Geplante Memoiren von Ex-SPD-Chef Beck

Einer von 530.000

Eine Autobiografie wird von Politikern meist als Empfehlung für höhere Ämter eingesetzt. Die von Kurt Beck ist fertig - ein Problem nach seinem Blitzabgang als SPD-Chef.

Nicht "die Absicht, einen Abschiedsbrief zu schreiben": Kurt Beck Bild: dpa

Der Titel sollte den Parteichef der SPD bodenständig, unprätentiös und in seiner Organisation verwurzelt erscheinen lassen: "Ein Sozialdemokrat". Doch nach seinem turbulenten Rückzug von der Parteispitze am Sonntag hat dieser Titel der angekündigten Autobiografie von Kurt Beck eine neue Bedeutung erhalten. Viel mehr als einer von rund 530.000 Sozialdemokraten ist Beck nun tatsächlich nicht mehr - auch wenn die SPD am Montag versicherte, er behalte seine Ämter in Rheinland-Pfalz.

Doch nicht nur der Name des Buchs steht nun in Frage. Auch die fertig gestellten 260 Seiten, der Veröffentlichungstermin und damit auch die geplante Präsentation der Memoiren am 26. September in Berlin mit Altkanzler Gerhard Schröder stehen plötzlich zur Disposition. "Die Situation ist nun natürlich eine andere", sagt eine hörbar von den Ereignissen überrollte Mitarbeiterin der mit der Vermarktung des Buchs beauftragten Agentur Carlsbergschillercommunication am Montagmorgen. Der zuständige Pendo Verlag beratschlage mit der SPD, wie es mit dem Buchprojekt weitergehe. Auch wenn das Werk bei Amazon bereits vormerkbar ist - was und wann man es erhält, ist offen. Und der Autor selbst hat in jenen Stunden, in denen weiter über seinen Rückzug als Ministerpräsident spekuliert wird, offenbar andere Sorgen. "Auch für uns ist es zurzeit schwierig, Herrn Beck wegen dieser Fragen zu erreichen", sagt die Agentur-Mitarbeiterin etwas hilflos.

Für ein baldiges Erscheinen des Buchs sprechen zumindest wirtschaftliche Gründe. "Wenn es zum jetzigen Zeitpunkt herauskommt, ist das ein Coup", sagt die Berliner Literaturagentin Frauke Jung-Lindemann. Die Autobiografie werde sich durch den unerwarteten Rücktritt Becks und die Medienpräsenz des Themas "viel besser verkaufen, als es sonst der Fall gewesen wäre", prognostiziert sie. "Wenn ich die Entscheidung zu treffen hätte, würde ich das Buch sogar vorziehen und ohne das letzte Kapitel veröffentlichen."

Geplant war alles anders. Die Berliner Journalistin Martina Fietz, früher Redakteurin der Welt, heute beim Magazin Cicero, wollte 2007 ein Interviewbuch mit Beck-Gesprächen veröffentlichen. Der Verlag bevorzugte jedoch eine Autobiografie. Insgesamt zehn Stunden sprach sie mit dem Mann, der die SPD zumindest noch offiziell führte. Ein kurzes Interview mit Beck soll sich neben Fotos und seiner Lebensgeschichte nun trotzdem in dem Manuskript finden. Ein "bewegendes Buch aus dem Leben eines sympathischen Menschen" versprach der Verlag noch vor Kurzem und fügte fast mitleidig hinzu, dass dieser "derzeit in der deutschen Politik die wohl schwerste Last zu schultern hat". Die Last ist er los. Zumindest das Foto auf dem Cover ließe sich weiterhin verwenden. Denn darauf strahlt Beck wirklich erleichtert.

Dass der 59-Jährige als Parteichef und Ministerpräsident Memoiren plante, hatte in seiner Partei ohnehin für Erstaunen gesorgt. Natürlich hat er als ausgebildeter Elektromechaniker und Sohn eines Maurers von einem märchenhaften sozialen Aufstieg zu erzählen. Und mit Klaus Wowereit (SPD) hatte erst vor Kurzem ein Genosse und weiterer Landeschef seine Autobiografie vorgelegt. Dass Becks Buch aber ausgerechnet ein Jahr vor der Bundestagswahl erscheinen sollte, deutet dann doch recht unverhohlen darauf hin, dass seine Ambitionen auf die Kanzlerkandidatur noch lange währten. Doch dann kam alles anders. Vor zwei Wochen fragte ihn der Fernsehsender N24, ob es sich bei dem Buch um sein politisches Testament handele. Er habe nicht "die Absicht, einen Abschiedsbrief zu schreiben", antwortete Beck - und irrte.

Spätestens in ein paar Monaten wird die Frage, wo eigentlich ein Buch über das Leben des Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier bleibt, dringlicher als Becks Memoiren. Bis dahin vertröstet ausgerechnet Becks Vorgänger, Nachfolger und Rivale: Im Oktober erscheint das Buch "Macht Politik" von Franz Müntefering.

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben