Eklat bei Charité-Chronik: Chronik eines absehbaren Flops

Das Buch "300 Jahren Charité" ist passagenweise abgeschrieben. Der Autor sucht nach Rechtfertigung: Schuld seien seine Zuarbeiter - und die unkooperative Klinik.

Sieht ganz schön alt aus: Das Bettenhaus der Charité in Berlin-Mitte Bild: ap

Was macht ein Autor, der sich mit Plagiatsvorwürfen konfrontiert sieht und diese nicht widerlegen kann? Er kann sich auf die Malediven verziehen, nur noch den Anwalt sprechen lassen oder die öffentliche Bühne suchen und hoffen. Falko Hennig hat sich für Letzteres entschieden und am Donnerstag Pressevertreter ins Café Einstein geladen, um den Vorwürfen, die ihm die Charité macht, entgegenzutreten.

Es geht um die Chronik "300 Jahre Charité - im Spiegel ihrer Institute". Hennig bekam den Auftrag der Charité, aus vorhandenem Material und eigenen Recherchen den Text zu formulieren. Die Herausgeber des Bandes sind Charité-Vorstandschef Karl Einhäupl und die Mediziner Detlev Ganten und Jakob Hein.

Nach Erscheinen des Buchs beanstandete der Medizinhistoriker Philipp Osten, Teile des Kapitels "Orthopädie" seien aus seinem Buch "Die Modellanstalt" übernommen worden. Auch in anderen Kapiteln fand die Charité kopierte Passagen und zog die Veröffentlichung zurück.

Hennig ist freier Autor, unter anderem für die taz, Gründer der Charles-Bukowski-Gesellschaft - und Mitglied der Berliner Lesebühnen, wo auch Jacob Hein auftritt. Im März erschien Hennigs Buch "Der Eisbär in der Anatomie". Darin hat er Geschichten aus der Charité gesammelt, nicht alle seien schmeichelhaft für die Einrichtung, sagt er.

Im Café Einstein will Hennig "den Schaden, der meinem Ruf zugefügt wurde, begrenzen". Er räumt ein, dass in der Chronik kopierte Passagen stehen, bestreitet aber, selber abgeschrieben zu haben. Er habe sich, weil er nicht genügend Unterstützung von der Charité bekommen habe, Zuarbeiter gesucht und diese von seinem Budget bezahlt. "Ich habe diese Passagen nicht geschrieben, sondern lediglich weitergeleitet", sagt er.

In den vier Kapiteln, die er selbst geschrieben habe, seien keine geklauten Stellen. Als er den Auftrag für die Chronik im Juni 2009 bekam, habe die Charité ihm zugesagt, dass die einzelnen Institute, die in der Chronik auftauchen sollten, ihm Material liefern würden. Dieses sollte er zusammenstellen und umschreiben. "Ich habe kaum etwas erhalten und auch keine Antworten auf meine Rückfragen bekommen", sagt Hennig.

Die Charité erwidert einige Stunden nach Hennigs Stellungnahme im Café Einstein mit einem Schreiben ihres Rechtsanwalts. Darin heißt es, Hennig habe umfangreiches Material erhalten und zu keinem Zeitpunkt urheberrechtliche Bedenken geäußert. Er habe zu keinem Zeitpunkt mitgeteilt, dass er Zuarbeiter herangezogen habe oder mit dem Auftrag überfordert sei.

Vermutlich wählte die Charité Hennig, weil eine historisch-wissenschaftliche Chronik zu aufwendig und zu teuer geworden wäre. "Ich habe weit weniger Honorar bekommen, als bei solchen Werken üblich ist", sagt Hennig. Er habe keine Chance gehabt, die Plagiate zu entdecken, da ihm vor Veröffentlichung des Buchs keine Kontrollfahne zugestellt worden sei. Auch mit der Lektorin habe er nie etwas zu tun gehabt. "Ich habe nichts von dem, was im Buch steht, zum Druck freigegeben", sagt Hennig.

Die Charité weist dies zurück. Es habe eine Korrekturfahne gegeben, die der Verlag an Jakob Hein gesendet habe. Dieser habe die Korrekturwünsche des Verlags mit Hennig besprochen. Und der habe signalisiert, dass das Buch fertig für den Druck sei.

Nun drohen Schadensersatzforderungen. "Es geht um 30.000 Euro", sagt Hennig. Die könne er nicht bezahlen: "Ich hoffe auf einen Vergleich. Sonst muss ich eine Privatinsolvenz in Betracht ziehen."

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