Eintauchen im Gefängnisbesuchsraum: Macken vom Knast

Auf knast.net schreiben sich die Freundinnen von Häftlingen den Frust von der Seele. Manch eine weiß nicht einmal, wie lange ihr Liebster sitzen muss.

Selten wird Organisatorisches geklärt, wie: den Fernseher mitbringen. Bild: Maria Kokina

Meistens endet die Gerichtsberichterstattung mit dem Urteilsspruch. Wird vom Richter eine Haftstrafe verhängt, verschwinden die TäterInnen von der Bildfläche, und es gibt kaum eine Gelegenheit, sich mit ihnen als Gefängnisinsassen auseinanderzusetzen.

Und die Angehörigen von Knastbewohnern? Die finden in der Öffentlichkeit erst recht so gut wie gar nicht statt. Eine der raren Ausnahmen ist knast.net, eine Seite, die neben vielen Informationen über Vollzugsanstalten, Rechtstexten, praktischen Tipps und Berichten von Gefangenen auch ein Forum nur für sie bereithält. Aus den Einträgen spricht die Einsamkeit.

Es sind vor allem junge Frauen, die hier reinschreiben, weil ihr Freund jetzt hinter Gittern sitzt - für anderthalb Jahre, für neun Monate. Manchmal wissen die Frauen noch nicht einmal genau für wie lange.

Die ganzen Unsicherheiten, die sie belasten: Was ist eigentlich genau passiert? Wo kommt mein Freund denn überhaupt hin? Erhält er die Briefe, die ich ihm schreibe? Wie wird es sein, wenn er rauskommt? Gibt’s dann noch eine gemeinsame Zukunft? „die männer die haben doch macken vom knast.“

Es sind selten konkrete Fragen, die hier gestellt werden, es kommt kaum einmal vor, dass Organisatorisches (wie: einen Fernseher mitbringen) abgeklärt wird; es spricht aus den meisten Beiträgen nur eine allgemeine Hilflosigkeit, eine anrührende Traurigkeit, manchmal aber auch viel Mut und Hoffnung.

22 Uhr Nachtruhe

Die Berichte der Strafgefangenen selbst sind Momentaufnahmen einer sehr speziellen Situation; Zu lesen gibt es ihren Werdegang, zum Beispiel den von Oliver oder Martin oder Manuel, und sie alle klingen gleich: zerrüttetes Elternhaus, trinkender oder abwesender Vater, Schläge zu Hause, Schulschwänzereien, Gewaltausbrüche, Alkohol, kleine Diebstähle, am Ende eben das Gefängnis. Und bei allen der Wunsch, nach Verbüßung der Haft ein straffreies Leben zu führen.

Über den Alltag und die Zwänge im Gefängnis steht hier wenig. Die Schilderung eines Tagesablaufs bietet einen kleinen Einblick: Sechs Uhr Wecken, Frühstück, von sieben bis zwölf Arbeit, eine Stunde Mittag, dann weiterarbeiten bis vier, eine Stunde Hofgang, Abendessen, Aufschluß bis 21 Uhr. 22 Uhr Nachtruhe.

Wie sehr bei Gefangenen das Gefühl vorherrschen muss, endgültig ausgeliefert zu sein, lässt ein Artikel von Clemens Weber erahnen, der die Konsequenzen eines Anstaltsleiterwechsels in der JVA Diez beschreibt: Plötzlich müssen sich Angehörige und Freunde drei Wochen vorher anmelden, was für Langzeitinhaftierte zur Konsequenz hat, dass sie häufig keinen Besuch mehr bekommen.

Obendrein sollen hohe Trennscheiben eingebaut werden, um Gefangene und Besucher zu separieren; kein Körperkontakt mehr, keine Küsse, keine Umarmung, auch nicht mit den eigenen Kindern. Und das, obwohl der Strafvollzug der Wiedereingliederung dienen soll.

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