Grusel-Casting in Kiel: Untotes Leben gesucht

Das Kieler Grusellabyrinth schickt seine Besucher nicht nur durch verworrene Gänge, sondern präsentiert ihnen auch live gespielte Theaterszenen. Um neue Gruselmonster zu finden, veranstaltet es jedes Jahr ein Casting. Ein Selbstversuch.

So sah das Ergebnis nach einem der vergangenen Castings aus. Bild: Promo

KIEL taz | Da, wo früher der Kieler Güterbahnhof rumorte, skaten heute Jugendliche zwischen Dehner Gartencenter, Hornbach und Hallo Pizza-Shop. Aus dem Güterbahnhofsgelände ist das Gewerbegebiet Tonberg geworden und an die Eisenbahnzeit erinnert nur noch die Rampe vor einer langen Backsteinhalle.

In dieser findet das öffentliche Gruselcasting statt, zu dem Deutschlands größtes Grusellabyrinth für seine neue Show "Der Fluch der Fortescue - Die Legende lebt" eingeladen hat.

Das Labyrinth beschreibt sich selbst als "Erlebniswelt" mit interaktivem Theater. Gesucht werden "neue Monster und alte Erschrecker, die die riesige Attraktion mit untotem Leben erfüllen wollen". Ich sollte nicht mehr mitbringen als "gute Laune und ein wenig schauspielerisches Talent". Ob ich selbiges überhaupt besitze, weiß ich nicht. Dementsprechend gestaltet sich an diesem Nachmittag meine Laune: Bammel vor der Blamage. Es ist mein erstes Casting.

Von 2002 bis 2009 war das Grusellabyrinth in das Erlebnisrestaurant Villa Fernsicht in Raisdorf südöstlich von Kiel integriert.

2010 zog das Labyrinth in die Halle am Tonberg. 26.500 Besucher ließen sich letztes Jahr erschrecken.

Jährlich kommen bis zu hundert Gruselfans zu den öffentlichen Rollencastings.

Am 14. Oktober startet die neue Show "Fluch der Fortescue."

Insgesamt beschäftigt das Grusellabyrinth rund hundert Mitarbeiter.

Ich hasse Castingshows. Ich verachte die Moderatoren, die Fans, den anhaltenden Erfolg dieser Formate. Für die Küblböcks, Queensberrys, Lena-Meyer-Landruts verspürte ich bisher nur Mitleid und Fremdscham. Nun bin ich also auch ein Casting-Opfer geworden. Zum Glück sind hier keine Kameras dabei. Einzig die Praktikantin von Radio Schleswig-Holstein sammelt O-Töne.

Als erstes muss ich mich mit sechs anderen Kandidaten in einer Nebenhalle vor der Jury aufreihen. Neben uns stapeln sich Kisten, aus denen die nackten Beine zerlegter Schaufensterpuppen ragen, sich Masken und Dekorationen türmen. Die Geschäftsführer und Geschwister Holger und Ina Schliemann wollen als Erstes testen, ob wir überhaupt fähig sind, uns zu artikulieren.

Dafür soll jeder von uns der Reihe nach einen Satz vorlesen - möglichst originell betont. Sollte ich das schaffen, bin ich eine Runde weiter und darf auch mal schauspielern. Ich gebe mir daher sehr viel Mühe, meinen Schweizer Akzent mittels weicher Rs zu verbergen.

Während die Jury darüber berät, wen sie für sprachuntauglich hält, spreche ich mit Philipp. Auch er will Gruselmonster werden. "Leute erschrecken macht Spaß", sagt er, "das ist mein Tick." Seine WG-Mitbewohner wären davon mittlerweile richtig genervt. Philipp ist Veranstaltungskaufmann in Ausbildung. Im Heidepark arbeitete er in seiner Freizeit schon mehrmals als Erschrecker. Nur zum eigenen Vergnügen.

Die Jury hat mittlerweile entschieden: Wir dürfen alle einzeln vorsprechen. Ich bin im Recall, ich juble innerlich und schäme mich gleichzeitig ein wenig. Einzig Niklas kam nicht weiter. Erschrecker wollte er eigentlich werden, sagt der schmächtige Schüler mit einem kurzen Lächeln. Aber egal, jetzt macht er wohl im Service mit. "Gibt 400 Euro im Monat, ne."

Ich frage mich, welche Performance ich gleich hinlegen soll. Muss ich herumschreien? Mit erhobenen Armen durch die Gegend rennen? Meine wenigen Erfahrungen im Gruselbereich begrenzen sich auf Geisterbahnfahrten im Kindesalter. Ich war noch nicht einmal im Hamburg Dungeon. Von einem Grusellabyrinth ganz zu schweigen.

Bin ich überhaupt gruselig? Immerhin schaffe ich es, meine Freundin ansatzweise einzuschüchtern, wenn ich den Psycho spiele, der soeben seine eigenen Kätzchen ertränkt hat. Ob das reicht? 2010 erschraken sich über 26.000 Gruselfans im Labyrinth. Die erwarten bestimmt keine Kinderüberraschungen, sondern professionelles Schocken. Den Horrorbereich dürfen sogar nur Besucher betreten, die älter sind als 16 Jahre.

Ich bekomme von der Jury die Aufgabe, mich auf zwei Rollen vorzubereiten. Video-Aufnahmen einer früheren Show helfen mir dabei, mich in die Charaktere einzufühlen. Sie werden auf einem Fernseher gezeigt, der auf einem einsamen Stuhl in der Halle steht.

Den Artibeus soll ich spielen, und den Gront. Artibeus ist der schmierige Lakai der Hexenfürstin Lady Fortescue, die in ihrer Festung nach Herrschaft strebt. Gront ist ein putziges Waldwesen. Er wurde von der Hexenfürstin in den Gruselwald verbannt, weil er sich weigerte, diesen niederzubrennen. Ich mag Gront nicht besonders. Vor allem nicht dessen schrullige Putzigkeit.

In einem zur Castingbühne umfunktionierten Hinterzimmer trage ich keine Viertelstunde später den Sprechpart von Artibeus vor. Dieses Mal rolle ich das R so stark wie nur möglich. Das passe zu Artibeus, versichert mir die Jury, dieser leicht transsylvanische Touch. Ich versetze mich so sehr in die Rolle, dass ich unbewusst Grimassen schneide und zu gestikulieren beginne. Verdammt, das macht sogar Spaß, denke ich, und rolle wirr mit den Augen.

"Und jetzt den Gront", fordert mich Holger Schliemann auf. Ich fluche innerlich, verliere den letzten Respekt vor mir selbst und krächze "Jawohl, jawohl." Das ist Gronts Erkennungsmerkmal. Sagt er nach fast jedem Satz.

Ich muss den Part wiederholen. Beim ersten Versuch war ich nicht putzig genug. "Und jetzt das R bitte nicht mehr rollen", weist mich die Jury an. Ich versuche, die Anweisungen zu befolgen, spüre aber bereits, dass ich scheitere. Ich bin wohl eher für osteuropäische Hexendiener gemacht.

Die Jurymitglieder lächeln. "Das war schon mal ziemlich gut", sagt Ina Schliemann und steht auf. Per E-Mail würde ich erfahren, ob ich die Rolle bekomme. Ich darf gehen und bin leicht enttäuscht. Ich erwartete Schmähungen im Stil eines Dieter Bohlen oder aber überwältigende Standing Ovations. Nicht diese freundliche Indifferenz.

War ich denn gut genug? Schließlich bewerben sich bis zu hundert Leute für die zehn Rollen, die das Grusellabyrinth jährlich neu besetzt, um das Team aus hundert Mitarbeitern zu verstärken.

"Wir hätten dich genommen", sagt Holger Schliemann, nachdem ich mich schließlich als taz-Autor oute. "Ich fand dich charismatisch. Ich glaube, dass du die Leute gut fasziniert hättest und sie dir gerne zugehört hätten." Es bringe nichts, Leute hinzustellen, die nur grausig aussehen oder gut schreien können. Davon hätten die Besucher nichts. Gutes Entertainment entstehe erst aus der perfekten Mischung von Schauspiel, Atmosphäre und Schockeffekten.

Ich bin überrascht und leicht geschmeichelt. Sofort denke ich aber an das traurige Schicksal unzähliger Deutschland sucht den Superstar-Sieger, die sich - von der Unterhaltungsindustrie ausgesaugt - auf Provinzbühnen tummeln oder als Tarzan-Musicaldarsteller verdingen müssen. Ein Sklave der Castinggesellschaft - das ist nichts für mich. Aber vielleicht verwandle ich mich an Halloween ausnahmsweise doch in ein Gruselmonster.

Ein zweites öffentliches Casting findet am Sonntag, 4. September ab 14 Uhr in Kiel statt. Adresse: Tonberg 15, Tor 3
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