Gewalt: Wegsehen ist keine Alternative

Nach den jüngsten Übergriffen auf Busfahrer und Fahrgäste droht die Zivilcourage auf der Strecke zu bleiben.

Videoüberwachung hilft nicht allein Bild: DPA

Die vermehrten Übergriffe auf BVG-Busfahrer und Fahrgäste haben Spuren hinterlassen. Bei vielen Kolleginnen und Kollegen fährt die Angst mit. Jeder fragt sich, wann er der Nächste ist. Einige Fahrer wollen bestimmte Linien nicht mehr fahren, sagt Betriebsratsvorsitzende der BVG-Tochter "Berlin Transport" Thomas Wiener (tExt unten. Auch die Fahrgäste fühlen sich verunsichert.

Von Verhältnissen wie in einigen Pariser Vorstädten ist Berlin noch weit entfernt. In manchen Banlieues sei der öffentliche Nahverkehr wegen zahlreicher Angriffe auf Busfahrer eingestellt worden sei, sagt die Sprecherin der BVG, Petra Reetz. In Berlin könne davon keine Rede sein. Trotzdem: Die vermehrten Übergriffe in den vergangenen Tagen auf BVG-Mitarbeiter und Fahrgäste haben Spuren hinterlassen.

Der Betriebsratvorsitzende des BVG Tochterunternehmens Berlin Transport, Thomas Wiener, beschreibt die Stimmung so: Es gebe Busfahrer, die wollten nicht mehr auf bestimmten Linien eingesetzt werden (siehe Interview). Zum Bespiel auf der Linie M 29, wo am Samstag in Kreuzberg ein türkischstämmiger Busfahrer niedergestochen worden war. Der Fahrer hatte versucht, zwei Randalierer aus dem Bus zu weisen. Auch die Fahrgäste sind verunsichert: Ebenfalls am Samstag war ein Fahrgast von einem anderen bewußtlos getreten worden, weil er sich eingemischt hatte, als der Täter einige Frauen in der U-Bahn verbal belästigt hatte. Bei Umfragen unter Fahrgästen ist seither vermehrt der Ausspruch zu hören: "Ich würde in so einem Fall nicht eingreifen, um nicht selbst zur Zielscheibe zu werden".

Wenn sich jetzt eine "Kultur des Wegesehen entwickelt", sei das jedoch genau der falsche Weg, warnt ein Polizeisprecher. Außer Wegsehen und körperlich Dazwischengehen gebe es noch diverse andere Möglichkeiten. Zum Bespiel sofort über 110 die Polizei anrufen, sich mit anderen Fahrgästen zusammen tun und als Zeuge zur Verfügung zu halten. BVG-Sprecherin Reetz und die verkehrspolitische Sprecherin der Grünen, Claudia Hämmerling, warnen davor, die Gewaltvorfälle als Problem der BVG abzutun. "Dass bei Bagatellen sofort das Messer gezückt oder zugeschlagen wird, ist ein gesamtgesellschaftliches Problem", sagt Reetz. Solche Taten müssten "bürgerlich geächtet" werden. Hämmerling wiederum fordert eine Öffentlichkeitskamapage mit Plakaten und Aufklebern in Bussen und Bahnen um die Zivilcourage zu stärken. Das Motto könne lauten: "Trau dich".

Wie nicht anders zu erwarten, wird jetzt auch allenthalben wieder über die Sicherheitsmaßnahmen in den öffentlichen Verkehrsmitteln diskutiert. Der BVG-Betriebsvorstand Thomas Necker kündigte den Einsatz von 1.000 Langzeitarbeitslose an. Das Projekt, das aus Bundes- und EU-Mitteln finanziert wird, ist schon länger geplant. Die Arbeitslosen sollen in den Fahrzeugen und auf Bahnhöfen in erster Linie durch ihre Präsenz das subjekte Sicherheitsgefühl erhöhen. Dass die Busfahrer mit Pfefferspray ausgestattet werden, schloss Necker aus. Auch Doppelstreifen aus BVG, Mitarbeitern und Polizisten seien sinnvoll.

Polizeipräsident Dieter Glietsch zufolge hat die Polizei im vergangenen Jahr 44.000 Einsatzkräftestunden im Bereich des Öffentlichen Nahverkehrs absolviert. Wo gemeinsame Aktionen sinnvoll seien, fänden sie statt, sagte Glietsch. Es sei aber ein Irrtum zu glauben, die Polizei könne Sicherheitspersonal oder -technik ersetzen.

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