Harald Welzer über Leadership: Buntbarsche lehnen Merz ab

Erreichen Jungs, die sich für Leader halten und dauernd auf den Tisch hauen, dass sich irgendwer von ihnen führen lässt?

Bild: Imago Images

Von Harald Welzer

Friedrich Merz hat, was er zweifellos nicht weiß, dasselbe Problem wie ein Buntbarsch alten Typs. An einer speziellen Buntbarschart (Astatotilapia burtoni) wurde nämlich gerade untersucht, »wie soziale Dominanz und die Fähigkeit zu sozialer Einflussnahme zusammenhängen« (Sibylle Anderl in der FAZ vom 22. Juli).

»Der Normalbarsch hält sich lieber fern vom dominanten Buntbarsch Typ Merz.«

Es ging also um die Frage, ob Jungs, die sich selbst Führungsqualitäten zuschreiben und bei jeder Gelegenheit ihrem Selbstbild entsprechend entschieden auf den Tisch hauen und so tatsächlich erreichen, dass sich irgendjemand von ihnen führen lässt. Die Antwort lautet: Nein.

Der merzhafte Typus des dominanten Buntbarsches bringt kaum einen anderen submissiven Barsch dazu, sich von ihm beeinflussen zu lassen – schon deswegen, weil der Normalbarsch sich lieber vom dominanten Typus fernhält und weil die Impulse eines weniger aggressiven Chefbarsches informativer sind als die des hektisch durchs Wasser schießenden Dominustyps. Es sei, so resümieren die Forscher, insgesamt eher ungünstig, wenn der aggressive Typus in hierarchisch gehobene Positionen kommt.

»Prinzip hektischer Buntbarsch«: Altbundeskanzler Gerhard Schröder mit Soyeon Schröder-Kim in Berlin Bild: Sonja Och/laif

Im Tierreich wie bei den Menschen

Es ist immer schön, wenn es im Tierreich genauso zugeht wie bei den Menschen. Gleich hat man eine Erklärung, warum Friedrich Merz gegen Angela Merkel nie eine Chance hatte und in einer nachhaltig merkelisierten CDU auch niemals eine haben wird. Denn Merkel ist ja sechzehn Jahre im Amt geblieben, weil sie einen Führungsstil etabliert hat, der von männlichen Interpreten lange Zeit als unentschieden, dilatorisch und irgendwie konturlos verstanden wurde. In Wirklichkeit folgte er einfach nur nicht dem Prinzip hektischer Buntbarsch, sondern wirkte Fakten und Chancen abwägend unauffällig klug und selbstdistanziert, also orientierend. Auf diese Weise hat sich die deutsche Kanzlerin das unglaubliche internationale Standing erarbeitet, das sie bis heute hat, und ein Image, bei dem ihr eines ganz sicher nicht unterstellt wird: dass sie unüberlegt handeln würde.

Von taz FUTURZWEI wird eher nicht erwartet, dass sie Pro-Merkel ist, aber uns interessiert, was heute, im Krisenjahr 2020, eigentlich Leadership sein könnte. Eine Krise wie die gegenwärtige, die vor allem dadurch charakterisiert ist, dass sie es extrem schwer macht, Erwartungen auszubilden, erweckt bei den Allermeisten den dringenden Wunsch, das politische Personal möge wissen, was es tut und auch entsprechend Weisung geben. Dann sind sie auch bereit, wie im ersten Abschnitt des pandemischen Krisengeschehens, aus eigener Einsicht den gesundheitspolitischen Notwendigkeiten zu folgen und solidarisch zu handeln.

Eine kooperative Mehrheitsbevölkerung ist, wie zu wenig gewürdigt wurde, eine starke Ressource der Demokratie, und wir sahen bis zum Mai ein Lehrstück darüber, wie gut eine moderne Gesellschaft funktioniert, wenn in ihr die Kooperation funktioniert. Erst mit der chaotischen Lockerungsphase, vorangetrieben durch offenbar infantile Ministerpräsidenten und -innen, brach dieses Kooperationsspiel zusammen – ein Beispiel für eklatantes Führungsversagen.

Die Zukunft wird nicht krisenärmer

Da unsere Zukunft nicht mehr krisenärmer werden wird, scheint für uns die in der Linken eher verpönte Frage nach Leadership ziemlich interessant, natürlich unter der Voraussetzung, dass darunter im 21. Jahrhundert etwas anderes gemeint und gefasst ist als im 20. und im 19. Jahrhundert. So wie heute die hypernarzisstischen Schlips-CEOs mit sonorer Stimme, jederzeit zum Sagen-wo-es-lang-geht bereit, in der Wirtschaft aus der Zeit gefallen sind – anders übrigens als in der merkwürdig anachronistischen Wirtschaftspresse –, so werden sie aus der Politik der modernen Demokratien peu à peu verschwinden.

In Gesellschaften, in denen die Menschen durch freiheitliche Ordnungen und gute Bildungssysteme selbst denken können, braucht es Leadership, das die Vielfalt von Perspektiven und Fähigkeiten als Ressource versteht und zu koordinieren in der Lage ist. Das erfordert neue Rollenmodelle und neue Formen der Kommunikation, nach Möglichkeit herrschaftsfreie. Für diesen Paradigmenwechsel in Sachen Leadership gibt es kein ironischeres Sinnbild als den einstmaligen Basta- und Brioni-Kanzler, der heute unglücklich gekleidet am Herd steht und Bratkartoffeln brät.

Harald Welzer ist Herausgeber von taz FUTURZWEI

Dieser Beitrag ist in taz FUTURZWEI N°14 erschienen