Gesellschaft: Nachts in der Krankenhausapotheke
Die Dramaturgie einer Streaming-Serie auf der Bühne? Das Zimmertheater Tübingen hat es gewagt. „Im Taumel des Zorns“ ist ein fabelhaftes Theaterexperiment, das sich über die gesamte Spielzeit erstreckt und im Juni zu seinem Ende kommt.
Von Thomas Morawitzky
Anfang Oktober brachen sie in die Apotheke ein, nun sitzen sie noch immer dort fest. Natürlich: Im Theater sind es Stunden, Tage, im wahren Leben viele Monate. Ove Kalshoven (Morris Weckherlin) ist Bufdi der Apotheke und zittert deshalb doppelt unter seiner Maske. Seine Cousine Holle Toepfer (Eva Lucia Grieser) hat ihn zum Einbruch überredet – sie ist an Krebs erkrankt, sie ist verbittert, sie handelt mit Drogen. Enno Standke (Cyril Hilfiker), Oves Freund, ist Journalist, macht mit, weil er einen Medizinskandal wittert. Zu dumm, dass das räuberische Trio in der Apotheke von der ehemaligen Apothekenleiterin Cecilia Zymny (Lauretta van de Merwe) und ihrer Assistentin Merit Tiefenbrunn (Seraina Löschau) ertappt wird. Nur: Was machen diese beiden mitten in der Nacht dort in der Apotheke?
Die Einbrecher:innen nehmen die Apothekenmitarbeiterinnen als Geiseln, fordern Öffentlichkeit, ein Gespräch mit dem Fernsehen. Fünf Personen sind an einem Ort versammelt; bald sind die Masken ab, bald beginnt ein Psychospiel, bei dem sich immer neue Konstellationen ergeben. Von Folge zu Folge tritt eine andere Figur des Spiels in den Vordergrund, wird ein anderer Charakter durchleuchtet, gibt es neue überraschende Wendungen. Twists, Cliffhanger – alles ist mit dabei, was eine gute Streaming-Serie ausmacht. Nur: Dies ist Theater.
Die Idee kam in der Corona-Zeit
„Im Taumel des Zorns“, ein Projekt, das sich über die gesamte aktuelle Spielzeit des Tübinger Zimmertheaters erstreckt, ist außergewöhnlich in verschiedener Hinsicht. Es ist ein Stück in sieben Teilen, die in ihrer Handlung aufeinander aufbauen, aber auch als Einzelepisoden gesehen werden können. Ästhetik und Dramaturgie einer Streaming-Serie werden hier konsequent auf die Bühne gebracht – bis hin zum Soundtrack der Musiker Konstantin Dupelius und Justus Wilcken –, aber auch immer wieder gebrochen: Die Serie ist zugleich ein Experiment in Erzählformen. Mit jeder neuen Folge treten neue Autor:innen, neue Regisseur:innen auf. Die Pilotfolge der Reihe schrieb Peer Mia Ripberger, Intendant am Zimmertheater, selbst; als Autor:innen weiterer Folgen wurden Caspar-Maria Russo, Leonie Lorena Wyss, Anaïs Clerc und Hannah Zufall gewonnen. Die künstlerischen Handschriften ändern sich beständig, der formale Anspruch ist hoch, die Spannung auch.
Tarantino-Momente und Topfpflanzen-Chor
Die Idee zum Projekt kommt aus der Corona-Zeit. „Damals hatten wir jahrelang darum gekämpft, wieder aufmachen zu dürfen, und hatten viele Spielpläne über den Haufen geworfen“, sagt Peer Mia Ripberger. „Ich dachte, ich packe das einfach nicht mehr, schon wieder eine Spielzeit zu planen in dem Wissen, dass sie eventuell nicht stattfindet.“ Die Energie, eine Vielzahl an Ideen auszuarbeiten, fehlte ihm. „Dann dachte ich mir: Vielleicht ist jetzt der Zeitpunkt, über eine Serie ernsthaft nachzudenken. Dafür brauche ich nur eine große Idee.“
Aber wovon, diese Frage stellten sich Ripberger und sein Team bald, lohnt es sich, über sieben Folgen, eine ganze Spielzeit, zu erzählen? Das Thema der Serie fand das Zimmertheater im wirklichen Leben: „Wir haben eine biografische Erfahrung in den Mittelpunkt gestellt, die ein Mitglied unseres Teams gemacht hat“, erzählt Peer Mia Ripberger. „Wir haben sie in ein fiktionales Setting übertragen und weitergedacht. Das ist es, was diese Geschichte für mich eigentlich interessant macht – dass sie einen realen Kern hat, der aber nicht auf die Bühne kommt. Etwas ist geschehen – und wir haben uns gefragt: Was wäre, wenn Personen, die beteiligt waren, andere Entscheidungen getroffen hätten? Wenn Ove, Enno und Holle beschlossen hätten, das Unrecht, das ihnen geschehen ist, nicht hinzunehmen, sondern sich zu rächen, einzubrechen und sich zu bereichern, diesem ganz archaischen Impuls nachgegeben hätten – und dann alles schiefgegangen wäre?“
Das Gedankenspiel genügt, um eine Figurenkonstellation in Bewegung zu bringen. „Im Taumel des Zorns“ funktioniert als ein Kaleidoskop aus Drama, Stilzitat, formalem Experiment; Terror und Komik, Satire, Charakterstudie, Pop und Politik wirbeln durcheinander. Auf einen Blick ins Seelenleben der todkranken Holle oder der Karrieristin Cecilia folgen Slapstick, Tarantino-Momente, irreale Jagdszenen, ein Chor der Topfpflanzen. „Im Taumel des Zorns“ wurde zu einem Erfolg, der dem Zimmertheater ganz sicher auch neue Zuschauerschichten erschloss.
„In Tübingen“, sagt Peer Mia Ripberger, „gab es so etwas davor nicht. Es gibt hier zwar eine freie Szene, aber keinen festen Ort für sie. Die Seherfahrung, die das Publikum in Hamburg oder Berlin mit postdramatischen Performancekonzepten hat, hat das Publikum hier nicht. Die wenigsten schätzen das – es heißt dann schnell: Die können ja überhaupt kein Theater. Dabei wird übersehen, dass dahinter natürlich auch eine Ausbildungstradition steckt, eine lange Theatergeschichte.“
„In Tübingen“, sagt Peer Mia Ripberger, „gab es so etwas davor nicht. Es gibt hier zwar eine freie Szene, aber keinen festen Ort für sie. Die Seherfahrung, die das Publikum in Hamburg oder Berlin mit postdramatischen Performancekonzepten hat, hat das Publikum hier nicht. Die wenigsten schätzen das – es heißt dann schnell: Die können ja überhaupt kein Theater. Dabei wird übersehen, dass dahinter natürlich auch eine Ausbildungstradition steckt, eine lange Theatergeschichte.“
„Die Intendanten haben mir den Vogel gezeigt“
Dabei verstand Peer Mia Ripberger seine Inszenierungen schon zu diesem Zeitpunkt immer auch als narrativ: „Bei uns waren immer Figuren auf der Bühne“, sagt er, „aber das wurde nicht erkannt.“ Während seines Studiums in Hildesheim andererseits fühlte Ripberger sich mit seinen Versuchen, Erzähltheater zu inszenieren, oft als Außenseiter. „Da hieß es: Weshalb machst du nicht Theater wie alle anderen auch? Als Freiberufler habe ich dann gemerkt, dass ich keine Regieaufträge bekomme, wenn ich Geschichten erzählen möchte, weil ich von einer progressiven Theaterschule komme.“
Schon während seines Studiums begann Ripberger sich für die Streaming-Serien zu interessieren, die in der Zeit nach 2000 einen Qualitätsboom erlebten. „Ich bin mit sehr wenig Fernsehen aufgewachsen“, sagt er. „Erst im Studium bemerkte ich, dass ich da eine große Bildungslücke hatte.“ Er schloss die Lücke, entwickelte sich zum Serien-Kenner. „Zu dieser Zeit begann ich mich zu fragen, ob so etwas auch auf dem Theater möglich wäre. Aber wenn ich den Intendanten nur eine Trilogie vorgeschlagen habe, haben die mir den Vogel gezeigt.“
In Tübingen ist Peer Mia Ripberger nun selbst Intendant. Im Frühjahr 2022 beschloss er, dort eine Serie auf die Bühne zu bringen, von Herbst des Jahres an arbeitete das Theater an der Umsetzung dieser Idee, im Frühjahr 2023 arbeitete das Ensemble bereits an den Figuren, stand die Struktur, standen die Autor:innen fest. „Manche sagten zwar, das schaffe ich zeitlich nicht, aber alle hatten Lust auf das Projekt. Wobei wir natürlich auch nur bei Leuten angefragt haben, bei denen wir vermutet haben, dass sie mitmachen würden.“
Binge-Watching an zwei Sonntagen
Die Theaterserie stellte das Team des Zimmertheaters vor neue Aufgaben, brachte neue Erfahrungen. „Wir haben ein Riesenteam an Autor:innen und Regisseur:innen“, sagt Ripberger. „Wir mussten die Kommunikationswege im Haus umbauen, wir haben ein neues Kollaborationstool eingeführt, brauchten ein Wissensmanagement.“ Für ein Schauspielensemble, das während der gesamten Spielzeit sämtliche Folgen der Reihe immer wieder aufführte, ergaben sich besondere Schwierigkeiten – die sie sämtlich meisterten. Von Folge zu Folge wuchs der innere Kosmos der Serie, steigerten sich die Darsteller:innen nur noch.
Am Samstag, 8. Juni wird die letzte Folge der Serie Premiere feiern, die lange Geschichte sich schließlich auflösen. Am 30. Juni und 7. Juli – beides Sonntage – lädt das Theater ein zum „Binge-Watching“, spielt sämtliche Episoden in Folge durch – ein Wunsch des Ensembles, dem Peer Mia Ripberger schließlich nachgab: Einmal werden die Schauspieler ganz in die von ihnen geschaffene Welt eintauchen. In der neuen Spielzeit dann wird es keine weitere Theaterserie geben – das Theater kehrt zurück zum Normalbetrieb, aber postdramatische Inszenierungen werden sich auf seinem Spielplan nun mit erzählten Bühnengeschichten vermischen. Der „Taumel des Zorns“ hat das Tübinger Zimmertheater und sein Publikum verändert.
Termine und Tickets auf der Website des Tübinger Zimmertheaters.
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