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Gesellschaft„Unter glitzerndenSternen“

In der Schreibwerkstatt der Lebenshilfe Tübingen schreiben Menschen mit und ohne Behinderung Gedichte und Texte, um auszudrücken, was sie im Innersten beschäftigt. Beim inklusiven Literaturfestival haben sie Märchen geschrieben – über eine Maus, die keine Angst hat, einen Prinz, der eher eine Prinzessin ist, und einen Raben, der zufällig bei Frau Holle wohnt.

Mit Feuereifer bringt Friederike ein Märchen zu Papier. Foto: Joachim E. Röttgers

Von Thomas Mikschi

Die Teilnehmer:innen der inklusiven Schreibwerkstatt sitzen um einen Tisch im Blauen Haus, dem Stadtteiltreff der Tübinger Weststadt. „Früher war hier ein griechisches Restaurant“, sagt Cathrin Zeller-Limbach, die ehrenamtlich für die Lebenshilfe Tübingen arbeitet. Daher sei das Haus auch blau gestrichen. Jetzt reichen sich die Teilnehmenden statt Pitabrot und Tzaziki Butter und Marmelade, mit der sie Hefezopfscheiben bestreichen.

An diesem Tag stehen Märchen auf dem Programm. Um in das Thema hineinzukommen und zur Inspiration, haben Zeller-Limbach und ihre Kollegin Rita Fink eine Art Wimmelbild voller Märchenfiguren mitgebracht. Die Teilnehmerin Clara Buchgeister spricht über Dornröschen. „Ein Mädchen, das ein bisschen länger schläft“, sagt sie und alle lachen, weil das schon untertrieben ist für einen hundertjährigen Schlaf. Buchgeister lacht mit. Cristine Hansper hat die Kuscheltier-Maus Luna neben Zettel und Stift auf den Tisch gesetzt: „Eine kleine Maus, die vor nichts Angst hat“, so stellt Hansper, die gerne auch mal ein eigenes Buch schreiben will, sie vor.

Die Schreibwerkstatt ist ein Kooperationsprojekt, an dem neben der Lebenshilfe unter anderem auch die Initiative „Tübingen aktiv gegen Diskriminierung“ beteiligt ist. Sie ist offen für alle – ob mit oder ohne Behinderungen und Einschränkungen. Am vergangenen Samstag ist sie Teil des inklusiven Literaturfestivals Tübingen, das bis 31. Oktober ein großes Programm mit rund 35 Workshops, Lesungen, Performances und Podiumsdiskussionen angeboten hat.

Während der Schreibphase konzentrieren sich die Teilnehmer:innen auf ihre Texte. Christine Hansper hat das Märchen „Frau Holle mal anders“ zu Papier gebracht und liest vor: Die Maus Luna und ihr Freund, der blaue Bär, wünschen sich, dass Schnee fällt. Gespannt hören die anderen zu. Als Luna vorschlägt, einen Schneetanz aufzuführen, meint der Bär: „Das sollte man versuchen.“ Obwohl der Plan – wider aller Erwarten – nicht aufgeht, lernen die beiden schließlich einen Raben kennen, der bei Frau Holle wohnt. Und so kommen sie doch noch an ihren Schnee.

Mut, einfach loszuschreiben

Buchgeister verarbeitet ihre Erlebnisse rund um das Festival in ihrem Märchen. Bei einer Ausstellung trifft ein „junges Mädchen-Frau“ auf das „Haupttier“ – ein Insider-Gag: Diesen Namen hatte die Gruppe bei der Festivaleröffnung einem kleinen Hund gegeben, den ein Gast mitgebracht hatte. Nachdem das Tier Leckerlis bekommt, verwandelt es sich in einen Königssohn – die beiden heiraten. Träumerisch geht es in Friederike Limbachs Märchen zu: Ein Pferd verläuft sich im Wald und wird durch die kleine Katze Miu „unter glitzernden Sternen“ wieder hinausgeführt.

„Die von der Lebenshilfe betreuten Teilnehmer:innen haben oft mehr Mut, loszuschreiben, als andere Werkstattsteilnehmer:innen“, sagt Zeller-Limbach. Ein Unterschied sei auch, dass sie gerne vorlesen, während andere da eher gehemmt seien, fügt Fink hinzu. Raum für diese Art von Austausch gebe es für die Teilnehmer:innen eigentlich nur in der Schreibwerkstatt.

Angefangen habe die Schreibwerkstatt um das Jahr 2018 herum, sagt Fink. Teilnehmer:innen der Kunstgruppe der Lebenshilfe Tübingen haben sich damals bei einem Schreibwettbewerb für Menschen mit Behinderung in Bielefeld beworben – und Preise bekommen. Bei der diesjährigen Preisverleihung des Literaturwettbewerbs haben Schauspieler:innen unter anderem auch Benjamin Kölbels prämierten Text „Veränderungswünsche“ auf der Bühne vorgelesen: „Ich mag gerne dünn sein / schön aus sehn will / wenig essen will / mehr Sport machen will / viel gemüsse und viel trinken will / viel zu tanzen kochen will backen will / lieber netter glücklich bin / das ich mein zimmer schön gemacht habe / das ich gut laufen kann spielen kann / mehr um mich kümmern will“, heißt es am Anfang des Texts.

Texte über NS-Opfer

Die Schreibgruppe scheut sich auch nicht, sich mit den grausamen Verbrechen der Nationalsozialisten zu beschäftigen und diese schreibend zu verarbeiten. Vor ein paar Wochen lasen Teilnehmer:innen ihre Texte bei der Stolpersteinverlegung in Tübingen über Opfer der Aktion T4 vor, bei der Nationalsozialisten Menschen mit Behinderung oder einer psychischen Krankheit vernichteten. „In Tübingen hatte sie sich sicher gefühlt. Sie strickte und nähte sehr gerne“, heißt es in einem Text über Helene Brodbeck. Brodbeck kam, weil sie von Verfolgungen seitens der Heeresverwaltung, in der sie arbeitete, sprach, in die Klinik für Gemüts- und Nervenkrankheiten in Tübingen und wurde schließlich im KZ Grafeneck ermordet.

„Das macht mich traurig, wütend, ist nicht gut“, schrieben zwei Teilnehmerinnen über das Leben von Friederike Pauline Hartmayer. Weil sie sich darüber aufregte, wegen Lausbefalls gekündigt und einer schlimmen Reinigungsprozedur unterworfen zu werden, wurde Hartmayer als tobsüchtig diagnostiziert. Sie wurde von der Nervenklinik Tübingen in die Staatliche Heilanstalt Zwiefalten und schließlich ins KZ Grafeneck deportiert, wo sie ermordet wurde.

Kostprobe aus dem literarischen Kalender 2025.

In der Schreibwerkstatt in Tübingen liest Fabian Schuster gerade sein Märchen vor. Ein König wundert sich, dass seine Frau ein Töchterchen will – und kein Söhnchen. Nachdem eine Fee nachgeholfen hat, bekommt das Paar nichtsdestotrotz einen Prinzen und eine Prinzessin. Doch der Prinz kommt ganz nach der Mutter, die Prinzessin nach dem Vater. Und das Schloss? Das gebe es wirklich: Neuschwanstein.

Die inklusive Schreibwerkstatt findet dieses Jahr noch am 9. und 30. November von 15.30 Uhr bis 18 Uhr im Blauen Haus in der Herren

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