Folgen des Baubooms: Einstürzende Neubauten

Rund 10.000 irische Häuser zerbröseln wegen mangelhafter Zementbausteine. Die Regierung entschädigt, aber für die Betroffenen nicht genug.

Demonstranten mit Schildern.

Proteste wegen mangelhaftem Baumaterial und zu wenig Entschädigung in Dublin im Oktober Foto: Clodagh Kilcoyne/reuters

DUBLIN taz | Die irische Regierung hat am Dienstagabend 2,2 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt, um Hausbesitzer zu entschädigen, deren Häuser wegen Mika einsturzgefährdet sind. Mika sind Mineralien, die in Steinbrüchen vorkommen, am häufigsten sind Muskovit, Biotit und Phlogopit. Muskovit etwa zerstört Bausteine, sodass schnell Risse im Mauerwerk entstehen.

Laut Bauvorschrift dürfen Zementbausteine deshalb höchstens ein Prozent an Fremdstoffen wie Mika haben. In zahlreichen Häusern wurden aber bis zu 17 Prozent gemessen. Bis zu 10.000 Häuser im Nordwesten und Westen Irlands sind davon betroffen.

Viele Häuser wurden während des Booms Anfang des Jahrtausends in Windeseile hochgezogen. Banken, Architekten und vor allem die Bauindustrie strichen ein Vermögen ein. Manche Häuser können repariert werden, andere müssen abgerissen und neu gebaut werden. Die betroffenen Familien haben eine Interessengemeinschaft gegründet und üben seit Jahren Druck auf die Regierung aus.

Die wollte zunächst nur 90 Prozent zahlen, nämlich 138 Euro pro Quadratfuß, was etwa einem Zehntel Quadratmeter entspricht. Nach Protesten der Hausbesitzer erhöhte man den Betrag auf 145 Euro für die ersten 1.000 Quadratfuß.

Betroffene unzufrieden mit Lösung

Danach sinkt der Betrag auf einer gleitenden Skala. Als Höchstbetrag hat die Regierung 420.000 Euro festgelegt. Darüber hinaus gibt es bis zu 15.000 Euro für eine Unterkunft während der Bauarbeiten sowie bis zu 5.000 Euro für die Einlagerung von Möbeln.

Die Betroffenengruppe ist nicht zufrieden mit dem Angebot. „Ein durchschnittliches Haus hat zwischen 2.300 und 2.400 Quadratfuß“, sagt Sprecher Michael Doherty. Der höhere Entschädigungssatz falle also nur beim kleineren Teil eines solchen Hauses an. „Das können wir nicht akzeptieren.“

Wohnungsminister Darragh O’Brien sagte am Dienstagabend, der Staat müsse sich einen Teil des Geldes von den Verantwortlichen für den Mika-Skandal zurückholen – also von den Herstellern der Bausteine, von den Architekten und Baufirmen sowie von Banken und Versicherungen.

Der stellvertretende Premierminister, Leo Varadkar, findet ebenfalls, dass die Verantwort­lichen zur Rechenschaft gezogen werden sollten. „Das ist bisher nicht passiert, und es gibt bestimmte Gründe dafür, warum das nicht passiert ist. Die kann ich aber nicht näher erläutern.“

Einer der Gründe ist wohl, dass viele Bauunternehmen dichtgemacht haben. Ein anderer Grund dürfte sein, dass die Politiker wie die Banken und Bauunternehmen den Bauboom befeuerten, der sich dann als Strohfeuer erwies – und Irland schließlich in den Bankrott sowie unter den EU-Rettungsschirm trieb.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de