Ein Treffen mit Aung San Suu Kyi: Aus dem Gefängnis der Angst

Die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi wurde 8 Jahre von Birmas Regime unter Hausarrest gehalten. Ihre Freilassung ist kein Zeichen für eine Liberalisierung der Militärdiktatur.

Nach 10 Jahren traf Aung San Suu Kyi ihren jüngsten Sohn Kim Aris wieder. Bild: dapd

RANGUN taz | Auf der einen Straßenseite sitzen die Staatsspitzel und beobachten die Umgebung. Es ist eine weite Straße, gut asphaltiert und ohne Schlaglöcher - was in Birma schon sehr bemerkenswert ist. Und auch wenn sie versuchen, möglichst unauffällig zu bleiben, ihre Kameras und Handys verraten sie. Auf der anderen Seite warten ihre Anhänger. Etwa zehn Sympathisanten hocken in einer Rikscha zusammen, kauen berauschende Betelnüsse und haben davon rote Zähne. Sie verfolgen ihre Schritte.

"Denn wir wissen ja nicht, ob sie nicht wieder irgendwann ins Gefängnis gebracht wird", sagt einer der Männer. Fast acht Jahre war sie Gefangene im eigenen Haus - seit vier Wochen ist Aung San Suu Kyi nun frei. Sie saß quasi in Einzelhaft, war isoliert, aber den Tausch von politischer Abstinenz gegen Freiheit schlug sie stets aus. Am 13. November wurde die birmesische Politikerin nach siebeneinhalb Jahren aus ihrem Hausarrest entlassen. Und jetzt kann die 65-Jährige sich wieder frei bewegen - soweit es in dem Militärregime überhaupt möglich ist.

Aung San Suu Kyi - eine Symbolfigur

Geboren wird Aung Suu Kyi 1945, ihr Vater ist der 1947 ermordete Unabhängigkeitskämpfer General Aung San. Sie studiert in Indien und im britischen Oxford. Die eigentlich im Ausland lebende Suu Kyi reist 1988 in die Heimat, um ihre kranke Mutter zu pflegen. Und sie bleibt. Mit der Gründung der NLD-Partei weckt Suu Kyi den Zorn der Junta. Im Juli 1989 wird sie erstmals unter Hausarrest gestellt, wenige Monate vor der Parlamentswahl. Bei dieser Wahl erringt ihre NLD einen fulminanten Sieg. Die Militärmachthaber erkennen das Ergebnis aber niemals an. Auch die Verleihung des Friedensnobelpreises im Jahr 1991 ändert nichts an ihrer Isolation. Ihr britischen Ehemann Michael Aris, Vater ihrer beiden Kinder, stirbt 1999 ohne noch einmal seine Frau gesehen zu haben. Während all der Jahre ihres Hausarrests hielt sie fast ausschließlich über ihren Arzt und ein Kurzwellenradio Verbindung zur Außenwelt.

Die University Street 54 in Rangun. Hier, am Inyasee, steht das Haus der "Symbolfigur für den weltweiten Kampf für die Verwirklichung der Menschenrechte" - so nannte Bundeskanzlerin Angela Merkel Aung San Suu Kyi. Nicht weit entfernt befindet sich die Shwedagon Pagode. In diesem goldenen Nationalheiligtum sollen der Legende nach acht Haare des Buddhas liegen. Hinter einem hohen Holzzaun sitzt ein Mann auf einem provisorisch zusammengezimmerten Hochstuhl und schaut sehr gelangweilt aus. Ist es möglich, Frau Aung San Suu Kyi zu sprechen? "Nein, sie ist nicht da", antwortet er höflich. Doch nur wenige Minuten wird die "Lady" - so wird sie hier in Birma genannt - von einem Chauffeur durch das Eisentor gefahren. Sie lächelt vom Rücksitz aus und winkt. Ist es nun möglich, sie zu sprechen? "Nein, sie ist nicht da", sagt er wieder.

Vier Tage später, in der Zentrale ihrer Partei, der Nationalen Liga für Demokratie (NLD). In dem unscheinbaren Bau hängen Bilder des Revolutionärs Che Guevara und von Aung San, ihrem Vater, dem Vorkämpfer für Birmas Unabhängigkeit. Und genau wie dieser wird heute seine Tochter in dem größten südostasiatischem Land verehrt.

In einem der dunklen Büros sitzt Tin Oo. Er ist der Vizechef der NLD. Auch ihn hat die Junta im Februar nach sieben Jahren Hausarrest freigelassen. Der frühere Armeegeneral und Verteidigungsminister war in den 70er Jahren in den Ruhestand versetzt worden, nachdem er sich mit der Militärführung überworfen hatte. Wegen seines Engagements für die Opposition im Wahljahr 1990 geriet er erneut in Konflikt mit den Machthabern. Die Regierung nahm ihn 2003 zusammen mit der Parteivorsitzenden Aung San Suu Kyi bei einer Kundgebung fest. Seitdem hielten sie den heute 83-Jährige mit dem tiefschwarzem Haar ohne Urteil in Haft. Seit seiner Freilassung ist er wieder politisch aktiv. "Wir wollen unsere demokratischen Rechte", sagt er, "Angela Merkel soll uns Oppositionelle stärker unterstützen." Und er schiebt hinterher: "Sie muss uns helfen. Denn Merkel weiß doch, wie das Leben unter einer Diktatur ist."

Hinter Tin Oo steht eine Goldbüste von Aung San Suu Kyi. Die Menschen hier tragen ihr Bild am Revers, als Aufkleber oder gar mit Diamanten umrahmt. Sie huschen durch die Räume, einige spielen Karten, Frauen kochen im Eingangsbereich. Vor der NLD-Zentrale werden für umgerechnet wenige Cents Souvenirs - Schlüsselanhänger und T-Shirts - mit ihrem Foto darauf verkauft.

Dann taucht sie plötzlich auf und alle versammeln sich um sie, die Friedensnobelpreisträgerin, die rund 15 Jahre in Hausarrest verbringen musste. Aung San Suu Kyi ist an diesem Tag gekommen, um Mönchen Spenden zu übergeben. Kerzengerade sitzt sie da. Sie hat ein gelbes, kurzes Jäckchen und ein kariertes Longi - den traditionellen Wickelrock an. In ihrem schwarzen Haar steckt eine gelbe Blume, sie lächelt unentwegt.

Aung San Suu Kyi klagt niemanden an

Sie sagt, "das einzige Gefängnis ist die Angst, und die einzige Freiheit ist die Freiheit von der Angst". Aung San Suu Kyi klagt niemanden an, sie verurteilt auch die Junta nicht. Diese Frau sucht den Dialog. Das Militär habe sie während des jüngsten Hausarrests anständig behandelt. "Ich wünschte nur, sie würden das Volk genauso behandeln", sagt sie in der Zentrale ihrer Partei, die es offiziell eigentlich gar nicht mehr gibt. Denn die NLD war im Mai aufgelöst worden, weil sie der Forderung des Regimes nicht nachgekommen war, Aung San Suu Kyi aus der Partei auszuschließen.

Die NLD organisierte sich daraufhin als Hilfsorganisation, um ihre Strukturen aufrechtzuerhalten, und ist weiterhin in der Opposition aktiv. An den gefälschten Wahlen am 7. November konnte die Partei deswegen nicht teilnehmen. Zwar versucht Aung San Suu Kyi gegen das Parteiverbot gerichtlich anzugehen, aber ein politisches Amt strebe sie nicht mehr an. "Mein Hauptziel ist die Schaffung eines Netzwerks von Menschen, die für den Prozess der Demokratisierung arbeiten", sagt sie.

Sie will die birmesische Junta nicht herausfordern, sondern eine Vereinbarung mit den Generälen erreichen. Und was kann Deutschland machen, um die demokratischen Strömungen in Birma zu unterstützen? "Es wäre schön, wenn Deutschland sich stärker für uns einsetzen würde. Wir haben nicht das Gefühl, dass in Deutschland großes Interesse an der birmesischen Opposition besteht."

Birma, eines der ärmsten Länder Asiens und eine Diktatur. Das Land gilt als so korrupt und ineffizient regiert, dass es beim "Weltreport der Wirtschaftlichen Freiheit" regelmäßig auf einem der letzten Plätze landet, noch hinter Simbabwe und dem Kongo. Nur in der Rauschgiftproduktion hält der südostasiatische Staat einen Spitzenplatz. Suu Kyi war nur eine von vielen Inhaftierten in dem Militärregime. Etwa 2.100 politische Gefangene werden momentan von den Machthabern festgehalten, die Wahlen fälschen und ethnische Minderheiten unterdrücken.

Die Medien sind gleichgeschaltet. In der überall ausliegenden Staatszeitung The New Light of Myanmar werden täglich dieselben Losungen wiederholt: "Zermalmt alle destruktiven Elemente!", heißt es da unter der Rubrik "Was das Volk wünscht". Aung San Suu Kyi ist hier die "Hure des Westens". Neun Magazine, die ausführlich über die Freilassung der Friedensnobelpreisträgerin berichtet hatten, wurden inzwischen von der Zensur verboten. Konkrete Gründe wurden von der Aufsichtsbehörde nicht genannt, aber alle neun Magazine sind zuletzt mit Sonderbeilagen und großen Fotos von Aung San Suu Kyi erschienen und jetzt von den Zeitungsständen verbannt worden.

Aung San Suu Kyi, geboren 1945, studierte in Oxford

Aung San Suu Kyi, geboren 1945, ist die Tochter eines Generals, der 1947 für die Unabhängigkeit Birmas kämpfte und ermordet wurde. Sie studierte in Oxford und lebte lange mit ihrem Mann, dem britischen Tibetologen Michael Aris, in Bhutan. Zur Aktivistin für die Demokratie wurde sie im Jahr 1988, als sie nach Birma zurückkehrte, um ihre Mutter zu pflegen. Kurz nach den blutig niedergeschlagenen Studentenunruhen im selben Jahr wandte sie sich zum ersten Mal mit einer Rede an die Öffentlichkeit und wurde im Juli 1989 erstmals unter Hausarrest gestellt. Die Wahlen von 1990, die ihre Partei NLD mit gut 80 Prozent gewann, erkannten die Generäle nie an. Die folgenden Jahre über wurde Aung San Suu Kyi immer mal wieder unter Auflagen aus dem Gefängnis freigelassen, aber es fanden sich immer auch wieder Vorwände, um sie erneut einzusperren - bis jetzt.

Aung San Suu Kyi hat ihr Zen-Lächeln aufgesetzt

Seit ihrer Freilassung ist die Menschenrechtlerin ununterbrochen unterwegs, trifft sich mit Diplomaten, Politikern und Mönchen. Zehn Tage nach dem Ende ihrer Gefangenschaft hat die Aktivistin Besuch von ihrem jüngsten Sohn erhalten. Es war das erste Wiedersehen nach zehn Jahren. Als sie den 33 Jahre alten Kim Aris auf dem Flughafen in Rangun letzten Dienstag verabschiedet, werden beide von Touristen und Einheimischen umzingelt und unentwegt fotografiert, alle wollen ein Bild von ihnen und haben Fragen. Aung San Suu Kyi hat ihr Zen-Lächeln aufgesetzt. Die Frau versucht den Fragenden aus dem Weg zu gehen. Es ist fast so, als befänden sich gerade zwei Popstars am Flughafen.

Nun soll ihr Leben auch verfilmt werden. Die Schauspielerin Michelle Yeoh, bekannt durch ihre Rolle in dem "Bond"-Blockbuster "Der Morgen stirbt nie", war bereits zu Besuch in Rangun. Der voraussichtliche Titel des Films lautet: "Dans la Lumière" - "Im Licht".

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