Geheimdienste

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Wie arbeitet ein Spion in Berlin? Das Gerichtsverfahren gegen einen syrischen Agenten gibt Einblick in eine Welt, die sonst verborgen bleibt.

Aus diesem Gebäude mit der Botschaft Syriens heraus operierte Khalifa Bild: TheFlyingDutchman/CC BY SA 3.0

Um 8.41 Uhr kommt Hassan Khalifa* aus der Haustür. Er wohnt in der Zwinglistraße in Moabit, in einem achtstöckigen Plattenbau aus den siebziger Jahren, auf den Balkonen viele Satellitenschüsseln. Es ist eine Gegend, in der sich die Nachbarn nicht groß dafür interessieren, was jemand arbeitet. Ganz anders als der deutsche Verfassungsschutz, der Khalifa observiert. Die Beamten verdächtigen ihn, ein syrischer Geheimdienstspion zu sein. Sie wollen wissen, wohin er fährt, wen er trifft.

Es ist Mittwoch, der 26. Oktober 2011. Die Verfassungsschützer notieren in ihrem Bericht: „K. kommt aus Richtung seines Wohnhauses und steigt in den silberfarbenen Mercedes.“ C-Klasse. Der Wagen ist 17 Jahre alt, wie eine Anfrage des Bundeskriminalamts beim Kraftfahrtbundesamt ergibt.

Khalifa ist an diesem Morgen auf dem Weg zur syrischen Botschaft, aber er fährt nicht mit seinem Auto bis vor die Tür. Stattdessen wechselt er unterwegs das Fahrzeug. Er parkt das Auto an der Siegessäule, mitten im Tiergarten und nimmt dann den Bus. Er fährt mit der Linie 106 eine Station bis zur Haltestelle Nordische Botschaften. „Hier hat er Kontakt zu einer unbekannten männlichen Person“, notiert der Verfassungsschutz.

Khalifa und der Unbekannte gehen zu Fuß zur syrischen Botschaft, das Gebäude ist gleich um die Ecke in der Rauchstraße 25. Khalifa arbeitet im zweiten Stock, auf derselben Ebene wie der Botschafter.

Um 14.57 Uhr verlässt Khalifa die Botschaft wieder und nimmt den gleichen Weg wieder nach Hause.

In den nächsten Tagen folgen die Verfassungsschützer ihm zum Friseur, ins Steakhaus und auf einer Autofahrt nach Hannover.

Um herauszufinden, welche Handys Khalifa bei sich hat, wirft der Verfassungsschutz das ganz große Netz aus: Den Imsi-Catcher. Das Gerät gaukelt allen Handys in Reichweite vor, es sei ein Mobilfunkmast. Die Handys loggen sich dort ein, der Catcher speichert sämtliche Gerätenummern. In sieben Tagen wiederholen die Verfassungsschützer das 15-mal an verschiedenen Orten. Sie erfassen dabei 10.688 Handys. Die Handys, die jedes Mal erfasst werden, müssen die von Khalifa sein.

Monatelang hört das Bundeskriminalamt die Telefonate von Khalifa ab. Die meisten Telefonate führt er auf Arabisch, ein Übersetzer fertigt Zusammenfassungen an. Einzelne Gespräche, etwa mit dem Führungsoffizier in der Geheimdienstzentrale, werden auch wörtlich übersetzt.

Der taz liegen die Ermittlungsakten des BKA vor, sie haben einen Umfang von 14.182 Seiten. Sie geben einen Einblick in die Welt der Geheimdienste. Sie zeigen, wie ein Spion in Berlin lebt. Wie er die in Deutschland lebenden Mitglieder der Oppositionsbewegung gegen seine Regierung ausspioniert. Wie er die in dem Kurzdossier "die verzwickte politische Lage" deutsche Politik einschätzt. Und welche Folgen das hat. Auch für Khalifa selbst: Am Ende wird er wegen Spionage verurteilt.

Die ganze Geschichte steht in der Wochenendausgabe der taz, erhältlich an jedem gutsortierten Kiosk oder digital.

*Name geändert

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