Geringer Anteil an Stromversorgung: Die Mär von der AKW-Renaissance

Die ganze Welt baut Kernkraftwerke? Von wegen. Atom-Renaissance ist ein ideologischer Kampfbegriff. Der Atom-Anteil an der Stromversorgung geht zurück.

Das leistungsstärkste Atomkraftwerk in Deutschland: Gundremmingen. Bild: dpa

Am 9. Oktober titelte die US-Zeitung New York Times: »Der Präsident stellt Pläne für eine Renaissance der Atomenergie vor«. Die US-Regierung, heißt es dort, habe konkrete Schritte angekündigt, um die kommerzielle Atomkraft wiederzubeleben. Das war 1981. Der Präsident hieß Ronald Reagan. Seitdem taucht der Begriff einer angeblichen Renaissance der Atomenergie immer wieder auf.

Die Realität sieht anders aus. Seit 1973 ist in den USA kein AKW mehr bestellt worden, dessen Bau nicht hinterher wieder aufgegeben worden wäre. Die Atomlobby versucht dennoch unverdrossen, die Auferstehung der Atomkraft herbeizureden. Dabei ist die Zahl der Reaktoren weltweit seit 1989 lediglich von 423 auf 435 gestiegen. In 2008 ging weltweit zum ersten Mal seit 1956 kein einziges neues Atomkraftwerk ans Netz. Zudem werden neun Meiler weniger betrieben als noch 2002, als der historische Höchststand von 444 AKWs erreicht wurde.

Weltweit haben die AKWs eine Gesamtleistung von 370 000 Megawatt und ein durchschnittliches Betriebsalter von 25 Jahren. Ihr Anteil an der Stromversorgung ist auf 14 Prozent zurückgegangen. Die Reaktoren werden in 31 der 192 UNO-Mitgliedsländer betrieben. Zwei Drittel der weltweiten Atomstromproduktion geschieht in nur sechs Ländern, in den Atomwaffenstaaten USA, Frankreich und Russland sowie in Japan, Südkorea und Deutschland.

Nach offiziellen Zahlen sind 50 AKW-Blöcke »im Bau« (Stand August 2009), dreizehn davon allerdings schon seit über zwanzig Jahren. Spitzenreiter in Sachen Bauverzögerung ist Watts Bar-2 in den USA. Im Oktober 2007 kündigte die Eigentümergesellschaft TVA an, den Reaktor bis 2012 – vierzig Jahre nach Baubeginn – für 2,5 Milliarden Dollar fertig zu bauen.

Auch die bisherige Stilllegung von weltweit 127 AKWs – nach einer durchschnittlichen Betriebszeit von 22 Jahren – spricht nicht für die Renaissance der Atomkraft. Der Welt-Statusreport Atomindustrie von 2009 zeigt, dass bei einer angenommenen Betriebszeit von vierzig Jahren bis zum Jahr 2015 insgesamt 95 Reaktoren und bis zum Jahr 2025 weitere 192 AKWs vom Netz gehen werden. Wenn alle derzeit im Bau befindlichen Anlagen den Betrieb aufnehmen, dann müssten bis 2015 noch 45 und bis 2025 insgesamt zusätzlich etwa 240 Reaktorblöcke mit einer Gesamtkapazität von über 200 000 Megawatt geplant, gebaut und in Betrieb genommen werden. Da die »Leadtime« – die Zeit zwischen Bauplanung und kommerzieller Inbetriebnahme – für ein AKW mehr als zehn Jahre beträgt, kann die heute vorhandene Kraftwerksleistung kaum aufrechterhalten werden.

In Westeuropa sind zwei AKWs im Bau, eines in Finnland und eines in Frankreich. Baubeginn des ersten Europäischen Druckwasserreaktors (EPR) mit einer Leistung von 1 600 Megawatt war 2005 im finnischen Olkiluoto. Seitdem überschatten Kostenexplosionen und Zeitverzögerungen das Projekt. Mit der Inbetriebnahme ist frühestens 2012 zu rechnen. In Frankreich wird ein EPR in Flamanville gebaut. Baubeginn war 2007. Dieser Block sollte in 54 Monaten fertig sein. Aber auch hier ist eine Reihe von Problemen aufgetaucht. Die Kosten sind bereits um 20 Prozent gestiegen.

Die drei großen Schwellenländer China, Indien und Brasilien haben ihre Atomenergieprogramme bereits vor Jahrzehnten beschlossen, aber nur ansatzweise realisiert, sodass der Anteil der Kernkraft an der Stromerzeugung und Energieversorgung minimal ist. Das größte Ausbauprogramm hat China, das derzeit elf AKWs betreibt, die 2,2 Prozent der Stromerzeugung ausmachen. Vierzehn weitere Meiler sind im Bau. In Indien sind siebzehn kleinere Reaktoren in Betrieb, die 2 Prozent des Strombedarfs decken, weitere sechs sind im Bau. Brasilien hat zwei aktive Reaktoren, die 3,1 Prozent des Stroms erzeugen.

Ein weltweiter Bauboom ist derzeit schon aufgrund mangelnder Fertigungskapazitäten und schwindender Fachkräfte ausgeschlossen. Nur ein einziges Unternehmen der Welt, die Japan Steel Works, ist in der Lage, die Großkomponenten für Reaktordruckbehälter von der Größe des EPR zu schmieden. Auch die Dampferzeuger der EPR-Bauprojekte kommen aus Japan. An dieser Situation wird sich kurz- und mittelfristig nicht viel ändern.

Neue Atomanlagen müssten außerdem von neuem Personal betrieben werden. Industrie und Betreiber schaffen es kaum, auch nur die Altersabgänge zu ersetzen. Es fehlt eine ganze Generation von Ingenieuren, Atomphysikern und Strahlenschutzexperten. Parallel müssen stillgelegte Anlagen abgerissen und endlich Lösungen für den Atommüll geschaffen werden.

Die Forderung, die Laufzeiten der AKW zu verlängern, wird immer wieder vorgetragen. RWE hat angeboten, bei Laufzeitverlängerungen mehr in erneuerbare Energien zu investieren. Damit würde aber die Vorherrschaft der großen Kraftwerksblöcke verlängert und der Ausbau von dezentralen, umweltverträglicheren kleinen Kraftwerkseinheiten, die sich wesentlich besser mit erneuerbaren Energien kombinieren lassen, behindert.

Das Gerede von der drohenden »Energielücke« wirkt vor diesem Hintergrund fast wie eine Kampagne für verlängerte Laufzeiten von Atomkraftwerken und kostenlose CO2-Zertifikate für Kohlekraftwerke. Aber nur ein schneller Ausstieg aus der Atomenergie kann den Innovationsdruck auf die Energiewirtschaft aufrechterhalten. Angesichts dieser Fakten von einer »weltweiten Wiedergeburt« zu sprechen ist irreführend, zumal die langen Bauzeiten enorme Kosten verursachen, die kaum eine Bank finanziert. Es sei denn, der Staat steht für das Investitionsrisiko gerade.

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