Folgen des Baubooms in Frankreich: Schwarze Zone, rote Wut

In La Faute-sur-Mer am Atlantik wächst die Angst, wieder Opfer einer Flutkatastrophe zu werden. Erst im Februar starben 29 Menschen, als der Damm nicht mehr hielt.

Alles unter Wasser. Häuser in La Faute-sur-Mer. Bild: reuters

LA FAUTE-SUR-MER taz | "Alle wussten, dass Gefahr bestand", sagt Renaud Pinoit. Wie vielen seiner Nachbarn in La Faute-sur-Mer an der westfranzösischen Atlantikküste sei ihm klargeworden, dass die mörderische Sturmkatastrophe vom Februar dieses Jahres nicht nur der Naturgewalt des Orkantiefs "Xynthia", sondern auch menschlichem Versagen zuzuschreiben ist. "Schon 1940 und 1941 wurde La Faute-sur-Mer überflutet, doch das war vor dem Bauboom. Damals wurden nur ein paar Häuser beschädigt. Es gab keine Toten."

Als dann ab 1980 auch eine unter dem Meeresspiegel liegende Senke verbaut wurde, erinnerte man sich kaum mehr an die Überschwemmungen, die ja glimpflich verlaufen waren. Mehrfach hatten Naturschützer vor dem Hochwasserrisiko gewarnt. Doch der Wunsch, vom Bauboom zu profitieren, war stärker. Schon der Name dieses Orts auf einer schmalen Landzunge zwischen dem Meer und dem Flüsschen Lay, das dort in den Atlantik mündet, hätte eigentlich allen eine Warnung sein müssen: "La Faute" heißt auf Deutsch "Fehler" oder "Irrtum"!

Die sträfliche Vernachlässigung der Gefahr rächte sich auf dramatische Weise bei der Sturmkatastrophe zu Jahresbeginn. In der Nacht vom 27. auf den 28. Februar trat der vom Sturmwind aufgestaute Fluss über den Damm, die Häuser dahinter versanken bis zu zweieinhalb Meter tief im Wasser. 29 Menschen kamen in dieser Unglücksnacht in La Faute-sur-Mer ums Leben. Einige Bewohner konnten sich mit knapper Not durch eine Luke aufs Dach retten oder schwimmend in Sicherheit bringen, andere aber wurden im Schlaf überrascht und ertranken. Die Opferbilanz hätte noch viel dramatischer ausfallen können. Die meisten dieser kleinen Villen waren zum Glück nur am Wochenende oder während der Ferien bewohnt. Während bis zu diesem tragischen Wintertag nur tausend Menschen ständig in La Faute-sur-Mer lebten, waren es in den Sommermonaten bis zu 40.000 Urlauber!

Eine gespenstische Ruhe liegt über dem ausgestorbenen Quartier entlang der am schlimmsten heimgesuchten Rue des Voiliers. Sie liegt in der "La Cuvette" genannten Senke im unteren Dorfteil, gleich neben dem Friedhof. Nur mit viel Fantasie kann man sich heute Kinder vorstellen, die in den Gärten spielen, Erwachsene, die grillen oder ihr Auto waschen. Manche Häuser scheinen kaum fertig gebaut zu sein. Jetzt sind es Ruinen mit offen stehenden Fenstern und Eingängen, schief hängenden Garagentoren und aufgebrochenen Türen, durch die der Westwind bläst.

Seit offiziell ist, dass diese Häuser abgerissen werden, haben Plünderer ungehindert und skrupellos demontiert, was von den Einrichtungen und den Habseligkeiten der ehemaligen Besitzer wiederverwendbar war: sogar Türfallen, Fensterläden, Wasserrohre oder Briefkästen. Gerade so, als hätte die Pest in diesem Viertel gewütet und die Überlebenden vertrieben, sind die zum Abbruch verurteilten Häuser mit einem gelben Kreuz markiert.

Von den verbliebenen 600 ständigen Einwohnern von La Faute-sur-Mer kommt niemand in die Cuvette. Es rieche nach Tod dort, meint der sonst so leutselige Pinoit. Er selbst wohnt im etwas höher gelegenen Ortszentrum, wo er beruflich als Webmaster tätig ist. Sein Büro ist jetzt Treffpunkt der Vereinigung der Überschwemmmungsopfer (Avif). Ständig klingelt das Telefon, Pinoit gibt Betroffenen die Telefonnummer eines Geometers oder erteilt Ratschläge bei Schwierigkeiten mit Versicherungen und der Bürokratie.

Er schildert nochmals den Hergang der Katastrophe vom Februar. Die Meteorologen hatten wegen der starken Gezeiten des Atlantiks speziell vor diesem Sturm gewarnt. Der Wasserpegel des Lay sei bereits sehr hoch gewesen, doch niemand habe die direkt gefährdeten Leute in der Cuvette gewarnt, und als der Fluss den Damm überspülte, sei keine Sirene ertönt. Anders als in anderen Küstenorten habe hier niemand Evakuierungen angeordnet. Erklärt dies die relativ hohe Zahl von Todesopfern?

"In unserem Ort war das Baugelände knapp. Die Grundstücke gehörten Leuten, die im Gemeinderat saßen. Der Druck dieser Interessen war stärker", vermutet Pinoit, der bei seiner unverhohlenen Schuldzuweisung auch Namen nennt. Der Bürgermeister, René Marratier, sei Besitzer eines auf Kies- und Baumaterial spezialisierten Transportunternehmens, und seine Beisitzerin war bis vor Kurzem die Eigentümerin der Immobilienagentur gleich nebenan und gleichzeitig für die Bauzonenplanung zuständig, ergänzt der Avif-Sprecher. Er scheut sich nicht, von einem "Interessenkonflikt" zu sprechen. Diesbezüglich sei aufgrund von Klagen der "Xynthia"-Opfer eine gerichtliche Voruntersuchung im Gange.

Es gab Warnungen

Der Bürgermeister und seine Beisitzerin zeigen sich keiner Schuld bewusst, auf eine Anfrage reagieren sie nicht. Ein älterer Anwohner sagt eher entschuldigend: "Im Nachhinein sind sie alle klüger. Als es aber mit La Faute-sur-Mer aufwärtsging, waren sie froh über die Steuereinnahmen." Der Immobilien- und Tourismusboom habe der Kommune viel Geld eingebracht.

Vor allem im Unterschied zu den benachbarten Inseln Ile de Ré oder Ile d'Oléron war dieser Küstenabschnitt nördlich des historischen Hafenstädtchens La Rochelle eine der letzten Gegenden, wo man noch günstig ein Ferienhaus am Meer erstehen konnte, erklärt Pinoit zum wirtschaftlichen Hintergrund der Tragödie. Noch 2008 hatte Stéphane Raison von der regionalen Baudirektion vor dem Damm in La Faute-sur-Mer gewarnt, den er als "den gefährlichsten des Departements" einstufte.

In der tiefer liegenden Cuvette dahinter hätte niemals gebaut werden dürfen. Das war ein verhängnisvoller Fehler. Doch zuständig für die Baubewilligungen war der Bürgermeister, und der ist selbst heute noch stolz auf den Aufschwung. Ab 1980 wurden mehr als 3.000 Häuser auf der schmalen Landzunge zwischen dem Meer und der Laymündung gebaut.

Bald liegt die Katastrophe ein Jahr zurück. Viele sind ganz weggezogen, andere haben sich schweren Herzens dazu entschlossen, ihr Wohn- oder Ferienhaus dem Staat zum Abbruch zu verkaufen, weil es in der "schwarzen Zone" der überschwemmten Senke liegt. Die Einzonung hat zu Verunsicherung und zusätzliche Polemik geführt. Zuerst sollten 823 Bauten im Interesse der Prävention dem Erdboden gleichgemacht werden, schließlich nur noch 597. Das Haus von Annette und François Anil kurz vor der Laymündung stand einen Meter unter Wasser.

Da es sich aber außerhalb der "schwarzen Zone" befindet, kommen die beiden nicht in den Genuss des staatlichen Angebots, es zum geschätzten Marktpreis zu verkaufen. Zwar erhielten sie Schadenersatz von ihrer Versicherung, doch nun haben sie Angst. Denn an dem Damm, der sie vor einer weiteren Flut schützen soll, seien nur einige dringliche Reparaturen vorgenommen worden, sagt François Anil.

Auf der sehr touristischen Ile de Ré dagegen ist die Arbeit zur Verstärkung der Dämme schon abgeschlossen. Das Gefühl einer Ungleichbehandlung steigert die Spannungen. Nach einer Schweigeminute für die Opfer demonstrierten im Sommer in La Faute-sur-Mer rund tausend Menschen mit dem Slogan "Schwarze Zone - rote Wut". "Unsere Demo war friedlich, aber wenn die Behörden keinen neuen Damm wollen, fassen wir andere Aktionen ins Auge", droht Anil aufgebracht.

Bei jenen, die ihr Haus verkaufen sollen oder müssen, wächst die Befürchtung, ein zweites Mal Opfer dieser Katastrophe zu werden. Die ersten 293 Verkäufe wurden zu einem als korrekt eingeschätzten Wert abgewickelt. Doch jetzt sei die Kasse bald leer, befürchten die Mitglieder von Avif. Der Staat drücke darum die Preise: "Häuser, die 300.000 Euro wert waren, werden nun mangels Krediten auf 200.000 geschätzt." Wie etwa 70 oder 80 andere will sich die Versicherungsagentin Marie-Christine Baffoux weigern, ihr Haus für ein "Butterbrot" demolieren zu lassen. Die Behörden drohen mit Enteignung.

Diese Sorgen scheinen Bürgermeister René Marratier weniger zu plagen. Unbeeindruckt von der Tragödie schmiedet er bereits neue Baupläne. Nun macht aber der Staat zur Auflage, dass ein Bauterrain mindestens 3,70 Meter über dem Meer liegen muss. Da aber die von der Gemeinde neuerworbenen Parzellen teils zu tief liegen, um als bebaubar zu gelten, ließ der findige Mann im Oktober kurzerhand mit Lastwagen Sand von einem Strand herbeischaffen, um das Niveau zu erhöhen.

Bei dem Aufschüttungsmaterial soll es sich laut Marratier um ein Gemisch aus Kies, Sand und Dreck handeln, das nach dem Sturm zwischengelagert wurde. Laut der lokalen Monatszeitung Le Sans-Culotte aber existieren Fotos, die zeigen, wie der Sand mit Baggern von der Düne am "Belugas"-Strand geholt wurde. Das wäre nicht nur illegal, sondern auch gefährlich, weil dadurch die Stabilität des Ufers geschwächt würde. Auf Anfrage von Avif habe die Präfektur dazu erklärt, sie hätte "niemals ihre Bewilligung erteilt, schon gar nicht für am Strand gestohlenen Sand".

Laut Avif riskiert Marratier eine Strafuntersuchung. Dieser wehrt sich. Er habe nur getan, was die Regierungsbehörden ihm (indirekt) geraten hätten: eine Überschwemmungszone aufgeschüttet, um den Sicherheitsnormen zu genügen. Auf der verlassenen und später eingeebneten Cuvette soll schon bald ein Kinderspielplatz entstehen. Aus La Faute-sur-Mer wird in dieser Vision ein La Faute-sur-Sable, dessen Bewohner seit je und auch weiterhin über die Herkunft dieses auf einen historischen Fehlentscheid anspielenden Ortsnamens rätseln.

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