Fußballfan mit Doppelherz: "100 Prozent für Deutschland, 100 Prozent für die Türkei"

Am Mittwoch kommt es bei der Fußball-EM zum Spiel der Spiele: Türkei gegen Deutschland. Auf der Fanmeile mit dabei: der Spandauer Mehmet Umul und seine Clique. Doch für wen schlägt ihr Herz?

Doppel geflaggt: Deutsche und türkische Wimpel in einer Berliner Straße Bild: Reuters

taz: Herr Umul, Sie haben eine deutsche und eine türkische Fahne auf dem Auto. Für wen sind Sie denn?

Mehmet Umul: Ich bin 100 Prozent für Deutschland und 100 Prozent für die Türkei - aber nur solange die beiden nicht gegeneinander spielen.

Und für wen sind Sie heute Abend?

Heute bin ich natürlich 100 Prozent für die Türkei.

Wieso ist das so eindeutig?

Weil ich türkisches Blut habe. Wer Türke ist, ist für die Türkei.

Immerhin sind Sie in Berlin geboren und aufgewachsen.

Wo man aufwächst, ist die eine Sache. Aber man hat auch eine gewisse Heimat, und die trägt man in sich. Herkunft ist Herkunft. Das gibt man weiter.

Auch über drei Generationen?

Auf jeden Fall.

Wo gucken Sie das Spiel?

Auf der Fanmeile, ist doch klar. Die Atmosphäre wird bombastisch sein.

Warum sind Sie so sicher?

Das ist ein ganz besonderer Tag. Ich habe schon bei der WM 2002 gehofft, dass Deutschland gegen die Türkei im Finale steht. Zwischen den Deutschen und Türken gibt es eine starke gesellschaftliche und kulturelle Verbindung. Dementsprechend sind auch die Emotionen. Die Türken werden um ihr Leben kämpfen. Und die Deutschen werden um ihr Leben dagegenhalten. Es wird ein sehr körperbetontes Spiel. Hart, aber herzlich. Beide Mannschaften müssen so spielen, als wäre der Gegner Brasilien.

Was machen Sie, wenn die Fanmeile wegen Überfüllung geschlossen wird?

Glauben Sie mir: Ich komme rein. Wenn Zäune da sind, klettere ich drüber. Wenn Wachposten davor stehen, gehe ich durchs Gebüsch. Das habe ich auch bei der WM 2006 schon gemacht.

Mit wem sehen Sie sich das Spiel an?

Mit circa 30 Freunden. Meine Clique aus Spandau. Deutsche. Türken. Verwandte.

Was ziehen Sie an?

Türkei-Trikot. Türkei-Schal. Türkei-Mütze. Und Türkei-Fahne.

Für wen sind Ihre Freunde?

Unterschiedlich. Manche für Deutschland. Manche für die Türkei.

Wird Sie das Ergebnis nicht entzweien?

Überhaupt nicht! Wenn für die Deutschen ein Tor fällt, schreie ich: "Ihr Schweine". Dann lachen wir uns an und geben uns einen Shake. Und wenn wir ein Tor schießen, werden wir jubeln und unsere deutschen Freunde werden brüllen: "Ihr Schweine".

Durch den gemischten Freundeskreis ist das Spiel spannender?

Und wie. Deshalb gucke ich ja mit meinen Kumpels, weil die übertrieben für Deutschland sind und wir übertrieben für die Türkei. Schadenfreude ist die schönste Freude auf der Welt. Egal, wer von beiden: Einer wird heute Schadenfreude haben.

Könnte es auch zu Schlägereien kommen?

In unserer Gruppe auf keinen Fall. Aber ich kann mir vorstellen, dass es Rangeleien geben könnte, die von extremen Deutschen, genannt auch Nazis, ausgehen. Oder auch von Extremisten der Türken. Es gibt in jeder Kultur untergebildete Menschen, die ihr niedriges Niveau an Lebensstil so ausdrücken, dass sie sich schlagen. Aber es hängt auch ein bisschen davon ab, ob das Spiel fair verläuft.

Was passiert, wenn in der 87. Minute das 1:0 für Deutschland fällt?

Dann fällt in der 89. Minute das 1:1 und in der 91. Minute das 2:1 für die Türkei. Insallah!

Was ist so toll am Fußball?

Das dritte Wort in meinem Leben war Ball. Von sechs an habe ich im Verein gespielt. Zehn Jahre beim SBC - Spandauer Ballspielclub - und zwei Jahre in der Jugend von Hertha BSC. Dann hatte ich einen Meniskusschaden. Weil ich mich nicht operieren lassen wollte, war meine Karriere als Stürmer vorbei. Fußball verbindet unheimlich. Fast alle Freunde habe ich so kennengelernt.

Was machen Sie nach dem Spiel?

Hängt davon ab, wie es ausgeht.

Wenn die Türkei verliert?

Dann gratuliere ich den Deutschen. Wenn sie die ganze Zeit besser gespielt haben, gönne ich es ihnen. Aber ich bin auch ein bisschen enttäuscht von der Leistung der Türken. Ich versuche mich mit meinen türkischen Kumpels abzulenken. Vielleicht lassen wir uns volllaufen und gehen wir irgendwo Poker spielen.

Und wenn die Türkei gewinnt?

Ohhoo! Dann … dann werde ich auf jeden Fall erst mal zum Kudamm aufbrechen.

Mit dem Auto?

Auf keinen Fall. Weil: Ich werde auch trinken und dann werde ich mächtig feiern. Aber mächtig! Und ich werde trotzdem den Deutschen gratulieren, dass sie so weit gekommen sind.

Was begeistert Sie an der türkischen Mannschaft?

Die Mannschaft hat bei dem Turnier eine tolle Moral gezeigt. Sie hat unglaublich gekämpft, in letzter Minute alles rumgerissen. Sie können gegen jeden gewinnen, wenn sie gut drauf sind.

Was halten Sie von den Deutschen?

Ich verstehe nicht, warum deutsche Reporter vor großen Turnieren immer so rumheulen, dass die Mannschaft so schlecht ist. Die Deutschen sind eine unglaubliche gute Turniermannschaft. Schließlich spielen sie fast in jedem Turnier ganz vorne mit. Egal, wie die Leistung gegen die Kroaten war. Die Deutschen sind total motiviert.

Wer sind Ihre Lieblingsspieler?

Nihat Kahaveci bei den Türken. Bei den Deutschen Philipp Lahm. Er spielt am türkischsten. Er kämpft und kämpft. In einem Spiel hat er vielleicht zwei, drei Ballverluste. Er spielt mit Herz und Seele für sein Land - typisch Türkei.

Hand aufs Herz: Wer wird Europameister?

Die größte Überraschung wäre Russland gegen die Türkei im Finale. Damit hat nun wirklich kein Mensch auf der Welt gerechnet. Wenn die Türkei gegen Deutschland gewinnt, werden wir Europameister. Wenn wir verlieren, holt Deutschland den Titel.

Egal wie das Spiel heute endet - bleiben beide Fahnen am Auto dran?

Auf jeden Fall. Wenn die Türken nicht mehr dabei sind, bin ich nur für die Deutschen und werde genauso feiern. Das ist ja auch mein Land.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de