Harald Welzer in der neuen taz FUTURZWEI: Wir verstehen die Welt nicht mehr

Das Coronavirus macht einen Epochenbruch sichtbar, in dem das alte Denken nicht mehr ausreicht, um die kommenden Spannungen aufzulösen.

Eigentlich liefern alle im Kulturbetrieb ab, was sie immer abliefern. Bild: Mårten Lange

Von HARALD WELZER

Das ist dann schon hart, wenn man Großkünstlerin ist und draußen herrscht Corona. In einem Zeit-Gespräch berichten die Bildhauerin Alicja Kwade vom Theater mit den Kurzarbeits-Anträgen für ihre zehn Angestellten und die Malerin Katharina Grosse von ihrer immens aufwendigen Show für das Museum Hamburger Bahnhof, die nun nicht eröffnen kann, coronabedingt. »Die Produktion ist schon so weit fortgeschritten und auch so aufwendig, dass wir weiter daran arbeiten.« Fein. Später im Gespräch geht es dann wie üblich um den von Männern dominierten Kunstbetrieb und darum, dass Berlin eine ganz tolle Stadt für die Kunst ist, blabla.

Alle Routinen sind unterbrochen. Nur die Denkroutinen nicht. Doch man wird eine andere Wirklichkeit nur verstehen, wenn man den Hohlraum nicht zuplappert, in dem die gewohnten Rezepte der Analyse, Poetisierung und Schlaubergerei nichts mehr nützen.

Als ich dieses, sagen wir es mal vornehm, etwas weltentrückte Gespräch las, das immerhin in Zeiten stattfand, als hunderttausende Menschen ihre Jobs verloren oder ihre Geschäfte schließen mussten (machen Sie die Aufzählung an dieser Stelle selbst weiter), dachte ich unwillkürlich an den Corona-Tagebuch-Eintrag von Carolin Emcke vom 25. März, der da lautet: »Wenn wir (gemeint sind: die Künstlerinnen, Autorinnen usw.) jetzt nicht nachweisen, was wir können, wenn wir jetzt nicht begründen, warum es uns, die wir Geschichten erzählen, fiktive oder nicht fiktive, die wir die Wirklichkeit verwandeln oder beschreiben, die wir Trost spenden oder Wissen vermitteln, die wir Wörter oder Konzepte wiegen und für zu leicht befinden, die wir Lügen entlarven, Missverständnisse analysieren, demokratische Rechte und Räume verteidigen, wenn wir jetzt nicht zeigen, warum es auch uns braucht, dann werden wir nicht überleben ... «.

Kunst in Zeiten einer radikal veränderten Wirklichkeit

Hoppla, da könnte etwas dran sein, aber auf andere Weise, als die Autorin hofft. Denn Emckes stillschweigende Unterstellung ist ja, dass es die kulturelle Produktion braucht, gerade in der Krise. Aber ist das womöglich eine ebenso wenig belastbare Behauptung wie die, dass die Welt ohne Flugverkehr nicht funktioniert oder das Business ohne Meetings? Unser Leben ist strukturiert von der Erwartung, dass es morgen, in drei Monaten, übernächstes Jahr im Großen und Ganzen noch genauso ist wie heute, und dass wir, wie alle anderen, auch morgen, in drei Monaten oder übernächstes Jahr gebraucht werden. Bei der Intensivpflegerin ist diese Erwartung jetzt eindeutig bestätigt, aber beim Philosophen oder der Großkünstlerin?

Aus der Bildserie THE MECHANISM von Mårten Lange Bild: Mårten Lange

Die Daseinsberechtigung des Kulturbetriebs erweist sich ja exakt in den gesellschaftlichen Funktionen, wie Emcke sie skizziert. Aber das würde bedeuten, dass das Erzählen, Verwandeln, Entlarven seine Form, seine Sprache, seinen Ort in Bezug auf eine radikal veränderte Wirklichkeit findet. Was das eingangs zitierte Gespräch von Grosse und Kwade so deprimierend macht wie etwa die Krisenkommentare von Großdenkern wie Peter Sloterdijk oder Giorgio Agamben oder Theoriekrawallschachteln wie Slavoy Žižek, ist, dass ihnen auch in dieser Situation zuverlässig das einfällt, was ihnen immer einfällt. Und dafür stehen sie Pars pro Toto. Eigentlich liefern nämlich im Betrieb alle ab, was sie immer abliefern, nur eben jetzt mal unter Corona-Bedingungen.

Alle Routinen sind unterbrochen, nur die Denkroutinen nicht – wo es doch die seismografische Kraft der Kunst wäre, gerade zu sagen, was das Unbekannte ist. Das, was sich dem routinierten »verwandeln, beschreiben, Trost spenden, vermitteln, entlarven, analysieren« nicht fügt.

Dieser Beitrag ist in

taz FUTURZWEI N°13 erschienen

Die Krise macht das Scheitern unserer bisherigen Strategien sichtbar

»Zu Hitler fällt mir nichts ein«, hat Karl Kraus gesagt und damit mehr von Hitlers epochensprengender Neuheit verstanden als alle routinierten Interpreten. »Zu Corona fällt uns nichts ein« wäre ein erkenntnishaltigerer Satz als das allermeiste, was allen erwartbar zu Corona einfällt – was übrigens desto dümmer wird, je mehr die sogenannte Normalität zurückkehrt.

Tatsächlich sind wir doch gerade Teilnehmerinnen und Teilnehmer eines Epochenbruchs, in dem ein kleines Virus alles das zur Sichtbarkeit und Verschärfung bringt, was zuvor als Bruchstellen auch schon da war, im Normalbetrieb aber für eine spätere Bearbeitung zur Seite gelegt wurde, auf diesen großen Stapel.

Flüchtlinge. Armut. Soziale Ungleichheit. Geschlechterungleichheit. Nationalismus. Autoritärer Drift von Ungarn, Polen und anderen. Der Titanic-Moment der EU, als sofort die nationalen Grenzen geschlossen wurden. Bildungsungerechtigkeit. Die Schwächen des Marktliberalismus, die Hybris der Globalisierung. Der Imperialismus der Digitalisierung, die Sucht nach Überwachung. Es ist noch vieles mehr, was nun, unter Krisenbedingungen, aus der Konturlosigkeit glasklar hervortritt und ein Scheitern unserer bisherigen Strategien markiert, die Welt zu verstehen und zu gestalten.

Im leeren Raum der stillgestellten Zukunft

Die Welt zeigt sich anders, als wir sie kannten. Und man wird sie nur verstehen können, wenn man sich erstmal auf die Möglichkeit einlässt, dass es – falls es ein »hinterher« gibt – hinterher alles anders gewesen sein wird als vorher.

Diesen Moment finden wir bei taz FUTURZWEI interessant – den leeren Augenblick, in dem die gewohnten Rezepte und Instrumente der Deutung, Analyse, Poetisierung und Schlaubergerei gar nichts nützen, einfach deshalb, weil sie früher gepasst haben, nun aber nicht mehr. Because it’s different now!

»Zu Corona fällt uns nichts ein« wäre ein erkenntnishaltigerer Satz als das allermeiste, was allen erwartbar zu Corona einfällt.

Keine demokratische Aushandlung, sondern Expertokratie. Kein Primat der Wirtschaft, sondern der Virusbekämpfung. Keine Flieger, kein Konsumeskapismus. Kein soziales Leben. Keine Kultur. In einer Krise, die womöglich alles anders gemacht hat, kann man aus unserer Sicht gar nichts anderes tun, als im leeren Raum der stillgestellten Zukunft zu sortieren, was sich zeigt. Und daraus, wenn es ganz hoch kommt, eine Lerngeschichte der Krise zu formen. Damit wir, wenn es dann weitergeht, falls es denn weitergeht, uns nicht dumm gestellt haben werden.

Harald Welzer ist Herausgeber von taz FUTURZWEI.