Fußball im indischen TV: Lost in Transmission

Christoph Biermann reiste nach Indien. Weil er im Hotel nachts nicht schlafen konnte, zappte er sich durchs Fernsehen. Dort sah er schlechten Fußball mit noch schlimmerer Bildregie.

Indien steht auf Platz 145 der Fifa-Weltrangliste: Jugendliche versuchen während eines Monsuns Fußball zu spielen. Bild: dpa

Müde war ich, als ich mich im Hotel in der Nähe des Flughafens von Bombay aufs Bett legte. Zur Belebung hatte ich eigentlich einen Abendspaziergang unternehmen wollen, aber den Versuch bald aufgegeben, denn um das Hotel herum waren nur andere Hotels, Bürogebäude und Slums. Der Geruch von verbranntem Abfall lag in der Luft, und ich konnte mir nicht vorstellen, ob die Gäste jener opulent in Szene gesetzten Hochzeit, für die der Hotelgarten abgesperrt war, das ignorieren könnten.

Zum Schlafen war ich noch nicht müde genug, und in diesem halb betäubten Zustand lief es fast zwangsläufig darauf hinaus, die gut siebzig Fernsehprogramme durchzuschalten, die man ziemlich trennscharf in drei Gruppen einteilen konnte. Die weitaus meisten Sender zeigten singende und tanzende Menschen. Sie taten das unablässig, ob in Studiokulissen oder in den alpinen Szenerien, die Bollywood wahrscheinlich deshalb so mag, weil sie nach frischer Luft aussehen. Die Frauen waren unglaublich schön, die Männer auch, doch sie hatten es nicht leicht miteinander. Gesungen wurde über die Liebesleiden, dazu brauchte man weder Hindi, Marathi oder eine der weiteren 19 offiziellen indischen Sprachen zu verstehen.

Die zweite wesentliche Programmgruppe waren Infosender in allen Sprachen, sie waren an den überall auf dem Bildschirm durchlaufenden Textnachrichten, eingeblendeten Charts usw. zu erkennen. Der Rest gehörte dem Sport, was in Indien vor allem Cricket bedeutet, aber auch Fußball. Leider gab es den Sender mit der Bundesligazusammenfassung nicht, und so musste ich ein Spiel aus der I-League anschauen. Beteiligt daran waren der aktuelle Meister Dempo aus Goa und eine andere Mannschaft, deren Namen ich leider vergessen habe. Man sollte mir das aber nachsehen, denn es war das schlechteste Fußballspiel, das ich auf einem Fernsehbildschirm gesehen habe, seit ich für das längst eingestellte Lokalfernsehen Dortmund des WDR aus der Landesliga berichtet habe.

Wobei der Eindruck am Fernsehen, dass ein Fußballspiel lausig ist, ganz wesentlich davon mitgeprägt wird, wie gut die Bilder sind. Hier waren sie so, als wenn man im Stadion auf einer Tribüne hinter einem Pfeiler steht, an dem man rechts und links vorbeischaut, sodass es zwischendurch kleine Aussetzer gibt. Die Bildregie des Fußballspiels verlor immer wieder den Ball, weil sie im falschen Moment umschaltete und man sah, wie eine Kamera verzweifelt den Anschluss ans Spiel suchte. Aber so ist das halt in einem Land, das nur auf Platz 145 der Fifa-Weltrangliste liegt und selbst in Asien nur die Nummer 24 ist.

Auf diese Weise Lost in Transmission nickte ich ein und flog am nächsten Morgen nach Hause in ein Land, wo Hochzeiten nicht von der Müllverbrennung gestört werden und Fußball im Fernsehen gut aussieht. Zumindest dachte ich das, als ich mich aufs Sofa setzte, um das Montagsspiel der zweiten Liga anzuschauen. Doch nach einigen Minuten begann ich, unzufrieden vor mich hin zu murren, und zischte bald den wehrlosen Fernseher an. Denn inzwischen war mir wieder eingefallen, dass ich mich nicht zum ersten Mal darüber ärgerte, dass es auch bei deutschen Fernsehübertragungen von Fußballspielen den Tribünenpfeiler im Bild gibt.

Die populäre Beschwerde über Kommentatoren ist übertrieben, denn einerseits sind sie besser geworden und andererseits kann man über sie hinweghören. Doch kann man nicht darüber hinwegsehen, wenn einen Fernsehregisseure mit Nahaufnahmen terrorisieren. Dabei braucht man beim Fußball die Über- und nicht die Nahsicht, weil die einen den Faden des Spiels immer wieder verlieren lässt. Man will nicht der Mimik eines Verteidigers folgen, sondern dem Ball. Nach dem Spiel schlief ich bald ein, und als ich wieder aufwachte, fragte ich mich, wie wohl eine Cricket-Übertragung im deutschen Fernsehen aussehen würde.

Christoph Biermann (46) liebt Fußball und schreibt darüber

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