berliner szenen: Hände, die so warm sind
Es stand zu befürchten, dass meine Physiotherapeutin ein rein berufliches Verhältnis zu mir unterhalten wollte. Das war natürlich vernünftig, eine konsequente Einschränkung, die das Böse in mir langweilig und spießig fand, während die Vernunft sagte: okay. Geht ja nicht, sich in einen Patienten zu verlieben.
Das Böse sagte: Die Leidenschaft, das Begehren kümmert sich nicht um solcherlei Grenzen! Ein verwandter Teil, den ich nicht genau lokalisieren konnte – das Kind in mir, der Patient in mir, meine Eitelkeit? – sagte: Aber diese Hände, die so warm sind und gute Sachen mit meinem Körper machen, die mir helfen, die mich heilen, mich entspannen, und diese blauen Augen, die mich kümmernd anschauen, diese neue Mutter im Gewand einer gleichaltrigen Frau mit leichten Geschmacksverzerrungen, weniger, was Filme, Bücher, mehr, was ihren Stil, ihre Vorlieben, ihre Freizeitaktivitäten betraf, war das nicht genau mein Fall? War das Abseitige nicht immer schon besonders reizvoll gewesen? Eine Amour fou schön neben der Konvention? Eine Liebe, die man verheimlichen sollte, um sich ihr im Heimlichen umso mehr hingeben zu können? Oder hatte ich einfach zu viele alte Bücher gelesen? Wie war das noch mit Tabu und Übertretung bei George Bataille? Die Lust entsteht nur in der Grenzüberschreitung.
Fand ich plausibel damals diese These, als ich als Student „Das Blau des Himmels“ und „Das obszöne Werk“ las. „Bei allem, was wir tun, denken und fühlen, möchten wir manchmal bis zum Äußersten gehen. Der Wunsch wird in uns wach, die Grenzen zu überschreiten, die uns gesetzt sind.“ Aber die Realität war eine andere. Die Realität musste sich mit Gegebenheiten arrangieren, Grenzen akzeptieren. Am besten, ich suchte nach einer Frau, zu der ich nicht in einem medizinischen Verhältnis stand. René Hamann
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