berliner szenen: Gegen Simon und Garfunkel
Das kannte ich noch nicht: ins Café gehen und die eigene Musik mitbringen – eine Art Straßenmusik aus dem Smartphone. Der Mann am Nachbartisch hat Loungeklänge programmiert. Extrem minimalistisch. Nein, extrem monoton. Aber nicht zu überhören. Als aus dem Innenraum des Cafés „Sounds of Silence“ von Simon und Garfunkel rieselt, pegelt er intuitiv seinen Lautsprecher hoch. Ich kann mich nicht auf meine Zeitung konzentrieren.
Der Schauspieler Mark Waschke radelt vorbei. Er guckt gut gelaunt in die Gegend, ganz anders als im Tatort, wo er die grimmige Miene kultiviert. Sein Anblick hebt meine Stimmung, aber als der Betonmischer auf der Baustelle gegenüber loslegt, drängt sich der Mann mit dem Elektro-Sound wieder in den Vordergrund. Etwas Spielraum hatte sein Lautstärkeregler noch. Er redet mit zwei Frauen. Die beiden sind Künstlerinnen, ihre Werke sollen in einer Ausstellung gut positioniert werden. Er, ganz in Weiß, scheint ein Kurator oder Galerist zu sein. Die drei kennen sich kaum, vielleicht brauchen sie die Musik als Gleitmittel ihrer Kommunikation.
Eine der Künstlerinnen ist sehr bekümmert: Der Vertrag für ihr Atelier läuft in drei Wochen aus, und monatelange Bemühungen um ein neues Atelier waren zum Verzweifeln vergeblich. Ihre eben noch aufgekratzte Stimme bricht. Die andere hat eine Idee, die sie stolz verkündet. Sie ist schwanger und kann ihre voluminösen Werke nicht mehr lange bearbeiten. „Willst du mein Atelier haben, erst mal für ein Jahr?“ Die Unglückliche kann kaum fassen, was ihr gerade angeboten wurde, und dann auch noch um die Ecke. Aus den eben noch zurückgehaltenen Tränen werden Freudentränen. Die Freude wirkt ansteckend: Mein Fuß wippt. Eigentlich ist die Musik doch ganz lebendig und heiter. Claudia Ingenhoven
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