Ein Schulranzen für den Staatsrat: Der Biss in Kücks saure Zitrone

30 SozialarbeiterInnen für alle Bremer Schulen seien viel zu wenig, erklärt eine Delegation der SchulsozialarbeiterInnen dem Staatsrat für Bildung.

Schulen sind dynamische Orte - an denen SozialarbeiterInnen viele Aufgaben haben Bild: dpa

BREMEN taz | Volles Programm hatte Susanne Halle am vergangenen Freitag. Vormittags half die Sozialpädagogin an der Grundschule Düsseldorfer Straße bei der Schuleingangsuntersuchung der ErstklässlerInnen. Danach stand sie der neuen Klassenlehrerin bei, als diese die Kleinsten an der Ganztagsgrundschule in Blockdiek durch das gemeinsame Mittagessen schleuste.

Anschließend schlichtete sie einen Streit zwischen zwei Viertklässlern, die sich am Donnerstag geprügelt hatten. „Leider konnte ich nicht dazukommen, weil ich woanders zu tun hatte – das passiert hier ständig“, sagt Halle. Das Gespräch mit den beiden sei aber sehr gut gewesen, was sie auch der Mutter des einen mitteilte, mit der sie im Anschluss redete.

Dazu, mal zwischendurch im Sekretariat nachzufragen, ob etwas passiert sei, und wo sie gebraucht würde, kam sie nicht, auch ihre Mails blieben an diesem Tag ungeprüft. Halle hatte noch ein Treffen mit der neuen Klassenlehrerin, um mit ihr zu besprechen, wie sie das Mittagessen der Kleinen am besten begleiten können. Für den letzten Termin des Tages fuhr die Sozialarbeiterin in die Innenstadt, genauer zum Rembertiring, dem Sitz der Bildungssenatorin. Dort übergab sie gemeinsam mit drei Kollegen und einer Kollegin dem Staatsrat für Soziales, Gerd-Rüdiger Kück, den die SPD vom Kanzlerposten an der Universität abgeworben hatte, eine Liste mit mehr als 1.000 Unterschriften.

Die UnterzeichnerInnen schließen sich der Forderung an, dafür zu sorgen, dass auch in Zukunft Sozialarbeiter wie Susanne Halle flächendeckend an Bremer Schulen arbeiten können. Denn das, was die Bildungssenatorin Eva Quante-Brandt (SPD) mit ihren Senatskollegen ausgehandelt hat, reiche nicht, findet Jens Singer, der Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft Schulsozialarbeit. „Das ist eine saure Zitrone, in die wir da beißen sollen“, sagte er am Freitag dem Bildungsstaatsrat Kück. Denn der hat erst einmal versprochen, 30 Stellen zu finanzieren, bis zum Ende des Schuljahres. 12,4 Stellen weniger als derzeit noch von 46 Personen besetzt sind – an 58 Schulen. Viele teilen sich eine Sozialarbeiterin beziehungsweise einen Sozialarbeiter.

Auch Singer, der zuvor acht Jahre das Jugendhaus in der Buchtstraße geleitet hat, arbeitet an drei Schulen in Obervieland. Er fordert, wie die Opposition aus CDU und Linkspartei, die langfristige Finanzierung von mindestens 50 Stellen. Diese hatte Renate Jürgens-Pieper (SPD) als Vorgängerin von Quante-Brandt im Oktober vor zwei Jahren zugesichert und angekündigt, zum 1. August 2012 weitere Stellen zu schaffen. Begründet hatte sie dies in einem Schreiben an die ParlamentarierInnen damit, dass soziale Arbeit in Schulen dazu beitrage, „Benachteiligungen zu vermeiden oder abzubauen“.

Das Problem an der Sache: Bremens SchulsozialarbeiterInnen werden aus Berlin bezahlt und dies nur bis Ende dieses Jahres, über das Bildungs- und Teilhabepaket. Dieses hatte die schwarz-gelbe Bundesregierung geschaffen, um die Hartz-IV-Sätze nicht erhöhen zu müssen – und dennoch etwas für arme Familien zu tun. Dass nach zwei Jahren die Bundesfinanzierung der Schulsozialarbeit auslaufen würde, war von Anfang an klar. Doch Bremen, daraus machte Staatsrat Kück beim Besuch am Freitag keinen Hehl, setzt weiter darauf, dass der Bund die Kosten komplett weiter übernehmen wird.

Welche Schulen jetzt wenigstens noch bis Ende des Schuljahrs ihre SozialarbeiterInnen behalten dürfen, soll bis Ende des Monats entschieden sein, so Kück. „Es geht jetzt darum herauszufinden, welche Schulen am wenigsten darauf verzichten können“, sagte die Sprecherin der Bildungssenatorin, Christina Selzer. Ein Kriterium sei die Versorgung mit LehrerInnen, ein anderes die soziale Struktur im Stadtteil.

Dabei, sagt Singer, bräuchten nicht nur Kinder aus benachteiligten Familien einen Ansprechpartner an der Schule, der sie nicht benotet und bewertet. „Probleme haben auch Schüler und Schülerinnen in Schwachhausen.“ Nach seiner Auffassung ist ein Schulsozialarbeiter auch kein Feuerwehrmann, der dorthin kommt, wo es gerade besonders heftig brennt. „Es geht darum, Vertrauen aufzubauen, dann können wir auch recht erfolgreich jemanden integrieren“, sagt Singer. Wenn die über zwei Jahre von ihm und seinen KollegInnen geleistete Beziehungsarbeit jetzt abgebrochen werde, dann sei das „ein Drama“ für die Schüler und Schülerinnen.

Neben den seit November 2011 über das Teilhabepaket eingestellten SozialarbeiterInnen arbeiten an Bremer Schulen 100 SozialpädagogInnen. In der Praxis, sagt Singer, würden sich ihre Aufgaben nicht voneinander unterscheiden. Allerdings sei bei ihm und seinen KollegInnen die Abgrenzung zu den LehrerInnen deutlicher.

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