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GesellschaftAlles andere als kleine Lichter

Kurz vor der landesweiten Lichteraktion der Omas gegen Rechts am kommenden Samstag hat Kontext vier Aktivistinnen in Hechingen getroffen. Und mit ihnen über die Steine gesprochen, die ihnen dort in den Weg gelegt werden.

Protest gegen den Parteitag der AfD in Hechingen im November, dabei waren auch die Omas. Foto: Jens Volle

Von Anne Brockmann

Bunte Wimpel bewegen sich sacht im Wind. Auf einer ganz in Gelb und Orange gehaltenen Kletterlandschaft tummeln sich Kinder und auch ein paar Jugendliche. Da und dort wachsen Bäume und Sträucher in eingefassten Beeten. So zeigt sich der Obertorplatz im Ortskern der Stadt Hechingen. Ein Zentrum „mit Verweilqualität und Treffpunktcharakter“ verspricht der Internetauftritt der Zollernalb.

Waltraud Feuchter aber spricht aus Erfahrung, wenn sie sagt: „Sobald es dunkel geworden ist, kriegt man hier niemanden mehr vor die Tür.“ Feuchter ist die Initiatorin der Hechinger Ortsgruppe von Omas gegen Rechts. Mit ihr sitzen drei weitere Omas am Tisch: Uri Boeckh-Detel, Ute Efferenn und Eva-Marie Waltner. Gemeinsam überlegen sie, wie sie den letzten Samstag des Monats verbringen können. Denn für den 28. Februar haben die Omas gegen Rechts in Baden-Württemberg eine landesweite Aktion geplant. Wenige Tage bevor die Menschen an die Wahlurnen treten, wollen sie ein Zeichen für Demokratie und Menschenwürde setzen. Unter dem Motto „Licht an für Demokratie“ sollen in möglichst vielen kleinen und großen Orten Lichterzüge durch die Straßen ziehen. Die größte Veranstaltung wird dabei in Stuttgart erwartet. „Oma gegen Rechts zu sein, ist etwas anderes auf der Schwäbischen Alb als in der Landeshauptstadt“, hält Feuchter fest.

Ein Blick in die jüngste Geschichte der Stadt lässt erahnen, was sie meint. Nur einen Steinwurf vom Obertorplatz entfernt liegt die Stadthalle von Hechingen. Dort hielt im vergangenen November die AfD ihren Landesparteitag ab – mancher Proteste zum Trotz. Einen davon organisierten die Omas gegen Rechts. Die Idee: sich an eine Veranstaltung des Stadtmarketingvereins angliedern, die für den Vorabend angesetzt war. Der Lichterglanz eine Woche vor dem ersten Advent ist ein Format, das an einem verkaufslangen Samstag mit Lichtilluminationen „zum Bummeln, Einkaufen, Staunen und Genießen“ einlädt. Neben Lichtobjekten, die sich von der Johannesbrücke, über die Staig bis hin zu Markt- und Kirchplatz verteilen, gibt es Essensstände, eine Nachtwächterführung und eine Feuershow. Inmitten all dessen hätten die Omas gegen Rechts gern einen Stand gehabt. Der blieb ihnen aber verwehrt.

Manche werfen ihnen Profilierungssucht vor

Feuchter berichtet, sie habe auf ihre Anfrage hin einen Anruf von jemanden aus dem Stadtmarketingverein erhalten: „Der wollte mir die Aktion ausreden. Lichterglanz und politischer Protest – das würde nicht zusammenpassen. Der Lichterglanz sei doch vor allem ein Event für Familien. Da müsse es beschaulich und gemütlich zugehen, sagte er.“ Die Omas aber blieben dran und planten neu. Dann eben kein Stand, dafür ein Laternenumzug. Der passt schließlich wunderbar zum Lichterglanz. Die Omas meldeten ihre Veranstaltung an und erhielten städtischerseits die Genehmigung – zähneknirschend. „Der Bürgermeister hat sich öffentlich von unserer Aktion distanziert. Die Strecke des Umzugs verlief recht weit vom übrigen Geschehen entfernt und vom Ordnungsamt bekamen wir die Auflage, nicht zu schreien, keine Parolen von uns zu geben und keine Leute anzusprechen“, erinnert sich Feuchter. Ein Verantwortlicher des Städtemarketingvereins legte außerdem mit einer E-Mail nach: „Darin schrieb er, wir sollten uns schämen“, erzählt Feuchter. Für ihre Mitstreiterinnen am Tisch ein Grund, sich einmal mehr zu echauffieren. „Schämen – immer dieses Schämen! Manche meinen, Alte müssten sich für alles schämen und Frauen sowieso“, ärgert sich Uri Boeckh-Detel.

Fast neidisch würden sie angesichts solcher Erfahrungen in andere Städte gucken. Nach Rottenburg zum Beispiel: „Da wird die Regionalgruppe der Omas gegen Rechts angefragt und eingeladen, wenn Menschen in der Stadt zusammenkommen. Wir müssen immer selbst die Initiative ergreifen“, bedauert Ute Efferenn. Bei ihnen würden im Lokalteil der Tageszeitungen hingegen Leser:innenbriefe erscheinen, die den Omas „Profilierungssucht“ vorwerfen oder sie verdächtigen, lediglich ihr Gewissen beruhigen zu wollen. Eva-Maria Waltner versucht gar nicht erst, solchen Anschuldigungen beizukommen, ordnet sie aber ein: „Hinter solchen Äußerungen stehen oft Zugehörige zu einer Generation, die Heimatlosigkeit erlebt hat, sich jetzt umso sehnlicher eine Heimat schaffen möchte, diese Heimat aber bedroht sieht.“ Die Hechinger Omas sind sich einig: Dialog ist und bleibt wichtig, gerade mit Andersgestrickten. Anders geht es in einer Demokratie nicht. Im Gespräch komme es stets darauf an, zu vermitteln, wofür und nicht wogegen sie sind. „Kurz gesagt sind das die ersten zehn Artikel der Menschenrechte“, fasst Feuchter zusammen. Nicht alle, die sie ansprechen, seien aber ernsthaft an einem Austausch interessiert. „Auch das erleben wir, wenn wir mit einem Stand in der Öffentlichkeit stehen: Dass Menschen uns beschäftigen wollen, damit wir die anderen gar nicht erst erreichen“, berichtet Uri Boeckh-Detel.

Junge Menschen, Studierende etwa aus der grünen oder linken Bubble, gibt es auf der Alb nur wenige. Die ziehen von dort in die Städte und feiern auf gemeinsamen Kundgebungen die Omas gegen Rechts in Freiburg, Stuttgart und Tübingen. Sie tragen ihre Buttons und auch die pinken Pussyhats, die selbstgestrickten Mützen, mit denen Frauen in den USA seit fast zehn Jahren gegen Donald Trump mobil machen. Rings um die Aktivistinnen auf der Schwäbischen Alb bekommt die AfD dagegen mehr und mehr Stimmen. So war es zumindest bei der letzten Europawahl. Die Tagesschau titelte im Anschluss: „Im baden-württembergischen Burladingen hat die AfD bei der Europawahl deutlich mehr Stimmen bekommen als im Bundesschnitt. Nochmal mehr, nämlich fast 40 Prozent, gab es im Teilort Hausen.“ Burladingen liegt 15 Kilometer von Hechingen entfernt.

Für die vier Frauen waren diese Zahlen der Anlass, sich in ihrem Wohnort zu organisieren. Feuchter erinnert sich daran, ihre alten Eltern oft gefragt zu haben, „wie das damals war, im Nationalsozialismus“. „Ich wollte von ihnen wissen, was sie getan haben, um die Nazis zu verhindern“, sagt sie und berichtet zugleich von „Abwehr“ und von „Schweigen“. Sie solle das alte Zeug doch lassen, hätten ihre Eltern gesagt. Sie aber will nicht eines Tages gefragt werden, was sie denn unternommen hat gegen antidemokratische Bewegungen, und dann keine Antwort haben. Weil sie und Uri Boeckh-Detel sich schon lange aus einer Frauengruppe kennen, war auch die schnell mit dabei. Ute Efferenn ist über die „Montage der Menschlichkeit“ zu den Omas gestoßen. Diese sind Gegenbewegungen zu wöchentlichen Demonstrationen der AfD, die seit der Corona-Pandemie auf dem Obertorplatz in Hechingen stattfinden.

Ute Efferenn, Uri Boeckh-Detel und Waltraud Feuchter (v. L.). Foto: Julian Rettig

Efferenns Sohn hat einen Zivildienst in Jerusalem geleistet und forscht ausgiebig zur Vergangenheit seines Großvaters. Seit acht Monaten ist er selbst Vater und Efferenn damit „Oma mehr denn je“. Für Eva-Marie Waltner sind Flucht und damit der Einsatz für Geflüchtete ein Lebensthema, weil es Generationen ihrer Familie betrifft. Ihre Großmutter sei dagegen eine Berliner Nationalsozialistin der ersten Stunde gewesen und „überzeugt bis zuletzt“, gibt sie schmerzlich preis.

Am 28. Februar wird es die vier couragierten Damen vermutlich nach Reutlingen ziehen. Denn für diesen Tag hat sich dort Björn Höcke angekündigt. Feuchter und Co. wollen sich dem Lichterzug vor Ort anschließen. Wenige Tage später werden sie aber bei sich daheim ihren ersten Geburtstag feiern. Denn der 8. März ist nicht nur der Internationale Frauentag, sondern auch das Jubiläum der Omas gegen Rechts in Hechingen.

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