Freiwilliges Bezahlmodell der Zukunft: Quo vadis, „taz zahl ich“?

30.000 Unterstützer:innen, zehn Jahre „taz zahl ich“ – Zwischenbilanz einer solidarischen Finanzierung.

Foto: Grafik: Infotext Berlin

16.08.21 | Kritische Öffentlichkeit muss man sich leisten können. Das gilt für diejenigen, die sie strukturell ermöglichen, als auch für diejenigen, die sich aktiv oder passiv an ihr beteiligen.

taz Verlag und Genossenschaft, also Angehörige der erstgenannten Gruppe, haben sich 1994 dazu entschlossen, die taz als erste deutsche Zeitung kostenfrei ins Netz zu stellen. Damit haben sie allen, die über einen Internetanschluss verfügen, Zugang zu einem universalistischen Alternativmedium verschafft und so Pionierarbeit für eine schrankenlose Teilhabe jenseits des öffentlich-rechtlichen Rundfunks geleistet.

Viele Zeitungen haben es der taz in den Folgejahren zunächst gleichgetan. Heute, nachdem die naive Utopie eines demokratisierenden Onlinezeitalters längst ad acta gelegt wurde, scheinen sich die Zugangshürden zu online-journalistisch hergestellter Öffentlichkeit jedoch wieder denen der Prä-Internetära anzugleichen.

Dem Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) zufolge sind heute 46 Prozent der Artikel auf Zeitungswebsites kostenpflichtige Plus-Artikel – Tendenz steigend. Den jährlichen Branchenreports ist zu entnehmen, dass die Monetarisierung der Online-Inhalte massiv durch die Verlage vorangetrieben wird.

Paywahl statt Paywall: Unser freiwilliges Bezahlsystem stellt sicher, dass taz.de für alle kostenlos und frei verfügbar bleibt. Ermöglicht durch über 30.000 Unterstützer:innen, die einen finaziellen Beitrag leisten – obwohl sie es nicht müssten.

Mehr Details und Infos, wie auch Sie sich beteiligen können, finden Sie auf: taz.de/zahlich

Angebotsdiversifikation im nichtjournalistischen Bereich

Denn eine Sache betrifft sie alle: Die Vertriebserlöse des digitalen Journalismus decken seine Herstellungskosten nicht. Gerade einmal 18 Prozent der in der oben genannten BDZV-Studie befragten Chefredaktionen und Verlage gehen davon aus, dass ihre redaktionellen Kosten bis 2025 durch digitale Abo-Modelle gedeckt werden können.

Onlinejournalismus bleibt daher auch in den kommenden Jahren ein Gut, das sich der Großteil der Zeitungsverlage nur durch Querfinanzierung leisten kann. Die Quellen dieser Finanzierung liegen dabei immer weniger im rückläufigen Printbereich oder bei den Wer­be­kund:innen, die mehr und mehr zu den Sozialen Medien abwandern.

Sie ergeben sich nun auch aus Kosteneinsparungen durch eine zentralisierte und prekarisierte Herstellung sowie vor allem einer Angebotsdiversifikation im Bereich nichtjournalistischer (Online-)Produkte und Dienstleistungen. In einigen großen Medienkonzernen machen journalistische Inhalte heute sogar nur noch einen Bruchteil des Umsatzes aus.

In Kooperation mit unseren Unterstützer:innen

Sie verwandeln sich zu Tech-Konzernen, die aufgrund ihres diversifizierten Portfolios weniger angewiesen sind auf den Erfolg ihrer journalistischen Sparten, weshalb sie sich auch der Aufrechterhaltung kostenintensiver journalistischer Qualitätsstandards weniger verpflichtet fühlen.

Die taz versteht digitale Transformation anders. Weder betreibt sie Auto- oder Immobilienportale wie Axel Springer noch rüttelt sie an ihrem Grundsatz, die Teilnahme an kritischer Öffentlichkeit unabhängig von der persönlichen Kapitalausstattung ihrer Le­se­r:in­nen zu ermöglichen – taz.de ist und bleibt kostenlos.

Die ökonomische Inwertsetzung der Inhalte erfolgt hier nicht hinter dem Rücken der Leser:innen, sondern in Kooperation mit ihnen. Vor zehn Jahren startete zu diesem Zweck das Projekt taz zahl ich, die freiwillige einmalige oder regelmäßige Beitragszahlung für den Onlinejournalismus der taz. Die solidarische Idee dieses in Deutschland einzigartigen Finanzierungsmodells: Diejenigen, die es sich leisten können, unterstützen durch ihren Beitrag andere, die sich eine Vergütung nicht leisten können.

Ein großer Schritt in Richtung Zukunft

Seit der Gründung 2011 haben sich kontinuierlich mehr Le­se­r*in­nen dazu entschlossen, taz.de durch einen regelmäßigen und in der Höhe frei wählbaren Beitrag zu fördern. In diesen Tagen feiert die Solidargemeinschaft ihre 30.000. Mitgliedschaft. Sie ist in den vergangenen eineinhalb Jahren um die Hälfte ihrer Größe gewachsen. 180.000 Euro kommen mittlerweile bei taz zahl ich monatlich zusammen – ein Betrag, den man sich zu Beginn wohl nicht hätte erträumen lassen. Damit ist die taz einen großen Schritt in Richtung Zukunft gegangen. Über den Berg ist sie allerdings noch nicht.

Denn ihre aktuelle Querfinanzierung hat ein unbekanntes Ablaufdatum. Immer noch werden 45,8 Prozent des Umsatzes der taz durch das Abonnement der täglichen Printzeitung erwirtschaftet. Einnahmen durch digitale Produkte machen dagegen nur 17,4 Prozent aus, inklusive der vergleichsweise beachtlichen 5,7 Prozent, die taz zahl ich zum Haushalt in 2021 beisteuert.

Vor diesem Hintergrund ist der Wandel der analogen Vertriebsstrukturen folgenreich: Verlage überre­gio­na­ler Zeitungen teilen sich die Kosten für die Speditionslogistik, die jedoch aufgrund des branchenumfassenden Rückgangs der Printauflagen anteilsmäßig für alle Beteiligten immer weiter steigen. Setzt sich dieser Trend fort, kommt es in der taz zum sogenannten Szenario 2022, in dem die tägliche Printausgabe zugunsten einer rein digitalen Herstellung aufgegeben und nur noch die Wochenendausgabe in Printform beibehalten wird.

Zu diesem Zeitpunkt muss sich die taz ihre kritische Netzöffentlichkeit leisten können. Der digitale taz-Journalismus sollte es wert sein. taz zahl ich arbeitet daran, dass Querfinanzierung im linken Medienhaus irgendwann nur noch heißt, dass die taz.de-Leser:innen untereinander solidarisch sind. Vielen Dank für Ihre Hilfe, dies uns allen zu ermöglichen.

Malte G. Schmidt arbeitet seit 2020 bei taz zahl ich. Zuvor promovierte er am Institut für Kommunikationswissenschaft der Uni Münster.