FC Barcelona im Wiederaufschwung: Die wunderbare Pep-Krankheit

Unter Josep Guardiola hat sich der FC Barcelona in Windeseile vom Niedergang der letzten Jahre erholt. Der junge Trainer hat wiederbelebt, was Barças Identität ausmacht.

Josep Guardiola steht ständig unter Strom. Bild: reuters

Ein paar Minuten bevor es losgeht, hat das Training im Körper von Pep Guardiola bereits begonnen. Mit federnden Schritten, der Körper auch mit 38 der eines Asketen, eilt der Trainer an diesem Morgen in der Sportstadt des FC Barcelona über den Fußballplatz. Es gibt noch nichts zu korrigieren, noch nichts anzuweisen, doch Guardiola redet und redet schon mit der Intensität des Wettkampfsports auf alle ein, er nimmt Stürmer Samuel Etoo in den Schwitzkasten; spielerisch, versteht sich. "Pep ist ein Kranker", erklärte Spielmacher Xavi Hernández fröhlich die Leidenschaft seines Trainers für das Spiel: Der denke abends im Bett vermutlich noch immer über jeden Pass nach.

Die Kollektiverinnerungen des FC Bayern an den Spielort Camp Nou sind traumatisch; die jüngsten Erlebnisse der Münchner Spieler auf einem niedersächsischen Fußballfeld ebenso, und nun fallen für das Spiel heute auch noch Lucio und van Buyten in der Innenverteidigung aus. In der Rolle des totalen Außenseiters müsste da doch was zu reißen sein für den Champions-League-Sieger von 2001. Kleine Fünkchen Hoffnung versprüht die Statistik: Viermal standen sich Barcelona und Bayern in europäischen Clubwettbewerben gegenüber, nie hat Barça gewonnen - war allerdings alles im vergangenen Jahrtausend.

Längst hat die wunderbare Pep-Krankheit den FC Barcelona angesteckt. Mit der knisternden Intensität, die ihr Trainer aussendet, trägt Barça dieses Jahr wieder seine legendäre Kurzpasskunst vor. Zwei Jahre kämpfte der Champions-League-Sieger von 2006 vergeblich gegen die Dekadenz, heute, vor dem Champions-League-Viertelfinale gegen Bayern München (20:45 Uhr live im frei empfangbaren und im Bezahlfernsehen), wird Barça wieder als das größte Spektakel betrachtet. Ihnen fehlt die Unumstößlichkeit des 2006er-Jahrgangs um Ronaldinho, aber sie schlagen die Gegner mit Herrlichkeit, ständig 6:1 oder 5:2 und bringen es auf schwindelerregende 126 Saisontore.

Guardiola, der im vergangenen Sommer mit der Erfahrung von einem einzigen Trainerjahr in der vierten Liga die Elf übernahm, gilt als Initiator dieser Erholung und unzweifelhaft offenbart er viele Begabungen eines besonderen Trainers. Doch viel mehr als der Erfolg eines Einzelnen ist die Rückkehr des schönen Barças ein Lehrbeispiel, wie weit ein Klub mit unbeirrbarem Wagemut und konsequentem Konzept kommen kann.

Hartnäckiger als jeder andere Verein hält Barça an einem Stil fest, auch wenn sich sonst niemand so zu spielen traut, im endlosen Kurzpass, im ewigen Angriff. Konsequenter als jeder andere bildet es die Fußballer dafür selbst aus. Elf der 24 Profis der aktuellen Mannschaft stammen aus der eigenen Schule, eine einmalige Quote. In diesem Klub galt die Berufung von Guardiola dem Unerfahrenen nicht als Irrsinn, sondern logisch. Er ist ein Sohn Barças. Von 13 bis 30 spielte er für den Klub, da fanden sie ihn nach nur einem Trainerjahr nicht grün, sondern weise: Er weiß alles über Barças Ideologie vom permanenten Ballbesitz, über das Spielsystem mit fünf Offensiven, das einzigartig ballorientierte Training. "Für mich existiert nur eine Weise, Fußball zu verstehen", sagt er, "die Art Barças: vorwärts!"

Guardiola erschien in einem - auch in diesem Verein - seltenen Moment, als alle Protagonisten verinnerlicht hatten: "Der Spielstil ist unsere Kraft", wie Musterspieler Andrés Iniesta sagt. Hier gibt es keinen Sportdirektor, der vor allem seinen eigenen Einfluss durchsetzen will, hier trifft ein Trainer auf Stars wie Leo Messi oder Thierry Henry, die akzeptieren, dass sie nur ein Teil einer größeren Idee sind. Überall werden dieser Tage etwa Bayerns und Barças hinreißende Dribbler Franck Ribéry und Messi verglichen - doch wer sie auf eine Höhe stellt, hat Messi nie erkannt.

Ribéry dribbelt ergreifend, übersieht dabei Mitspieler, hinterlässt defensive Löcher; Messi dribbelt einzigartig und ist eine fixe Station in Barças Passspiel, ein unglaublich zweikampfstarker Block im Pressing; er folgt den automatisierten Bewegungen Barças. Es war eine erschlaffte Weltklasself, die Guardiola vorfand, aber noch immer eine Elf, in der alles eingespielt war: das Team, die Taktik, die Trainingsmethoden; die Idee. Was es brauchte, war ein neuer Stimulus. Sie fanden Guardiola. Den Impulsator.

"Zum Geburtstag schenke ich ihm einen Lautsprecher", scherzt Barças Torwarttrainer Juan Carlos Unzué: "Er redet und redet, in jedem Training, in jedem Spiel. Mit einem Lautsprecher würden ihn wenigstens alle hören." Die Intensität, verkörpert durch das elektrische Pressing in Gegners Spielhälfte, ist ein Markenzeichen von Guardiolas Barças. "Wenn er Popp sagt, gibt es kein Stopp", sagt Verteidiger Gerard Piqué.

Wie viele Frischlinge, die noch keine Gelegenheit hatten, desillusioniert zu werden, glaubt Guardiola unabdingbar daran, dass in diesem Spiel jede Kleinigkeit entscheidend sei; wie die besten Neulinge hat er viele originelle kleine Ideen, im Spiel wie danach. Seinem Stürmer Leo Messi, der noch nie ein Buch gelesen hat, schenkte er den Roman von David Trueba "Saber Perder": Verstehen zu verlieren. Gelegentlich wirken die Einfälle sehr gewollt, wie etwa zu Saisonbeginn Pedrito aus dem B-Team statt Thierry Henry stürmen zu lassen. Doch bei einem Trainer, der geradlinig, authentisch und weitgehend kompetent seinen Weg geht, erscheinen missglückte Manöver plötzlich nicht wie falsche, sondern wie mutige Entscheidungen. "Wenn ich wiedergeboren werde", sagt Barças Präsident Joan Laporta, "möchte ich Guardiola sein."

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