Erhöhtes Krankheitsrisiko: Kaiserschnitt beeinflusst Erbmoleküle

Mit Kaiserschnitt entbundene Kinder haben ein erhöhtes Risiko für Krebs oder Asthma. Forscher vermuten, dass eine veränderte Genregulation die Ursache ist.

Bei einem geplanten Kaiserschnitt ist das Kind völlig unvorbereitet, und der Stress baut sich schlagartig auf. Bild: photocase/75laura

STOCKHOLM taz | Kinder, die mit Kaiserschnitt entbunden wurden, haben ein höheres Risiko, an Diabetes, Asthma oder Krebs zu erkranken. Schwedische Forscher glauben dafür eine mögliche Erklärung gefunden zu haben. Sie entdeckten bei Kindern, die mit einem Kaiserschnitt zur Welt gebracht worden waren, chemische Veränderungen an den Grundbausteinen der Erbsubstanz. Bei Kindern, die mit vaginaler Geburt geboren wurden, waren diese nicht nachweisbar.

"Wir halten es für eine bahnbrechende Entdeckung, dass ein Kaiserschnitt die Erbsubstanz beeinflussen kann", sagt Mikael Norman, Professor und Kinderarzt am "Karolinska Institut" der Universität Stockholm: "Bis jetzt hat man sich im Zusammenhang mit einem Kaiserschnitt eigentlich nur für die Operationsrisiken interessiert. Unsere Forschungsergebnisse können dazu führen, die Auswirkungen der Kaiserschnitt-Geburt künftig noch aus einem ganz anderen Blickwinkel zu beurteilen."

Das Team von Mikael Norman und seinen Kollegen nahm zuerst Blutproben aus den Nabelschnüren von Neugeborenen. Drei bis fünf Tage nach der Geburt entnahmen sie dann noch einmal Proben bei den Kindern. Die Blutproben wurden analysiert, um den Grad der DNA-Methylierung in den zum Immunsystem gehörenden weißen Blutkörperchen, den Leukozyten, feststellen zu können.

Bei der Methylisierung wird ein Molekül, konkret eine Methylgruppe, an DNA-Bausteine geheftet. Das kann unter anderem Auswirkungen auf die Aktivität von einzelnen Genen haben. So können Methylisierungen auch dazu führen, dass Gene ganz "stillgelegt" werden.

Durch ihre vergleichenden Untersuchungen fanden die schwedischen Forscher heraus, dass alle durch Kaiserschnitt geborenen Kinder höhere Werte bei der DNA-Methylierung hatten als vaginal entbundene Kinder. Drei bis fünf Tage nach der Geburt waren diese Unterschiede jedoch wieder verschwunden.

Eine entscheidende Rolle für diese Auffälligkeit könnte nach Meinung der Stockholmer Forscher das unterschiedliche Stressniveau für die Neugeborenen als Folge der beiden Entbindungsformen spielen.

Bei einer vaginalen Geburt baue sich der Geburtsstress für das Kind nach und nach auf. Dadurch werde sein ganzes Immunsystem schrittweise aktiviert. Zur Zeit der eigentlichen Entbindung ist es auf höchster Alarmstufe. "Und das ist ein positiver, zielgerichteter Stress", sagt Norman: "Dagegen ist das Kind bei einem geplanten Kaiserschnitt völlig unvorbereitet, und der Stress baut sich schlagartig auf." Ein geplanter Kaiserschnitt wird gewöhnlich 10 bis 14 Tage vor dem errechneten Geburtstermin vorgenommen, das Kind aber sei darauf nicht vorbereitet.

Norman verweist auf Tierexperimente, bei denen man nachweisen konnte, dass "negativer Stress" die Nachkommen "programmieren" und später im Leben einen Einfluss auf das Risiko, an bestimmten Krankheiten zu erkranken, spielen könne.

Norman warnt jedoch davor, seine jetzigen Forschungsergebnisse schon als vollständige Erklärung dafür zu sehen, warum via Kaiserschnitt zur Welt gebrachte Kinder öfter an immunologischen Krankheiten wie Asthma, Allergien, Krebs und Diabetes erkrankten. Zum einen leiden die meisten Kaiserschnitt-Geborenen nicht an diesen Krankheiten. Auch sei derzeit eine eindeutige Erklärung nicht möglich, da noch nicht einmal die Ursache dafür bekannt sei, warum die DNA modifiziert werde und welche spezifischen Gene dabei beeinflusst würden.

"Was wir bis jetzt wissen, ist, dass die Geburt ein sehr wichtiger Augenblick dafür ist, dass bestimmte Gene aktiviert und bestimmte andere deaktiviert werden", sagt Norman: "Werden diese natürlichen Voraussetzungen durch einen geplanten Kaiserschnitt durcheinandergebracht, kann das einen frühen Mechanismus auslösen, der die DNA in den weißen Blutkörperchen chemisch verändert. Eine Modifizierung, die später zu den erhöhten Krankheitsrisiken führen kann."

Die schwedischen Forscher, die ihre Studie in der Juli-Ausgabe des Fachmagazins Acta Paediatrica veröffentlichen, sind der Auffassung, dass ihre Erkenntnisse in der künftigen Debatte um das Für und Wider von geplanten Kaiserschnittgeburten eine Rolle spielen sollten. Diese Geburtsart hat in den letzten Jahrzehnten markant zugenommen. In Deutschland wurden laut Statistischem Bundesamt 2007 bereits knapp 30 Prozent aller Neugeborenen mit Hilfe des Chirurgen zur Welt gebracht. 1995 waren es nur halb so viele.

Ingela Wiklund, Vorsitzende des schwedischen Hebammenverbands Svenska Barnmorskeförbundet, betont zwar, dass man "immer vorsichtig mit Forschungsergebnissen sein sollte". Sie warnt aber auch: Wenn man davon ausgehen müsse, "dass ein geplanter Kaiserschnitt dem Kind vielleicht Asthma bescheren wird, ist das ein starkes Argument gegen den Kaiserschnitt".

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