Fußball-WM: Warten auf Rambo

Vor dem heutigen WM-Qualifikationsspiel gegen Deutschland plagt Wales eine zu kurze Personaldecke.

Aaron "Rambo" Ramsey (Mitte), bis jetzt noch Mittelfeldspieler vom FC Arsenal. Bild: ap

LONDON taz Am vergangenen Samstag wurde Englands Verteidiger Ashley Cole nach einem Fehlpass gegen Kasachstan (Endergebnis 5:1) eine halbe Stunde lang vom halben Wembley-Stadion ausgepfiffen. Walisischen Nationalspielern kann das nicht passieren: Im Millennium-Stadion zu Cardiff (Kapazität: 75.000) wollten ganze 13.000 den mühsamen 2:0-Sieg von John Toshacks "Drachen" gegen Liechtenstein am Sonnabend sehen.

Die drei Punkte lassen den Walisern weiter theoretische Chancen auf die erste Teilnahme bei einem internationalen Turnier seit der WM 1958. Doch das geringe Publikumsinteresse zeigt, wie wenig man im Rugby-begeisterten Prinzentum den Auswahlkickern momentan zutraut. Seit dem Rücktritt von Ryan Giggs (Manchester United) im Mai 2007 ist nicht nur der eherne Hoffnungsträger abhanden gekommen, sondern auch der Glaube an die Überraschung. Toshack kann in seiner vierjährigen Amtszeit insgesamt zwar ansehnliche Resultate vorweisen. Was ihm fehlt, ist der überragende Erfolg gegen eine führende Fußballnation; einer jener Siege, die zu Größerem inspirieren können. Gegen Russland stand man im September in Moskau kurz vor einer solchen Sensation. Dann aber verschoss Gareth Bale von Tottenham beim Stand von 0:0 einen Elfmeter; nach heroischem Widerstand ging die Partie spät mit 1:2 verloren. "Wir haben eine bittere Lektion gelernt", sagte Toshack, wie immer.

Der frühere Weltklassestürmer vom FC Liverpool hat die älteren, ihm gegenüber kritischen Spieler wie Robbie Savage allesamt ausgemustert und hofft auf die baldige Integration von vielversprechenden Nachwuchsspielern aus der starken U21-Elf, bei der insbesondere Aaron "Rambo" Ramsey heraussticht. Für den Mittelfeldspieler vom FC Arsenal kommt das Match gegen Deutschland allerdings noch zu früh. Die inselweite Fahndung nach Spielern mit walisischen Vorfahren soll zusätzlich Alternativen schaffen, doch auch das kann nicht die strukturellen Probleme beheben. Wales hat keinen nennenswerten Ligafußball und muss seine besten Spieler nach England exportieren, wo man nach dem Bosman-Urteil aber eher Appetit auf Franzosen, Portugiesen oder Brasilianer hat. "Unsere Personaldecke ist zu dünn", sagt Toshack. "Wenn wir sie nach oben ziehen, schauen unten die Füße raus. Sind unsere Füße warm, frieren wir oben."

In Mönchengladbach wird sein Team deshalb mit einem destruktiven 3-5-1-1 System auf Konter warten. Kapitän Craig Bellamy, die einzige Spitze, glaubt, dass seiner Elf die Spielstärke der Deutschen entgegenkommt. "Unsere Mentalität ist besser gegen die Top-Teams", sagt der 29-Jährige, "ich schieße meine Tore auch meistens gegen respektable Mannschaften. Und es gibt keine respektablere Mannschaft als Deutschland." Gegen Lichtenstein hatte der für seine Eskapaden bekannte Stürmer von West Ham United ein halbes Dutzend Torchancen. Er vergab sie alle, war aber trotzdem glücklich über sein erstes Länderspiel von Beginn an seit über einem Jahr. Leistenprobleme hatten ihn zurückgeworfen.

Am Wochenende nahm Bellamy an einem Kricket-Spiel im Hotelflur teil, dabei soll einiges zu Bruch gegangen sein. Weniger treffsicher erwies er sich vom Elfmeterpunkt: Bellamy scheiterte am Samstag als dritter Strafstoßschütze in Folge. "Dass er vorher in der Zeitung gesagt hat, er würde nach links schießen, hat sicher nicht geholfen", ärgerte sich Toshack. Von einem Trauma wollen die Waliser aber nichts wissen. Sie sind ja keine Engländer.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de