Schaubühne: Ein Lurch wie ein Land
Mythen und Kolonialgeschichte, Rassismus und Regenerationsfähigkeit: Der Axolotl vereint ganz Mexiko in einemTier. Nachforschungen im Heimatlanddes dauerlächelnden Kiemenatmer offenbaren faszinierende Geheimnisse.
Von Moritz Osswald ↓
Es ist kühl im Raum, lurchgerechte 16 Grad Celsius. Auf dem Boden stehen vier offeneWassertanks mit einer Kapazität von bis zu 750 Litern. Sie sind nur minimal gefüllt, ein kleiner Schlauch gluckst unentwegt in das hellgelbe Wasser. Am Boden: mehrere schwarze Axolotl. Dass sie eigentlich dunkel aussehen, verwundert viele. In den Medien sind meistens weiße Albino-Axolotl abgebildet. „Das ist Rassismus“, sagtJosé Antonio Ocampo Cervantes.
Ocampo ist Ingenieur für Aquakultur und Leiter des CIBAC. Das ist das Zentrum fürbiologische und aquakulturelle Forschung, esgehört zur Autonomen Hauptstädtischen Universität (UAM). Er empfängt in einer kleinen Hütte auf dem Gelände direkt an einem derChinampas, der Kanäle in Mexiko-Stadt. Zurzeitist nicht viel los. Sommerferien.
Seit fast sieben Jahren gehört OcamposLeben dem mexikanischen Schwanzlurch. „Siesind Opportunisten“, sagt er. Ließe man denAxolotl-Nachwuchs zu lange mit den Eltern imBrutkasten, würden diese ihre Kinder einfach auffressen, versichert er. Was genau ihn an denTieren so fasziniert, kann der 50-Jährige nichtrichtig ausdrücken. Vielleicht liegt der Reizgerade im Rätsel. „Es sind schon seltsame Tiere“,gibt er zu.
„Spiegel Online“ nennt ihn den „Wunderlurch“. Das liegt vor allem an seiner beachtlichenFähigkeit der Wundheilung: Verletzt sich ein Tier, verliert es beispielsweise ein Bein, wächstdieses durch ein internes Zellerneuerungs-Programm automatisch nach. Deswegen ist die Spezies eines der gefragtesten Labortiere derWelt: Ob Hormonforschung oder regenerativeMedizin – alle wollen das Geheimnis des Tiersentschlüsseln.
1804 brachte der Naturforscher Alexandervon Humboldt Sondergepäck mit nach Europa. Zwei tote Axolotl schickte er ins NationaleNaturkundemuseum nach Paris, wo sie als exotisches Objekt ausgestellt wurden. Damit legte derDeutsche den Grundstein für die Axolotl-Forschung. Doch leider ist die noch immer Äonen davon entfernt, Medikamente für den menschlichen Gebrauch zu entwickeln. „Das Einzige, waswir bisher haben, sind experimentelle Studien“, erläutert José Ocampo. Das Genom desAxolotls wurde bereits dekodiert. Mit 32 Milliarden Basenpaaren ist es zehnmal größer alsdas menschliche. Es sei zwar bekannt, welche Genefür die Regeneration von Körperteilenverantwortlich sind, jedoch nicht, wie diese Gene aktiviert werden. Zudem ist das lurcheigene Wundheilungs-Programm nicht perfekt. José Ocampo grinst leicht, als er die Anekdote auspackt: „Wir hatten hier einen Axolotl, der sich im Halsbereich verletzt hatte. Im Zuge des Regenerationsprozesses wuchs ihm ein Beinaus dem Hals heraus.“ Am mythischen Megalurch kommt dagegen kaum einer vorbei. Der Axolotl ist in der modernen Popkultur das wohl am besten repräsentierte Amphibium: Bücher (Helene Hegemann), Serien (Pokémon), Filme (Dune), Computerspiele (Minecraft) und natürlich Literatur; 1956 widmete der argentinische Schriftsteller Julio Cortázar dem Wassertier sogar eine Liebeshymne. Ein Auszug: „Die Zeit fühlt sich wenigeran, wenn wir still sind. Es war ihre Stille, die mich fasziniert hat, als ich die Axolotl zum ersten Mal sah.“
Ein Lurch, der sich weigert
Der Axolotl ist voller Mythen, was ihn ungemeinmexikanisch macht. In unzähligen Medienberichten wird eine Geschichte erzählt, die anthropologisch durchaus sexy klingt: Die Azteken sahen im Axolotl die Inkarnation von Xólotl, dem Gott des Feuers und des Blitzes. Im Vergleich zu anderen aztekischen Gottheiten bereitete ihm der Gedanke des Sterbens und Aufopferns wenig Freude. Er wollte ewig leben, wie der Axolotl. Was übersetzt aus der aztekischenUrsprache Náhuatl „Wassermonster“ bedeutensoll. So bekommt der stille Schwanzlurch gleich noch eine tiefsinnige, prähistorische Note.
Doch all das stimmt vielleicht überhauptnicht. „Die Azteken maßen dem Axolotl keine mythische Bedeutung bei“, erklärt José Ocampo. In den wenigen erhaltenen „Códices“, wie dieArchäologie hier die alten aztekischen Überlieferungen nennt, taucht der Axolotl nicht auf. Allerdings zerstörten die spanischen Eroberer –oft die umfangreichste, aber wenig objektiveQuelle für prähispanische Zeitgeschichte Mexikos – unzählige dieser Dokumente. Das ist der Mystizismus des Axolotls: Er existiert seit Ewigkeiten, doch wir wissen noch so wenig über ihn.
Was bekannt ist: In freier Wildbahn ist der Axolotl vom Aussterben bedroht. In den prähispanischen Kanalsystemen zählte man im Jahr 1998 noch 6000 Tiere pro Quadratkilometer.Die letzte Erhebung aus dem Jahr 2015 kommt nur noch auf 36. Die gefährlichste und unberechenbarste aller Spezies ist und bleibt der Mensch: Sinkende Wasserqualität und die Einführungnatürlicher Fressfeinde ins Ökosystem haben zum Niedergang des bis zu 30 Zentimeter langen Tiers beigetragen.
An Labortieren herrscht dagegen keinMangel. Das bringt jedoch ein anderes Problemmit sich, wie Forscher Ocampo erklärt: „Nach einiger Zeit hat man festgestellt, dass durch einegewisse, nun ja, Blutsverwandtschaft, die genetische Qualität der Ajolotes in Mitleidenschaftgezogen wurde.“
Nun sag, wie hältst du‘s mit dem Lurch?
Der Ajolote, so die Schreibweise in seiner Heimat, gehört zur Gattung der Querzahnmolche.Er frisst Insekten, kleine Fische, Garnelen und Würmer und ist ein schwimmendes Paradoxon.Als Salamander-Art sollte er sich ab einem bestimmten Alter eigentlich per Metamorphose vom kiemenatmenden Wassertier zum lungenatmenden Landtier verwandeln. Doch der Ambystoma mexicanum weigert sich. Die Geschlechtsreife erreicht er zwar, doch er morpht keinBisschen. Er ist der „Peter Pan“ der Amphibien, wie der mexikanische Biologe Luis ZambranoGonzález ihn einst taufte. Ein Leben im ewigen Larvenzustand.
Chapultepec ist der Central Park Mexiko-Stadts. Die grüne Lunge, das ökologische Herz, ein Stück urbane Natur. Wer nachts mit dem Flugzeug über die Megacity fliegt, sieht Chapultepec unfreiwillig: ein schwarzes, lichtloses Gebiet, das im Ozean an Kunstlicht für Dunkelheit sorgt. Hier gibt es alles: Wald, Schloss,Essen, Filmvorführungen, einen kleinen See mit Tretboot-Vermietung. 100 Jahre Chapultepec-Zoo feiern die Mexikaner:innen dieses Jahr. Ein neues Highlight des Tierparks: das Axolotl-Museum mit dem wenig metaphorischen Namen „Anfibium“.
Die Menschenmassen im Axolotl-Fieber werden nur in Grüppchen nacheinanderreingelassen. Gleich beim ersten Glaskasten mit schwimmenden Tieren kreischt ein Vater sein Kind an: „SCHAU MAL, EIN DRACHE!“ Ein paar Meter weiter schaut der neunjährigeMathias kurz zu seiner Tante hoch, bevor er seinendgültiges Pressestatement liefert: „Mir gefälltder aus Xochimilco am besten.“
Insgesamt 17 Axolotl-Arten gibt es in Mexiko. Vier davon sind im Anfibium zu sehen, in 29 Glaskästen lurchen die rund vier Monate jungen Tieren vor sich hin. Ihre aktive Inaktivität istfaszinierend. In einem Kasten liegen siebendunkelbraune Axolotl mit schwarzen Punktenübereinander; eine massive Lurch-Orgie scheint im Gange, doch so richtig bespaßt sieht keinerder Teilnehmer:innen aus. Ohnehin ist der Fortpflanzungsprozess eher auf Effizienz ausgelegt:Das Männchen legt eine gelatineartige Kapselmit den Spermien ab wie ein DHL-Paket beim Nachbarn. Das Weibchen entscheidet sich dann für ein bestimmtes Paket. Warum und nach welchen Regeln das passiert, weiß die Wissenschaft noch nicht.
Alejandro Hernández ist gekommen, umseiner fünfjährigen Tochter Isabella den Axolotl zu zeigen. Sie beobachten die lautlosen Lurche. Ihm gefällt das Museum, sagt er, dem Nachwuchs auch. Die Tiere auf den Arm nehmen ist strengstens verboten. Axolotls können sich zwar an Land bewegen, doch zu lange über Wasser setzt sie unter Stress. Dafür dürfen die KidsGummitiere in großen stahlgrauen Waschbecken anfassen, die beinahe realistisch aussehen. Dieglitschig-nasse Textur der Haut, die täuschendechten Gummikörper – die Kinder sind begeistert. Familienvater Alejandro freut sich auch, denn: „Der Ajolote ist ein eigen mexikanisches Tier. Er hat etwas, das Mexiko repräsentiert.“
Vor allem aber ist der lauerjagende Lurch wie passives autogenes Training für die Augen. Man möchte sich zur Behauptung versteigen: Kein anderer Lurch beruhigt die Seele des Zuschauenden derart. Und vielleicht knackt die Wissenschaft eines Tages sein regeneratives Rätsel. Auf Kontext-Nachfrage jedenfalls wollte sich keiner der befragten Lurche äußern.
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