Filmstart „Anchorman 2“: Was das Publikum will

News und Entertainment sind vielleicht doch kein unerschöpfliches Thema. Das legen die recycelten Gags in „Anchorman 2“ nahe.

Training in investigativen Techniken: Still aus „Anchorman 2“. Bild: Paramount

Die Frage aller Fragen, nicht nur im Fernsehjournalismus, sondern im Journalismus überhaupt, lautet wohl: „Warum müssen wir unserem Publikum immer erzählen, was sie hören sollen – warum können wir ihnen nicht einfach das erzählen, was sie hören wollen?“

Es braucht schon einen wie Ron Burgundy (Will Ferrell), um sie so unverblümt zu stellen. Ron mit dem Softporno-Schnurrbart, der Fönfrisur und seinem wie mit Haarspray fixierten 70er-Jahre-Machismo.

Nachdem der erste Film 2004 die Epoche der Männer-Clubs mit ihren „scotchy scotch scotch“-Getränken im Milieu des Fernsehnachrichtenwesens abfeierte, widmet sich das Sequel der großen Wende im besagten Business: der Einführung der 24-Stunden-Nachrichtensender zu Beginn der 80er.

„Anchorman 2". Regie: Adam McKay. Mit Will Ferrell, Paul Rudd u. a. USA 2013, 119 Min.

Dass vergleichbare Sender in Deutschland bis heute nicht die Marktanteile und damit Breitenwirkung ihrer amerikanischen Verwandten CNN, Fox News oder MSNBC erlangten, nimmt den gewollt derben Späßen von „Anchorman 2“ etwas die Spitze. Man muss die Vorbilder nämlich vor Augen haben, um schätzen zu können, wo Ferrell und sein Koautor und Regisseur Adam McKay übertreiben und wo sie es gerade nicht tun.

Das tollste Land, das Gott je geschaffen hat

Zum Beispiel bei den Richtlinien, die Burgundy und seine fast hirntoten Konsorten für ihr Programm zwecks Quotensteigerung entwerfen. Denn was will das Publikum? Dass man ihm immer wieder sagt, dass Amerika das tollste Land ist, das Gott je geschaffen hat. Es möchte Geschichten über Patrioten und lustige kleine Tiere, über Diäten und Blondinen mit Oberweite, über Höhepunkte im Sport und verrückt spielendes Wetter – aber natürlich auch ernste investigative Beiträge, die etwa der Frage nachgehen, wie viel Körperflüssigkeit in Hotelbetten so zurückbleibt. Abzüglich des Amerika-Patriotismus könnte das jetzt auch eine Beschreibung gewisser deutscher Sender sein.

Wie dem auch sei – Burgundys Konzept geht natürlich augenblicklich auf. Sein Team, das eben erst aus diversen Karrieretiefpunkten herausgeholt und versammelt werden musste, triumphiert und lässt sich den Wind auf New Yorks Straßen durch frisch zugelegte Miniplis wehen. Weitere Schicksalsschläge und Plotwendungen folgen, schließlich müssen zwei Stunden gefüllt werden.

Der Rassist hat's nicht so gemeint

„Anchorman 2“ macht es wie alle Komödiensequels: Mit den Figuren recycelt es auch einen großen Teil der Gags aus dem ersten Teil. So darf Paul Rudd erneut den „Reporter“ Brian Fantana als glücklosen Frauenhelden geben, der an „Pussy“ nur insoweit herankommt, als er supersüße Kätzchen fotografiert. David Koechner füllt als Sportmoderator Champ Kind mit Cowboyhut die Rolle des amerikanischen Haudrauf-Rassisten, der es nie so gemeint haben will.

Und Steve Carrell dehnt als Weatherman Brick Tamland den Witz, dass man selbst als intelligenztechnisch geforderter Mann im Fernsehen eine Chance hat, weiter aus. Diesmal glaubt er sich nicht nur selbst tot, er findet in Kristen Wiig ein ähnlich nur mit dem Rückenmark denkendes Wesen. Leider fehlt es ihrer Romanze mangels intellektueller Reibung auch an zündenden Gags.

Mit recycelten Gags verhält es sich wie mit allem, was aus Altpapier hergestellt wird: Es erfüllt seinen Zweck, aber manchmal vermisst man die unverbrauchte gebleichte Strahlkraft des Originals. Nur wenige Pointen erreichen die Bösartigkeit von Fantanas Bemerkung zu seinen Los-Angeles-Bekannten OJ Simpson, Phil Spector und Robert Blake: „Wir nennen uns die Ladykillers.“

Battle der Cameos

Bei einer der chaotischsten und ausgelassensten Szenen des Films aber handelt es sich fast um ein Remake aus Teil 1: Erneut kommt es zur Schlacht der Nachrichtenteams, das in Wahrheit eine Battle der Cameos ist. Um nur einige zu nennen: Sacha Baron Cohen als Kopf des BBC-Teams knödelt gegen Kanye West als MTV-Vertreter, unterbrochen von den Kanadiern mit Jim Carrey und dem History Channel mit Liam Neeson an der Spitze. Denen fallen wiederum Tina Fey und Amy Poehler als Entertaiment-News-Moderatoren ins Wort.

Ja, Entertainment und News – wie schreit da Cohen in höchster BBC-Intonation: „That’s an abomination!“

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