Gleichstellung von Behinderten: Landung der schrägen Piloten

Menschen mit Behinderung sind aus dem öffentlichen Raum ausgesperrt. Die Theatergruppe "piloti storti" der Spastikerhilfe will das nicht länger hinnehmen.

Die schrägen Piloten landen - oder starten? - in Tempelhof Bild: piloti storti

"Rakete zu verkaufen!", ruft der Mann im blauen Skianzug. Wie ein Marktschreier steht er vor dem Rathaus Schöneberg und präsentiert seine Ware. Als keiner der Umstehenden antwortet, legt er nach: "Eine tolle Rakete! Mit der kann man sogar auf den Mond fliegen!" Die "Rakete" heißt Anja Reimann, und die sieht wirklich ein wenig aus wie ein Raumfahrer. Ihr Rollstuhl ist mit silberner Folie umwickelt, die Räder glänzen metallisch. Reimann hat eine spastische Lähmung. Hendrik Jansen, der sie anpreist, ist gehbehindert. Zusammen sind sie Teil der integrativen Theatergruppe "piloti storti" und ihre Performance ist ein Appell - gegen Armut und soziale Ausgrenzung.

Der Kampf gegen beides ist auch das Ziel des Europäischen Jahres 2010. Durch lokale Projekte sollen benachteiligte Menschen stärker ins öffentliche Licht gerückt werden. Auch der Theaterverein "piloti storti" profitiert davon: Regisseurin, Kostümbildnerin und Musiker werden unter anderem von der EU bezahlt. Mit ihrer Aktion "Wir werden gesehen" gehen sie jetzt in die Öffentlichkeit: Heute spielen sie auf dem Alexanderplatz, am nächsten Wochenende sind sie in der Hörsaalruine des Medizinhistorischen Museums.

Die "piloti storti", zu Deutsch "schräge Piloten", sind das 2001 gegründete Theaterensemble der Spastikerhilfe e. V. Seit 2005 leitet Regisseurin Christine Vogt das Theater. Neun Menschen mit Mehrfachbehinderung - also gleichzeitigem Autismus, Down-Syndrom oder anderen körperlichen Einschränkungen - sowie fünf Sozialarbeiter und Betreuer stehen auf der Bühne.

Doch da beginnt das Problem. Wer bei diesem Theater mitmacht, hatte meist schon beruflich Kontakt mit Behinderten - Außenstehende verirren sich nur selten dorthin. Auch im Alltag gibt es kaum Berührungspunkte. "Menschen mit Behinderung sind im Stadtbild ja praktisch nicht zu sehen", sagt Birgit Stennert, Referentin der Spastikerhilfe e. V. Mehr als 340.000 schwerbehinderte Menschen, also Personen, denen ein Grad der Behinderung von 50 und mehr zuerkannt wurde, leben laut Statistischem Landesamt in der Hauptstadt. Viele seien in speziellen Einrichtungen untergebracht und im Alltag auf Hilfe angewiesen, erzählt Stennert. Schon für einen Kinobesuch sei geschultes Personal nötig. "Die Mittel dafür werden aber immer weniger", so Stennert. "Dabei kann nur Präsenz helfen, Distanz zu überwinden." Die Aktion vor dem Schöneberger Rathaus sei ein Versuch, spielerisch Kontakt herzustellen - zwischen Spastikern und Passanten, Menschen mit und ohne Behinderung.

Das Konzept geht auf: Einige Kunden bleiben stehen und sehen zu, wie ein Mitglied der Theatergruppe zwischen den Obstständen einen Balletttanz aufführt. Andere Besucher lassen sich von einer Rollstuhlfahrerin die Zukunft vorhersagen. Sie erhalten ein selbstgemaltes Bild und gute Wünsche: "Ich schenke Ihnen die Sonne und den Himmel - damit Sie immer fröhlich sind." Viele irritiert das Schauspiel zunächst, bald lassen sie sich aber darauf ein. Als Theatermitglied Dirk Braun - auf dem Kopf einen Eimer, die übergroßen Socken mit Styropor ausgestopft - sich einen Geldbeutel kaufen möchte, gibt der Verkäufer ihm Rabatt: Dirk muss nur 5 statt sonst 10 Euro bezahlen.

Eine Stunde dauert die Performance auf dem Schöneberger Wochenmarkt, dann bauen sich die Darsteller zum Schlussakt auf. Gemeinsam stehen sie auf der Treppe des Rathauses. Dann löst sich ein Mitglied aus der Gruppe und läuft mitten hinein ins Markttreiben. Die Arme ausgebreitet, wie die Flügel eines Flugzeugs, umkreist er die Zuschauer. "Wir werden gesehen", ruft der "schräge Pilot". Die anderen stimmen mit ein. Am Ende gibt es noch ein lautstarkes: "Piloti storti!"

Eine Passantin betrachtet das Geschehen. Sie habe nur schnell zum Bäcker gewollt und sei dann mitten in die Performance geraten. "Wirklich toll" findet sie die Aktion. "Die Übergänge sind ja fließend", sagt sie. "Was ist denn schon normal?"

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