Miete

Solidarisch und kostengünstig sollte im schummrigen Licht gesoffen werden. Aber nicht nur: Antifaschistische Organisationen, Fachschaften und Gewerkschaftsgruppen trafen sich für regelmäßiges Plenieren. Hier wurde besprochen, wie man eine Gegendemo organisiert, wer Schlafplätze für Referentinnen zur Verfügung stellen kann, und welche Deko man am besten für die nächste Party verwendet. Damit war das Havanna nicht nur ein Bollwerk der linken Szene, sondern auch beliebtes Angriffsziel rechter Gruppierungen in Marburg, insbesondere rechtsextremer Burschenschaften.

Kreditinstituten sei ein Schaden in Millionenhöhe entstanden

In die Krise geriet das Havanna Acht aber nicht durch solche Angriffe. Drei Mal wurde die Räumlichkeit innerhalb der letzten zwei Jahre verkauft. Die Miete stieg auf 2.500 Euro – fast doppelt so viel wie bisher. Für das nicht auf Profit ausgelegte Kollektiv war das nicht mehr zu stemmen.

Im Frühjahr letzten Jahres legte es Widerspruch ein, woraufhin der Vermieter, eine Firma des Marburger Immobilienunternehmers Matteo S., dem Kollektiv zum Ende der Vertragslaufzeit am 30. April 2019 kündigte. Wenig später verkaufte er das Gebäude an eine Familie im 45 Kilometer entfernten Schrecksbach. Seine Firma fungiert seitdem als Hausverwaltung.

Genau genommen gehört dem Geschäftsmann ein ganzes Firmengeflecht: Im Handelsregister finden sich neun Unternehmen, die seinen Namen tragen und im Großraum Marburg gemeldet sind. An weiteren Firmen mit anderen Namen ist er beteiligt. Das Geflecht ist schwer zu durchschauen – und das ist möglicherweise auch so gewollt.

Zwei Geschäftsleute verhaftet

Am 8. Mai verhafteten Polizeibeamte in Marburg zwei Geschäftsleute. Gegen sie bestehe der Verdacht des „banden- und gewerbsmäßigen Betruges zum Nachteil diverser Kreditinstitute“, ­schreiben Polizei und Staatsanwaltschaft in einer gemeinsamen Pressemitteilung.

Die beiden 29- und 35-jährigen Verhafteten, einer davon aus dem Marburger Stadtteil Cappel, seien „Firmenverantwortliche mehrerer Immobiliengesellschaften mit Sitz in Marburg“. Sie sollen innerhalb weniger Monate mehrere Immobilien untereinander hin und her verkauft haben – jedes Mal mit einer kräftigen, künstlichen Preissteigerung. Mit Fantasiepreisen, die weit über den Marktwerten lagen, sollen sie bei Banken immer höhere Kredite bekommen haben. Den Kreditinstituten sei ein Schaden in Millionenhöhe entstanden.

Was das mit dem Havanna Acht zu tun hat? Die Lokalzeitung ­Oberhessische Presse berichtete Mitte Mai, dem älteren Verdächtigen habe einst das Gebäude gehört, in dem sich die Kneipe befand. Einen Namen nennt die Zeitung nicht, aber einiges spricht dafür, dass es sich um Matteo S. handelt. Auch er ist 35, auch einige seiner Unternehmen haben ihren Sitz im Stadtteil Cappel. Und ein aktueller Mieter des Unternehmers erzählt, dass am Tag der Festnahme Polizist*innen in dessen Häusern ermittelt hätten. Ihn selbst hätten sie zum Mietverhältnis und zu Problemen mit dem Vermieter gefragt. Auf eine Anfrage der taz antwortete Matteo S. nicht. Auch Polizei und Staatsanwaltschaft äußern sich auf Nachfrage nicht.

„h8 lebt“

Während die Behörden ermitteln, versucht das Kneipenkollektiv, irgendwie weiterzumachen. Schon vor der Besetzung vom Montag liefen Aktionen. Unter dem Titel „Havanna Acht im Exil“ versuchen Freundinnen und Freunde der alten Kneipe, das Havanna-Gefühl am Leben zu erhalten. Bier und Pfefferminzlikör schenken sie auf externen Events gegen eine Spende aus. Anonyme Unterstützer*innen bringen an Marburger Wänden Graffiti zu Ehren des Havanna Acht an. Häuserwände und Fensterscheiben werden mit Laken geschmückt. „Besetzen, Verteidigen, Enteignen“ und „h8 lebt“ steht zum Beispiel darauf.

Auch die Marburger Stadtverordnetenversammlung diskutierte bereits über das Havanna Acht. Linke und Grüne machen die Gentrifizierung für das Dilemma verantwortlich. Die SPD beteuert, über Ausweichmöglichkeiten für das Kneipenkollektiv nachzudenken.

Der sozialdemokratische Oberbürgermeister Thomas Spies bezeichnet den Verlust des H8 gar als „schweren und schmerzlichen Vorgang“. Die Kneipe sei „ein wichtiger Freiraum in der Stadt Marburg“ gewesen. „Es war ein Ankerpunkt und ein Rückzugsort, der fehlen wird. Ich hoffe, dass wir eine Lösung finden werden, der den weiteren Betrieb an anderer Stelle möglich macht“, sagt er. Wie genau die Hilfe aussehen könnte, bleibt aber offen. Spies verweist im Gespräch mit der taz auf das EU-Beihilferecht, welches die Begünstigung eines Unternehmens durch den Staat verbiete.

Mehr Gehör für die Gentrifizierungsproblematik

Die Betreiber*innen sind vom Bürgermeister enttäuscht. „Das Havanna-Acht-Kollektiv ist kein Unternehmen, sondern ein eingetragener Verein“, sagt ein Kollektivist mit dem Pseudonym Alex Radau, der seinen echten Namen aus Angst vor Repressionen nicht nennen will. „Thomas Spies hat uns viel Solidarität zugesprochen, aber noch nie tatsächliches Handeln gezeigt und dem Kollektiv aktiv geholfen.“

Den Kneipen-Betreiber*innen und ihren Mitstreiter*innen geht es jedoch gar nicht nur um eine neue Räumlichkeit für das Havanna Acht. Sie sorgen sich ganz allgemein darum, welche Folgen steigende Mieten für die Stadt haben. Alex Radau sagt, er hoffe, dass es durch den Fall der Szenekneipe mehr Gehör für die Gentrifizierungsproblematik in Marburg gebe. Ein Blick ins Archiv der Oberhessischen Presse offenbart tatsächlich: Seit der Havanna-Debatte gelangt zumindest der Begriff „Gentrifizierung“ in die Schlagzeilen.

Die Besetzung vom Montag gibt den Aktivist*innen weiteren Rückenwind. „Es gab endlich wieder eine Aufbruchstimmung“, sagt Mitbetreiber Alex Radau am nächsten Tag. „Die letzten Wochen waren viele Leute nicht nur persönlich, sondern auch politisch traurig geworden. Gestern hatte sich die Lethargie in Hoffnung gewandelt.“

In der pittoresken Marburger Oberstadt herrscht da aber schon wieder Ruhe. Die Polizei, die die ganze Nacht vor der geschlossenen Kneipe wachte, ist verschwunden. Das leerstehende Erdgeschoss ist mit frischen Brettern verbarrikadiert.

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de