Gordon Brown redet: Labour kuschelt sich an den Verlierer

Mit der laut Medien besten Rede seines Lebens begeistert Großbritanniens kriselnder Premier Gordon Brown den Labour-Parteitag. Seine Kritiker überzeugt er nicht.

Brown beim Reden zuhören? "Wie Teetrinken auf der ,Titanic'", finden Kritiker. Bild: reuters

MANCHESTER taz Die Medien waren sich am Mittwoch einig: Die Rede des britischen Premierministers Gordon Brown am Dienstag auf dem Parteitag in Manchester war die beste, die er je gehalten hat. Aber sie wird ihm nichts nützen, er habe lediglich etwas Zeit gewonnen. Immerhin. Das ist mehr, als seine Anhänger im Vorfeld des Parteitags erwarten durften.

Der Andrang war groß, jeder wollte die Rede hören. Die Schlange vor der Sicherheitsschleuse am Kongresszentrum von Manchester wand sich durch die halbe Innenstadt. Die Wartenden waren leichte Beute für die Lobbyisten. Einer stand auf einem Stuhl und hielt ein Plakat hoch: "Werdet Vegetarier, es ist Gottes Wille." Auf der Rückseite stand: "Verbietet Tabak, macht dem Holocaust ein Ende." Daneben überreichte jemand Einladungen zu einer Diskussionsveranstaltung mit dem Titel: "Wie Labour die Stimmen der Raucher gewinnen kann." Eine junge Frau verteilte Flugblätter, auf denen die Erweiterung des Rechts auf Abtreibung gefordert wird, zwei Meter neben ihr drückte eine ältere Frau von der "Gesellschaft zum Schutz ungeborener Kinder" jedem ein Pamphlet in die Hand, auf der das Gegenteil verlangt wird.

Im Kongresszentrum selbst musste man auf dem Weg in den Veranstaltungssaal durch die Vorhalle, in der die finanzkräftigeren Lobbyisten Stände gemietet haben. Eine halbe Stunde vor Browns Rede war diese Halle wie leer gefegt.

Der Premierminister hatte als Stimmungsmacherin überraschend seine Frau Sarah auf die Bühne geschickt, die kurz und knapp erklärte, wie stolz sie auf ihren Mann sei. Der streute ein paar Bemerkungen über seine drohende Erblindung in der Jugend ein, er erwähnte seine Kinder, und er lächelte ein paar Mal, wenn auch unbeholfen. Es war eine sehr persönliche Rede, stellte der Guardian fest: 121-mal habe er "ich" oder "mich" gesagt. Das Wort "fair" kam 20-mal vor, sein Vorgänger Tony Blair nur einmal, und das Wort "sorry" fiel gar nicht. Aber Brown räumte zumindest ein, dass sein Versuch, den niedrigsten Steuersatz von 10 Prozent abzuschaffen, ein Fehler gewesen sei.

Browns Anhängern war die Erleichterung anzumerken, dass er eine "tadellose Neubewerbung für seinen Job" abgeliefert habe, wie Derek Simpson, Generalsekretär der Gewerkschaft Unite, es ausdrückte. Browns gut einstündige Rede wurde durch insgesamt 21 Minuten Zwischenapplaus unterbrochen. Zum Schluss feierten die Delegierten ihren Premier viereinhalb Minuten lang mit Standing Ovations.

Seine Kritiker allerdings hat Gordon Brown nicht überzeugen können. "Es ist wie Teetrinken auf der ,Titanic' ", sagte einer. Alice Miles schrieb gestern in der Times, dass es eine schlimme Labour-Vorstellung war: "Introvertiert, dogmatisch und an einen Verlierer gekuschelt. Das war keine Rede, es war eine Begräbnisfeier. Selbst sein einziger Witz war erbärmlich: Zum Glück habe er nie erwartet, beliebt zu sein. Bumm-bumm."

Gestern war die Luft aus dem Parteitag raus, es wurden noch ein paar Punkte debattiert, die keinen mehr interessierten. Brown und sein Schatzkanzler Alistair Darling waren bereits auf dem Weg nach Washington, um mit der US-Regierung über die Krise der Finanzmärkte zu beraten. Am Abend wurde der Sicherheitsstahlgürtel um die Innenstadt von Manchester wieder abgebaut, und auch die Briefkästen, die im Vorfeld aus Angst vor Briefbomben zugeschweißt worden waren, wurden wieder geöffnet.

Die Manchester Evening News erklärte ihren Lesern, dass sie sich über die Unannehmlichkeiten durch die Sperrung der Innenstadt nicht beschweren sollen. "Man schätzt, dass die Konferenz unserer Stadt Einnahmen in Höhe von 20 Millionen Pfund beschert, und dieses Geld brauchen wir dringend in diesen schweren Zeiten."

Ab Samstag kann sich Birmingham über den Geldsegen freuen. Dort stehen dann die konservativen Tories während ihres Parteitags für ein paar Tage im Rampenlicht. "Brown hat mit seiner Rede den Tory-Chef David Cameron in kurze Hosen gesteckt, in die das unerfahrene Kind hineingehört", sagte Labour-Staatssekretär Tony McNulty. Aber der Knabe kann optimistisch in den Parteitag gehen: Eine Umfrage hat vorige Woche ergeben, dass die Tories die 50-Prozent-Marke überschritten haben. So gut standen sie seit den besten Zeiten Margaret Thatchers nicht mehr da - und noch dazu ohne konkretes politisches Programm. Es ist die Labour-Politik, die die Tories zu Gewinnern macht.

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