Erfinder des Smartphones in der Krise: Palm vor dem Ausverkauf

Handheld-Pionier Palm wollte mit neuen, modernen Geräten iPhone und Blackberry Konkurrenz machen. Das hat nur mäßig geklappt. Nun könnte er von anderen Firmen geschluckt werden.

Zu lange hat's gedauert, bis der gemeine Europäer den "Pre" in den Händen halten halten konnten - und dann gab's fast nichts dazu. Bild: dpa

BERLIN taz | Es sieht schlecht aus für die unabhängige Zukunft von Palm: Wie die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtet, hat der weltbekannte Smartphone-Hersteller die Investmentbank Goldman Sachs und den Finanzberater Frank Quattrone engagiert, Verkaufsverhandlungen einzuleiten. Zuvor hatte das Unternehmen schwere Verluste melden müssen und war von einigen Analysten sogar auf einen Aktienwert von 0 Dollar geschätzt worden.

Gerüchten zufolge interessieren sich unter anderem die Handy-Hersteller HTC, RIM (Blackberry) und Nokia, aber auch der chinesische Rechnerbauer Lenovo für Palm. Die Aktie legte daraufhin in der vergangenen Woche wieder um fast 32 Prozent zu. Weder Palm noch die möglichen Aufkäufer wollten sich zu möglichen Verhandlungen äußern. Man kommentiere Gerüchte nicht, hieß es.

Palm gilt als absoluter Pionier bei mobilen Minicomputern: Zuerst mit den so genannten persönlichen digitalen Assistenten (PDAs) wie dem "PalmPilot", dem zu Beginn noch der Netzanschluss fehlte, später mit ersten Smartphones wie dem "Treo", die das Telefonieren mit Rechnerfunktionen verknüpften und "Always on"-Funktionen wie mobile E-Mails in einen Massenmarkt hoben.

Zur Mitte des ausklingenden Jahrzehnts kam Palm aber zunehmend vom Weg ab. Das Unternehmen verzettelte sich mit verschiedenen Betriebssystemen wie dem altbackenen PalmOS und Windows Mobile, und es brachte Geräte wie die "Multimedia-Festplatte" LifeDrive auf den Markt, die nur wenige Käufer fanden. Schließlich kamen Apple mit dem iPhone und RIM mit seinem Blackberry auf den Markt und nahmen dem "Treo" immer mehr Marktanteile ab.

An einen Umschwung bei Palm glaubten Beobachter lange Zeit nicht. Das änderte sich, als Ex-Apple-Manager Jon Rubinstein, der unter anderem für die Hardware des iPod zuständig war, 2007 als Firmenchef zu dem Handheld-Pionier wechselte. Auch weitere ehemalige Apple-Mitarbeiter kamen mit. Zudem profitierte Palm von hohen Investitionen einer Private Equity-Firma, an der auch Promis wie U2-Sänger Bono beteiligt waren.

Rubinstein machte sich daran, eine ganz neue Plattform für Palm zu entwickeln. Dementsprechend sah es zwischenzeitlich auch danach aus, als könnte sich die Firma wieder eine bessere Zukunft aufbauen. Mit dem neuen Betriebssystem WebOS war im Januar 2009 auf der Computermesse CES in Las Vegas eine ganz neue Grundlage für die Smartphones des Unternehmens vorgestellt worden, die viel Kritikerlob einheimste. "Palm ist wieder sexy", hieß es damals. Mit dem "Palm Pre" und dem "Pixi" folgten im Sommer und Herbst die ersten Geräte dafür - auch sie wurden fast einhellig positiv aufgenommen.

Allerdings machte Palm dann einige zentrale Fehler. So dauerte es viel zu lange, bis ein dem iPhone App Store ähnlicher Online-Laden für WebOS-Anwendungen fertiggestellt war. Auch konnten Programmierer anfangs keine hochwertigen Programme wie 3D-Spiele entwickeln - die Plattform war zu eingeschränkt. Hinzu kam ein langsamer internationaler Rollout. Es dauerte Monate, bis der "Pre" auch in Europa verfügbar war. Das zweite, verbesserte Modell "Pre Plus" sowie der "Pixi" (Plus) sind bislang noch gar nicht in Deutschland zu haben.

Mit Updates hielt man sich ebenfalls anfangs zurück - sie waren nur in den USA erhältlich, erst Monate später dann international. Inzwischen soll sich in den Lagern von Palm eine große Menge an Geräten angesammelt haben, die nicht abgesetzt werden können, heißt es von Analysten. Die Folge: Die Netzbetreiber, die sie verkaufen müssen, senkten die Preise, machten das High-End-Smartphone "Pre" zum Billiggerät. Auch ein neuer Vertriebsdeal mit einem zweiten großen US-Mobilfunkanbieter dauerte viel zu lange.

Wer immer Palm auch kauft - die Plattform, die das Unternehmen in den letzten Jahren aufgebaut hat, verdient eine Weiterentwicklung. So könnte Nokia, dessen Symbian-Betriebssystem inzwischen leidlich angestaubt ist, eine solche Auffrischung für seine Smartphones gut gebrauchen - RIM würde von dem eher Multimedia-orientierten System ebenfalls profitieren.

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