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GesellschaftBibeltreue im Schwabenland

Evangelikale haben die US-Wahl mitentschieden. Und auch hierzulande ziehen Freikirchen und Bibeltreue offensiver gegen Queerness, Transgeschlechtlichkeit und Abtreibungen zu Felde. Baden-Württemberg erweist sich als Hotspot.

Embryo in Flammen: Christliche Abtreibungsgegner:innen demonstrieren vor einer Klinik in Stuttgart, 2021. Foto: Jens Volle

Von Minh Schredle

Hartmut Steeb ist stolz auf seine zehn Kinder, von denen nicht ein einziges schwul geworden sei, wie er gerne betont. Der 72-jährige Diplom-Verwaltungswirt aus Stuttgart hat sich seit vielen Jahrzehnten dem Kampf gegen Homosexualität verschrieben und positionierte sich jüngst auf Facebook gegen eine Resolution, die die Parlamentarische Versammlung des Europarats am 29. Januar dieses Jahres verabschiedet hat. Diese fordert von allen EU-Mitgliedsstaaten ein Verbot sogenannter Konversionstherapien, die darauf ausgelegt sind, gleichgeschlechtliche Liebe und trans Personen zu „heilen“ – etwa durch die Konditionierung mit Elektroschocks, während Schwulenpornos laufen. Ein Bericht der Vereinten Nationen verwies 2020 darauf, dass es sich dabei nicht um seriöse Therapien handle, sondern pseudowissenschaftliche Praktiken, deren Methoden man teils als Folter bewerten müsse. Bei Betroffenen liege demnach ein verdoppeltes Suizidrisiko vor. Steeb, der in der sogenannten Lebensschutz-Bewegung aktiv ist, betont hingegen: „Gott kann verändern – und er wird es sich nicht verbieten lassen!“

Vor seinem Ruhestand 2019 war Steeb drei Jahrzehnte lang Generalsekretär der Evangelischen Allianz in Deutschland. Das hierzulande größte evangelikale Netzwerk repräsentiert nach eigenen Angaben 1,3 Millionen Christ:innen in der Bundesrepublik und bekennt sich zu einer wörtlichen Auslegung der Bibel. Gegenüber den knapp 18 Millionen Mitgliedern der Evangelischen Kirche in Deutschland handelt es sich bei den bibeltreuen Fundamentalist:innen hierzulande eindeutig um eine Minderheit im Protestantismus. Allerdings ist man um internationale Vernetzung bemüht – und unter den weltweit etwa 900 Millionen protestantischen Christ:innen organisieren sich etwa 600 Millionen Evangelikale in der Weltweiten Evangelischen Allianz.

In der Bundesrepublik stellt Baden-Württemberg, vor allem der pietistisch geprägte Landesteil Württemberg, einen Hotspot dar. Stuttgart etwa ist nicht nur Heimstätte des charismatischen Gospel Forums, laut dem „Spiegel“ „Deutschlands erste Megachurch nach amerikanischem Vorbild“ mit aktuell über 3.000 Mitgliedern. Die baden-württembergische Landeshauptstadt war auch Geburtsort der homophoben „Demo für Alle“, einem rechtspopulistischen und zugleich christlich-fundamentalistischen Bündnis, das sich aus Protest gegen eine vermeintliche Frühsexualisierung durch den Bildungsplan 2015 der damals grün-roten Landesregierung gründete. Koordiniert wurden die Aktionen von der AfD-Bundestagsabgeordneten Beatrix von Storch und ihrer damaligen Mitarbeiterin Hedwig von Beverfoerde, zu jener Zeit noch CDU-Mitglied. In den Hochphasen waren bis zu 5.000 Personen auf Kundgebungen.

Von der Straße ins Netz

Die Beteiligung am Protest auf der Straße ebbte bei „Demo für Alle“ bis 2018 immer stärker ab, in den vergangenen Jahren gab es keine öffentlichen Kundgebungen mehr. Das Bündnis ist mit verlagertem Tätigkeitsschwerpunkt jedoch weiterhin aktiv. Der Fokus scheint nicht mehr auf physischen Zusammenkünften zu liegen, sondern auf der Content-Produktion für den Youtube-Kanal. Im vergangenen Jahr liefen dort zwei Videos besonders gut: Eines beansprucht, das Thema Gendern in weniger als drei Minuten zu erklären. Das andere geht über eine Stunde lang, heißt „Tatort Kita“ und rückt „linksgrüne“ Erziehungspolitik grundsätzlich in die Nähe von Pädophilie.

Hartmut Steeb war 2015 Redner bei der „Demo für Alle“, stand der neurechten Wochenzeitung „Junge Freiheit“ anschließend für ein Interview zur Verfügung – und wie viele andere, die damals im Südwesten gegen sexuelle Vielfalt protestieren, hat er sein Engagement fortgesetzt. So unterstützt Steeb – wie auch die Evangelische Allianz generell – den „Leben.Würde“-Kongress in Schwäbisch Gmünd. Nach Einschätzung des Fachjournalisten und Rechtsextremismus-Experten Lucius Teidelbaum handelt es sich dabei um das „vermutlich wichtigste Vernetzungstreffen“ rechtsklerikaler Abtreibungsgegner:innen in Deutschland.

Auf dem Kongress, der 2022 und 2025 im Christlichen Gästezentrum Schönblick stattfand, konnten gegen eine symbolische „Schutzgebühr“ von einem Euro Plastik-Embryonen erworben werden. An der Kongressleitung beteiligt und im vergangenen Mai mit einem Auftritt als Referent auf der Bühne war der Mediziner Paul Cullen, Ehrenvorsitzender der Ärzte für das Leben. In einem älteren Thesenpapier zur Zukunft der Lebensschutz-Bewegung werden antisemitische und verschwörungsgläubige Tendenzen offenkundig. Als „Gegner“ identifiziert er „das gesamte polit-mediale Establishment, fast die gesamte Unterhaltungsindustrie und die Dinosaurier-Medien“, zudem „mächtige Finanzinteressen wie die Soros-Stiftung“. Illustriert sind Cullens Überlegungen mit einem Bild des jüdischen Milliardärs George Soros, hier bezeichnet als „Spekulant und Strippenzieher“, verbunden mit dem Hinweis, dass die „Abtreibungs- und Euthanasie-Lobby“ von „mächtigen Finanzinteressen“ unterstützt werde.

Keine Pille, keine Abtreibung

Neben den Ärzten für das Leben und der Evangelischen Allianz unterstützten zahlreiche andere Organisationen den „Leben.Würde“-Kongress 2025 – darunter auch die Aktion Lebensrecht für Alle (ALfA) und die dort angesiedelte Schwangerschaftsberatungsstelle VitaL. Wer in Deutschland abtreiben will, braucht dafür zunächst eine sogenannte Beratungsbescheinigung von einer staatlich anerkannten Schwangerschaftskonfliktberatung. Dabei soll die Beratung ergebnisoffen verlaufen. VitaL stellt allerdings grundsätzlich keine Bescheinigungen aus, ist nicht staatlich anerkannt, beschäftigt Ehrenamtliche, die als Qualifikation „Sozialkompetenz“ und „Empathie“ mitbringen sollen, wobei das Ergebnis ihrer Beratungen von vornherein feststeht: Der Schwangerschaftsabbruch wird hier generell „nicht als eine mögliche Option“ gesehen, „weil ein solcher nicht die Probleme der Frau löse, sondern einen verletzten und einen toten Menschen zur Folge habe“.

Diese Einschätzung stammt von Florian Dienerowitz, Universität Heidelberg. In seiner 2021 vorgelegten Dissertation, die eine medizinethische Bilanz zu Gründen für den Schwangerschaftskonflikt ziehen will, erkennt er in dem Vorgehen von VitaL aber keine Schwäche, sondern einen Vorzug: Angesichts der „klaren, lebensbefürwortenden Ausrichtung des Vereins“ sei davon auszugehen, dass sich die Beraterinnen eher für die „wahren Gründe“ interessieren würden als staatliche Stellen. Die Gedächtnisprotokolle der Ehrenamtlichen macht Dienerowitz daher zur Grundlage seiner Untersuchung und attestiert ihnen für eine „valide Datenerhebung wünschenswerte Eignungskriterien“. Dienerowitz folgert schließlich, dass bei vielen Entscheidungen für eine Abtreibung keineswegs von selbstbestimmten Frauen geredet werden könne, sondern äußere Umstände geltend zu machen seien – etwa ein Partner, der Druck macht.

Dienerowitz‘ Doktorvater war Axel Bauer, der zwischen 2004 und 2025 das Fachgebiet Medizinethik an der Universitätsmedizin Mannheim geleitet hat. Bauer ist zudem Mitglied der Juristen-Vereinigung Lebensrecht sowie der Christdemokraten für das Leben – die beide Kooperationspartner des „Leben.Würde“-Kongresses sind. Er sitzt zudem im Herausgeberbeirat der „Zeitschrift für Lebensrecht“, in der er 2023 in einem gemeinsamen Beitrag mit seinem Zögling Dienerowitz vor dem „Dammbruch Schwangerschaftsabbruch“ warnte. Darin formulieren sie die These, eine Liberalisierung des Abtreibungsstrafrechts würde einer „Kultur des Todes“ den Weg bahnen. So habe der Journalist Andreas Lombard schon vor Jahren erkannt: „Die Euthanasie ist die biopolitische Antwort auf die Abtreibung – und ihr logisches Gegenstück.“

Lombard beziffert den „jährlichen Bevölkerungsverlust seit den 1970er-Jahren auf bis zu 700.000 Menschen pro Jahr – ca. 500.000 aufgrund der Pille und 100.000 bis 200.000 aufgrund von Abtreibungen“. Bauer und Dienerowitz behaupten, der Bevölkerungsschwund belaste die Rentenkassen und so werde der Staat seine Bemühungen fortlaufend intensivieren, den Alten sogar einen Suizid als „Selbstbestimmung“ schmackhaft zu machen.

Unter dem Titel „Die christliche Rechte in Deutschland“ hat Lucius Teidelbaum 2018 ein Buch über die Szene veröffentlicht. Dieses konfessionelle Milieu sei „innerhalb der großen Kirchen eine Minderheit“, betont er. Entsprechend gering sei der aktuelle Einfluss hierzulande. Dennoch warnt Teidelbaum davor, christlichen Fundamentalismus als Problemfeld zu vernachlässigen. So erinnert Teidelbaum an Anders Breivik, der sich selbst als „konservativen Christen“ und „Märtyrer für die Kirche“ bezeichnete. Kurz bevor Breivik am 22. Juli 2011 in Oslo und auf der Insel Utøya 77 Menschen ermordete, schrieb er über ein Gebet: „Ich machte Gott klar, dass er, wenn er keine marxistisch-islamische Allianz haben will und nicht will, dass der Islam ganz Europa übernimmt und im Laufe der nächsten hundert Jahre das europäische Christentum verschlingt, auch dafür sorgen muss, dass ein Krieger für das europäische Christentum Erfolg hat.“

Hetze gegen LGBTQ

Die Bereitschaft zur Gewaltanwendung lässt sich auch innerhalb der christlichen Rechten nicht verallgemeinern. Diese ist in sich heterogen. Gemeinsam ist ihnen laut Teidelbaum der „starke Bezug auf konservativ-traditionelle Werte“: etwa die heterosexuelle Familie, aber auch Autoritarismus und Hierarchien. Deutlich weniger bedeutend als im klassisch völkischen Nationalismus ist beispielsweise das deutsche Blut. Zudem sei die christliche Rechte laut Teidelbaum weniger flexibel als rechtspopulistische und -radikale Strömungen: „Frauen das Recht auf Schwangerschaftsabbruch zu verweigern, bleibt ein zentrales Ziel der christlichen Rechten, ganz unabhängig davon, wie stark oder gering der gesamtgesellschaftliche Rückhalt für diese Position ist.“ Passend dazu findet laut Umfragen nur etwa ein Prozent der Bevölkerung den Einsatz von Verhütungsmitteln verwerflich. Für wahre Fundamentalist:innen ist aber jeder Sex eine Form der Sodomie, wenn er nicht ausschließlich dem Zweck der Fortpflanzung dient. Und im Alten Testament heißt es nun mal: „Schläft einer mit einem Mann, wie man mit einer Frau schläft, dann haben sie eine Gräueltat begangen; beide haben den Tod verdient.“ (Levitikus 20,13)

Darauf beruft sich Anselm Urban von der „Baptistenkirche Zuverlässiges Wort Pforzheim“, die auch dem Verfassungsschutz aufgefallen ist. Urban wurde wegen Volksverhetzung zu einer Geldstrafe verurteilt, nachdem er Homosexuelle als „schmutzige Tiere“ bezeichnete, die Mord und Vergewaltigung toll fänden – was in Urbans Forderung mündete, der Staat solle alle „Schwuchteln“ hinrichten.

Besucht werden die Predigten der Baptistenkirche Zuverlässiges Wort nur von einer Handvoll Leuten, häufig ist die Personenzahl nicht einmal zweistellig. Doch Urbans Aussagen stehen stellvertretend für eine zunehmende Enthemmung, mit der inzwischen wieder gegen LGBTQ gehetzt wird – und das wird im Südwesten durchaus auch von einigen Evangelikalen mit befördert. Erfahrung damit hat auch der Balinger SPD-Stadtrat Dominik Ochs, der den örtlichen Christopher-Street-Day mit organisiert. Er erklärte dazu gegenüber Kontext, dass die Freikirchen für die Community im vergangenen Jahr ein noch größeres Problem gewesen seien als Rechtsextremist:innen.

Beim Kontext-Projekt „Recherche gegen Rechts“ erfolgen im Wochentakt Veröffentlichungen über rechtsextreme Strukturen. Zu einer Auswahl der Beiträge gibt die Redaktion eine Broschüre heraus, die ab sofort erhältlich ist. Das Heft mit 68 Seiten hat keinen Festpreis und ist bestellbar unter verwaltung@kontextwochenzeitung.de – wer kann und will, darf gerne 5 bis 10 Euro spenden. Am 1. März wird die Publikation mit beteiligten Autor:innen im Stuttgarter Café Merlin vorgestellt. Anmeldung unter info@merlinstuttgart.de.

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